Serie „60 Minuten“

Mit dem Bücherwagen von Patient zu Patient

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Birgit Behrndt (v.) und Lieselotte Busche bereiten die Bücherwagen für ihre Touren vor.

Rotenburg - Wer die Patientenbücherei im Diakonieklinikum Rotenburg sucht, muss in den Keller. Auf dem Weg nach unten springt dem Suchenden auf der Übersichtstafel das Wort „Pathologie“ entgegen. Gemütliches Ambiente für eine Bücherei. Unten angekommen wartet ein langer, gerade leerer Gang. Auf der rechten Seite steht die Tür eines großes Raumes offen, viele Krankenhausbetten stehen darin. Weiter vorne taucht endlich das Schild „Bücherei“ auf. Und dann wartet auf den Besucher eine Überraschung: Wer durch die Tür tritt, wird von einem warmen, gemütlichen Raum empfangen.

Mehrere graue Regale an den Wänden und in der Mitte des Raumes beinhalten Bücher, Spiele, Hörbücher und Zeitschriften der unterschiedlichsten Genres. Zwei schwarze Ledersessel vor einer kleinen Küchenecke laden zu einer Pause ein, an einer blau gestrichenen Wand hängt ein Meeresbild. „Unsere Aussicht seit dem Umzug in den Keller“, scherzt Leiterin Birgit Behrndt. Sie ist eine von 48 „Grünen Damen“: Ehrenamtliche, die Patienten den Krankenhausalltag erleichtern.

Nach und nach trudeln immer mehr Frauen ein, sie begrüßen sich herzlich, einige mit Umarmung. Alle sind gut gelaunt, scherzen miteinander, planen den Tag. Humor ist bei ihrer Arbeit wichtig – auch, wenn es manchmal Galgenhumor ist. „Man sieht vieles, was man nicht sehen möchte“, so Behrndt, die seit 19 Jahren dabei ist. Langweilig wird es indes nie, zu tun gibt es genug – sogar zu viel. „Uns fehlen in jedem Bereich Helfer“, sagt eine Kollegin, während sie ihre Tasche verstaut. „Man möchte mehr machen, aber das geht nicht immer“, ergänzt Behrndt.

Die Leiterin geht um ein Regal herum und prüft den Bücherwagen. Alles dabei, Zeitschriften, Bücher? Dann kann es losgehen. Eine weitere Ehrenamtliche, Evelin Hüske, schließt sich ihr an und übernimmt den schweren Wagen. „Ich schiebe, du sabbelst“, sagt sie. Klare Rollenverteilung. Behrndt lacht, das macht ihr nichts aus. „Ich rede gerne“, meint sie. Zu zweit zu sein, sei aber Luxus, meist sind die Damen allein im Haus unterwegs.

Sie bewegen sich Richtung Komfortstation – oder versuchen es, denn die drei großen Fahrstühle lassen sich Zeit. Also gehen sie zu einem Kleineren an der Seite. Allerdings wird es darin mit drei Personen und dem Wagen kuschelig. Oben angekommen, führt der Weg durch lange Gänge, links, rechts, links. Vielleicht hätte jemand Brotkrumen streuen sollen, für den Rückweg, zur Sicherheit. Behrndt grinst. „Hier legen wir einige Kilometer zurück.“

Am Ziel angekommen, wird offensichtlich: Die Komfortstation macht ihrem Namen alle Ehre. Allerdings sind nur wenige Zimmer belegt. Behrndt klopft vergebens an mehrere Türen, bis sie auf eine Patientin trifft. Freundlich erklärt sie, woher sie kommt und fragt, ob etwas zum Lesen benötigt werde. „Nein, ich habe selber etwas dabei“, lehnt die Dame dankend ab. Im nächsten Zimmer sieht es ähnlich aus. „Ich habe ein Tablet, ich weiß gar nicht mehr, wie eine Zeitung aussieht“, scherzt der Patient. Dann hat Behrndt Erfolg: Ein Patient freut sich über die Ablenkung, behält drei Zeitschriften da. Auf seine Bitte hin zieht Behrndt noch die Vorhänge auf – Hilfestellung in jeder Situation. Jeden einzelnen fragt die Leiterin nach seinem Befinden, der ein oder andere steht kurz vor der Entlassung und freut sich entsprechend. Sie nimmt sich Zeit, wenn nötig, doch die meisten Gespräche sind heute kurz. Das kann auch anders aussehen. „Der Redebedarf ist oft groß und nimmt zu“, weiß Behrndt – auch dem Zeitmangel der Fachkräfte geschuldet, schütten Patienten den Damen nicht selten ihr Herz aus.

Da die beiden schneller sind als gedacht, fahren sie zurück in den Keller, um einen anderen Buchwagen zu holen und die Kinderstation zu besuchen. Die ist wesentlich belebter – und bunter. Auch dafür zeichnen die Damen verantwortlich, verschönern nach und nach Fenster, Gänge und Zimmer. Bevor sie jedoch eines betritt, desinfiziert Behrndt ihre Hände. „Das ist wichtig“, erklärt sie. Sie klopft an die Tür, ein Jugendlicher liegt dort im Bett, er ist allein und sieht etwas gelangweilt aus. Aber er möchte lieber W-Lan statt eines Buches – dabei kann Behrndt ausnahmsweise nicht helfen. Im nächsten Zimmer soll ein kleiner Junge liegen, er ist aber gerade abgeholt worden. Sein Vater sitzt am Tisch und wartet. Behrndt spricht kurz mit ihm. Lesestoff wird auch hier nicht gebraucht, Luftballons sind aber gerne gesehen. „Die haben wir immer dabei“, sagt Hüske.

Hier enden 60 Minuten mit den beiden ehrenamtlich tätigen Damen. Sie machen aber weiter, es warten weitere kleine Patienten – und einer von ihnen freut sich sicher über ein Buch oder Spiel, das ihn für eine Weile vom Krankenhausalltag ablenkt.

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