INTERVIEW AM WOCHENENDE Jörn Ehlers über die verschärften Düngeregeln

„Offen dokumentieren, was wir tun“

Statt vorher innerhalb von vier Stunden, müssen Landwirte Dünger und Gärreste künftig binnen einer Stunde einarbeiten. Foto: imago images/ Deutzmann

ROTENBURG - Von Farina Witte. Die Landwirte in der Region müssen erneut umdenken in Sachen Düngung. Denn die geltenden Regeln werden erneut verschäft. Das ist klar geworden, als das Land Niedersachsen die roten Gebiete veröffentlicht hat, in denen der Boden überdüngt ist. Auch der Landkreis Rotenburg ist in weiten Teilen betroffen. Im Jörn Ehlers, Vorstandsvorsitzender des Landvolkverbandes Rotenburg-Verden, spricht darüber, welche Folgen die Verschärfungen haben könnten und welche Rolle er für die Landwirtschaft sieht, wenn es um die Reduzierung von Nitratwerten geht.

Wie sehen die strengeren Regeln genau aus?

In den nitratsensiblen Gebieten muss der Landwirt zukünftig seinen Wirtschaftsdünger analysieren lassen. Er muss Wirtschaftsdünger und Gärreste innerhalb einer Stunde einarbeiten, und er muss einen Monat länger eine Lagermöglichkeit für Dünger schaffen.

Was ändert sich im Vergleich zu vorher?

Vorher war es möglich, Standardwerte statt Analyse für die Düngung zu verwenden. Auf dem Feld musste der Dünger bislang innerhalb von vier Stunden eingearbeitet werden. Außerdem waren es zuvor sechs statt nun sieben Monate Lagerkapazität, die vorhanden sein müssen.

Sind die neuen Regeln umsetzbar?

Alle diese Maßnahmen sind umsetzbar, werden jedoch Kosten für den Landwirt verursachen.

Welche Anforderungen sehen sie besonders kritisch?

Die Erhöhung der Lagermöglichkeiten wird die höchsten Kosten verursachen und bedarf in der Regel einer Baugenehmigung. Diese ist unter Umständen langwierig oder überhaupt nicht zu bekommen.

Was könnten konkret die Folgen für Betriebe sein?

Kurzfristig Reduzierung der Tierzahlen und damit Verminderung des Einkommens der Familien um etwa 15 Prozent.

Sind hinsichtlich der Entwicklung der Landwirtschaft generell Auswirkungen zu befürchten?

Die Landwirtschaft musste sich schon immer veränderten Rahmenbedingungen anpassen. Für uns ist wichtig, dass uns Zeit für Veränderungsprozesse gelassen wird, damit möglichst viele Betriebe auch in Zukunft wirtschaften können. Es wird uns schwer fallen, in gemeinsamen Märkten unter unterschiedlichen Bedingungen konkurrenzfähig zu bleiben.

Im Landkreis Rotenburg weisen die Böden nach wie vor an vielen Stellen zu hohe Nitratwerte auf. Grafik: Landwirtschaftsministerium

Woran liegt es eigentlich, dass in bestimmten Regionen die Grenzwerte deutlich überschritten wurden und werden?

Die Ursachen können je nach Messpunkt sehr unterschiedlich sein. Eine mögliche Ursache ist auch zweifellos die Landwirtschaft. Wir haben allerdings auch Grenzwertüberschreitungen an Punkten fernab der Landwirtschaft. Oft wird Tierhaltung oder Biogas mit überhöhten Grenzwerten im Zusammenhang gesehen. So einfach ist es allerdings nicht, sondern in weiten Teilen Niedersachsens falsch. Wir haben Belastungen auch in reinen Ackerbauregionen, oder wenig trotz hoher Tierzahlen.

Die Düngeverordnung ist von 2017, jetzt gibt es wieder Verschärfungen. Ist das überhaupt genügend Zeit, um zu beurteilen, ob die Maßnahmen von vor zwei Jahren gewirkt haben?

Eine sehr gute Frage, die ich eindeutig mit Nein beantworte. Allerdings muss ich sagen, die rote Gebietskulisse und die beschriebenen Maßnahmen gehören zu den 2017 auf den Weg gebrachten Regelungen. Viel gravierender für uns Landwirte wird die noch angedachte Verschärfung sein. Hier ist die Rede von einer pauschalen Reduzierung der Düngung um 20 Prozent unter Pflanzenbedarf.

Sehen Sie Alternativen, um die Nitratwerte im Grenzbereich zu halten?

Transparenz! Wir Landwirte sollten möglichst offen und umfassend dokumentieren, was wir tun. Hierzu ist zum Beispiel in Niedersachsen das Programm „Enni“ gestartet worden. Dort werden Betriebsdaten gesammelt und ausgewertet, um Fehler auf landwirtschaftlichen Betrieben zu erkennen, um diese Landwirte dann zu überprüfen. Wir müssen es aber gleichzeitig schaffen, das all die Landwirte, die jeden Tag einen hervorragenden Job machen, nicht mit noch mehr Bürokratie und Kontrollen belastet werden. Zu wenig wird meiner Meinung nach auch in andere Richtungen gedacht, sondern zu pauschal nur die Landwirtschaft gesehen. Ein riesiger Unsicherheitsfaktor ist zum Beispiel unsere öffentliche Abwasserbeseitigung. Die Kanalisationen sind oft jahrzehntealt und marode. Auch diese Möglichkeiten müssen untersucht werden.

Das Landvolk Rotenburg möchte mit weiteren Verbänden aus dem Bereich Stade die Messwerte überprüfen. Wieso glauben Sie, dass das notwendig ist? Rechnen Sie mit anderen Ergebnissen?

Je mehr wir uns mit der Systematik der Roten Gebiete beschäftigen, umso deutlicher wird uns, dass es bei der Abgrenzung Schwachpunkte gibt. Wir fordern eine nachvollziehbare Methodik, die möglichst kleinräumig dort die Probleme aufzeigt, wo sie sind. Deshalb halte ich es für gerechtfertigt, dass wir frühzeitig eigene Experten zurate gezogen haben.

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