Lockerungen: Verwirrung bei Einzelhändlern und Kunden

Öffnung mit Fragezeichen

Die Geschäfte dürfen zumindest eingeschränkt wieder öffnen. Kunden stehen im Rotenburger Modehaus Baumeister  und lassen sich bedienen.
+
Bitte einmal die Kontaktdaten hinterlegen. Oder doch nicht? So richtig klar ist die Lage am Montagmittag noch nicht, finden Birgit Bade (r.) vom Modehaus Baumeister und ihre Mitarbeiterin.

Rotenburg – „Es könnt’ alles so einfach sein – isses aber nicht.“ In ihrem Song „Einfach sein“ bringen es die Fantastischen Vier wunderbar auf den Punkt. Corona belästigt uns schon seit einem Jahr. Aber klar ist vielen Menschen zurzeit nur wenig – zumindest, wenn es um die aktuellen Verordnungen geht, mit denen auf der einen Seite das Virus in Schach gehalten, bestenfalls sogar bekämpft werden soll, andererseits aber endlich auch wieder Lockerungen vorgesehen sind.

  • Ordnungsamtsleiter bemängelt Kommunikation
  • Irritationen wegen der Kontaktlisten
  • Geschäfte freuen sich über Kunden

Frank Rütter, Leiter des Rotenburger Ordnungsamtes, und seine Kollegen erreichen am Montag jede Menge Anrufe. Es sind Geschäftsleute, die einfach nicht wissen, was sie jetzt dürfen – und was nicht. „Die Kommunikation von ganz oben nach ganz unten funktioniert nicht“, stellt er fest. Rütter verweist auf die Landesverordnung. In der sei alles geregelt. Die zu verstehen, ist nicht leicht. Da ist es vielleicht besser, einfach mal zum Telefon zu greifen.

Fakt ist: Zusätzlich zu jenen Geschäften, die auch bisher regulär ihre Türen öffnen durften, kommen jetzt Buchhandlungen sowie Orthopädieschuhmacher und -techniker. Für alle anderen Einzelhandelsgeschäfte gilt: „Call & Meet“ – anrufen, Termin machen und rein in den Laden. Christine Huchzermeier, Sprecherin des Landkreises: „Es wird die Landesverordnung umgesetzt, eine Allgemeinverfügung dazu wird es vom Landkreis nicht geben.“ Was es aber gibt, ist eine angepasste Verfügung hinsichtlich des Tragens von Mund-Nasen-Schutz.

Dieser Montag, an dem bundesweit neue Regelungen greifen, sorgt für Verunsicherung. Bei Geschäftsleuten und auch bei Kunden. Birgit Bade vom Modehaus Baumeister hat sich wie die meisten Gewerbetreibenden nach der niedersächsischen Coronaverordnung gerichtet, nachdem vom Landkreis dazu keine Auskunft zu bekommen war. Maximal vier bis fünf Kunden in ihrem Geschäft, die telefonisch einen Termin ausmachen oder per spontaner Terminvergabe vor Ort. Weiterhin gilt überall das Abholprinzip. „Aber im Grunde ist es Mist“, meint Bade – es sei nicht nachvollziehbar, warum der Buchhandel zum Beispiel wieder öffnen darf, sie hingegen nur mit Einschränkungen.

Plus: Brauchen sie jetzt eine Kontaktdatenverfolgung oder nicht? Jeder der befragten Einzelhändler in der Innenstadt scheint einen anderen Stand zu haben. Bade lässt sich die Daten ihrer Kunden geben, Jette C hat ebenfalls am Eingang eine Liste liegen. Auch „Schuh Mann“ ein paar Geschäfte weiter notiert sich die Namen – müsste es aber nicht, sagt Teamleiterin Ute Lohmann. Diesen Stand hat dank einer Mail vom Handelsverband Nordwest kurze Zeit später auch Bade. „Warum muss ich dann einen Termin machen?“, fragt sie sich dann aber.

Schwelende Unsicherheit

Bade ist hin- und hergerissen. Da ist die Freude darüber, wieder öffnen zu können, Kunden in den Laden zu lassen, ihre Mitarbeiter zu beschäftigen. Gleichzeitig aber die schwelende Unsicherheit. Geschäftsfrau Jette Grewe hat daher die letzten Tage viel Zeit am Telefon verbracht, um sich zu vergewissern, was denn nun erlaubt ist, wissen ihre Mitarbeiterinnen im Jette C. „Wir sind bereit und froh, wieder arbeiten dürfen“, sagt Nicole Wetter. Und die Kunden nutzen die Öffnung: Im Laufe des Vormittags hat sich bereits eine Liste zur Kontaktverfolgung gefüllt. Dennoch sei die Situation schwierig, einfach, weil vernünftiger Informationsfluss fehlt. „Selbst Kunden kommen mit anderen Informationen“, so Wetter.

Auch befürchten einige Einzelhändler bei Terminvergabe eine Art Hemmschwelle. „Aber sie können auch einfach nur schauen“, betont Bade. Gerda Mennicke nutzt das gerade: Die Seniorin schüttelt leicht den Kopf. „Das ist ein Umstand“, ihre Kontaktdaten lässt sie aber da und verschwindet im Laden. „Ich bin ja froh, dass überhaupt offen ist.“ Das finden auch Uwe Springfeld und seine Frau, die durch die Innenstadt spazieren und einen Blick in den Laden von Jette Grewe werfen. „Aber es ist befremdlich, gerade keine Logik zu erkennen“, meint er. „Wäre die da, gäbe es mehr Verständnis.“

Dieser Montag sorgt auch für etwas Ärger in den Amtsstuben. Rütter: „Wir machen es eigentlich gerne, aber die vielen Anrufe müssten nicht sein.“ Vorausgesetzt, die Kommunikation liefe besser. Dazu gleich eine weitere Frage an ihn: „Wo kann ich mich heute eigentlich kostenlos testen lassen?“ Eine klare Antwort kann er nicht geben. „Wir haben dafür keine Organisationsverpflichtung.“ Wer aber hat die? Das sei Sache des Gesundheitsamtes.

Eventuell weiß Apotheker René Große mehr, der aktuell zwei Testzentren in der Kreisstadt betreibt. Kostenlose Tests gibt es da aber – zumindest an diesem Montag – noch nicht, erklärt er. Vielleicht könnte also der Landkreis helfen. Kann er nicht. Das Land müsse das umsetzen, man habe da nichts vorgegeben.

Kostenlose Tests gibt‘s noch nicht

Da stellt sich eine weitere Frage: Was ist eigentlich mit dem dezentralen Impfen in der Kreisstadt? Huchzermeier: „Soweit ich weiß, ist das noch nicht in trockenen Tüchern. Auskunft kann der Bürgermeister geben.“ Sie erwähnt in diesem Zusammenhang eine Kooperation des Landkreises mit den Kommunen. Rotenburg warte indes auf das „Go“, so Hauptamtsleiter Uwe Radtke dazu. Man sei bereit. Doch es sei noch nicht einmal sicher, ob Rotenburg überhaupt ein dezentraler Standort wird. Ja, es könnte alles so einfach sein. Isses aber nicht.

Ein Kommentar von Guido Menker

Alles klar, keiner weiß Bescheid

Bund und Länder sprechen sich in Sachen Corona ab. Der Bundesgesundheitsminister macht Ankündigungen. Und am Ende gießen Ministeriumsmitarbeiter der Länder sowie Verwaltungsfachleute in den Kreishäusern das Ganze in Verordnungen, Änderungsverordnungen und Allgemeinverfügungen. Klingt gut. Ist es aber nicht. Ein Beispiel: Viele Geschäftsleute wissen bis Montagmorgen nicht genau, was für ihre Branche eigentlich gilt. Wer gerne plant und sich vorbereitet, hat schlechte Karten. Und wer sich einem der für ab sofort als kostenlos angekündigten Schnelltests unterziehen möchte, steht ebenfalls auf dem Schlauch. Wer macht das? Wo kann ich hin? Wer keine Antwort geben kann, verweist an den anderen. Und so wandert der schwarze Peter zwischen Kreishaus, Ministerium in Hannover und Rathaus hin und her. Aber das alles ist kein Spiel. Es ist bitterer Ernst. Die Menschen brauchen Klarheit, schließlich will sich die Mehrheit an die Regeln halten – aber dafür müssen sie sie verstehen. Die Realität sieht anders aus: Alles klar, keiner weiß Bescheid! Auch bei der Frage, ob in den „Call & Meet“-Geschäften die Kunden ihre Kontaktdaten hinterlegen müssen. Und so reiht sich eine Frage an die andere. Antworten wären nicht schlecht, auch mit Blick auf kostenlose Schnelltests und – in erster Linie – Impfungen. Das Kuddelmuddel – auch befeuert von großen Ankündigungen – findet immer wieder eine Fortsetzung. Uwe Radtke, Leiter des Rotenburger Hauptamtes, bringt es auf den Punkt: „Wir könnten schon viel weiter sein.“ Dafür aber wäre der Abbau von Bürokratie nötig. Machen statt schnacken – doch darin sind wir nicht gut.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Perfekt für den Frühling: Weinpaket „Grün, Grüner, Veltliner“

Perfekt für den Frühling: Weinpaket „Grün, Grüner, Veltliner“

Trotz großem Kampf gegen Man City: Aus für den BVB

Trotz großem Kampf gegen Man City: Aus für den BVB

Smartes Housekeeping: Haushaltshilfe einfach online buchen

Smartes Housekeeping: Haushaltshilfe einfach online buchen

Bindung zu Ihrem Hund stärken – Jetzt kostenlos an einem Online-Kurs teilnehmen

Bindung zu Ihrem Hund stärken – Jetzt kostenlos an einem Online-Kurs teilnehmen

Meistgelesene Artikel

Kommentare