Keiner weiß, wohin mit ihm

Obdachloser positiv getestet: Wie ein Tier im Zoo

Bahnhofsgebäude in Rotenburg
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Hinter einer großen Glaswand, zunächst abgesperrt mit Flatterband durch die Polizei, verbringt der junge Mann die Nacht. Die Behörden wissen zu diesem Zeitpunkt nicht, was sie mit dem positiv Getesteten machen sollen.

Ein 18-Jähriger ist obdachlos und mit Corona infiziert. In Rotenburg schieben sich die Behörden die Verantwortung zu. Übernehmen tun sie zunächst andere.

Rotenburg – Ein junger, obdachloser Mann verbringt eine kalte Nacht im Aufenthaltsraum am Rotenburger Bahnhof. Die Polizei bringt ein Flatterband an der Tür an, damit kein anderer hineingeht. Der Mann darin ist positiv auf das Coronavirus getestet worden. Und weil sich über viele Stunden hinweg weder das Gesundheitsamt noch das Rotenburger Ordnungsamt zuständig fühlen, weder Rettungsdienst noch Polizei wissen, was sie mit diesem jungen Mann machen sollen, sitzt der 18-Jährige in diesem Raum wie ein Tier im Zoo. Das macht eine Reihe von Menschen fassungslos in der Kreisstadt.

Zu diesen Menschen gehören Stefan Jacobsen als kaufmännischer Vorstand der Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfe Rotenburg und seine Kollegin Marion Speerstra, Erzieherin in dieser Einrichtung. Beide können nicht fassen, was sich da von Dienstag bis Mittwoch abgespielt hat. Diese Einrichtung am Rotenburger Bahnhof hatte der 18-Jährige angesteuert, um seinen dort lebenden Bruder zu besuchen. Es herrscht die 3G-Regel. „Weil er keinen Testbericht bei sich hatte, haben wir ihn zum Test in einer Apotheke geschickt“, berichtet Jacobsen. Der fällt positiv aus. Der junge Mann kehrt zurück, darf aber nicht rein. Er hält sich draußen auf. Es wird dunkel, es wird kalt. Was passiert mit ihm? Diese Frage beschäftigt einen großen Teil des Teams der Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfe Rotenburg. Speerstra: „Wir haben stundenlang versucht, eine Lösung zu finden, damit sich jemand um ihn kümmert.“ Vergeblich.

Polizei sperrt Nachtlager ab

Das Team ruft schließlich den Rettungsdienst, der holt ihn ab und fährt mit ihm zum Krankenhaus. Eine Aufnahme lehnt man ab – keine besonderen Symptome. Zwischendurch soll der Obdachlose davon gesprochen haben, zuvor schon im Aufenthaltsraum am Bahnhof gewesen zu sein. Dorthin fährt man mit ihm zurück. Er bekommt ein paar Handtücher und Wasser – dann landet er in diesem Raum. Die Polizei ist vor Ort, zufällig. Die Besatzung des Rettungswagens kümmert sich noch um ihn und bittet die Beamten um Hilfe. Für sie eine ebenso schwierige Lage – sie wissen keinen Rat. Am Ende sperren sie den Raum ab.

Nach uns vorliegenden Informationen schieben sich Gesundheitsamt und Ordnungsamt in den Stunden zuvor den Ball hin und her. Es offenbart sich allem Anschein nach ein besonderes Detail der aktuellen Pandemie: Es gibt Menschen, die trotz aller rechtlichen Bestimmungen, Verordnungen und Richtlinien durchs Raster fallen. Klar ist nur: „Auch dieser junge Mann gehört in Quarantäne“, weiß Stefan Jacobsen. Aber wo?

Die Habseligkeiten des jungen Mannes liegen noch auch am Donnerstagmorgen noch im abgesperrten Warteraum.

Eine Antwort gibt es nicht, also bleibt der Obdachlose in diesem Raum mit der großen Fensterfront. Bis mindestens zur Mittagszeit am darauffolgenden Tag ist er dort. „Wie in einem Gefängnis“, sagt Marion Speerstra. Erst am Nachmittag klinkt sich das Gesundheitsamt dann doch ein in diesen Fall. Landrat Marco Prietz (CDU) bestätigt am Abend auf Anfrage: „Ja, in Zusammenarbeit mit der Stadt Rotenburg ist es gelungen, für den Mann eine Unterkunft zu finden.“ Es gehe schließlich darum, eine Quarantäne anzuordnen. Die Stadt habe letztendlich einen Platz zur Verfügung gestellt.

Die rechtliche Betreuerin des Obdachlosen habe zuvor deutlich gemacht, keine Handhabe für sich zu sehen, berichtet Polizeisprecher Heiner van der Werp. In dieser Zeit am Mittwochnachmittag lehnt das Gesundheitsamt noch eine Stellungnahme ab. So, wie es üblich ist bei Einzelschicksalen. Die Polizei wiederum schaltet zwischenzeitlich die Stadt ein. Thorsten Schiemann, Leiter des Ordnungsamtes, will der Kreiszeitung gegenüber zu diesem Fall keine konkreten Angaben machen, stellt nur grundsätzliche Entscheidungswege dar, wenn es um Hilfe für obdachlose Menschen geht. „Wenn einer kein Dach über dem Kopf hat, lassen wir ihn nicht im Regen stehen“, sagt er zwar. Aber er macht auch deutlich, dass obdachlose Menschen angehalten seien, sich zu den üblichen Zeiten im Ordnungsamt selbst zu melden. Was die Fragen betrifft im Zusammenhang mit Corona, könne er nicht beantworten. Das sei Sache des Gesundheitsamtes. Wir erfahren später, dass es aus dem Ordnungsamt die Bitte gegeben habe, die ganze Sache doch diskret zu behandeln.

Mitarbeiter der Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfe versorgen 18-Jährigen

Alles gut also? Nein. Nicht ganz. Marco Prietz will diesen Fall noch einmal zum Thema machen – in Gesprächen mit den beteiligten Behörden und der Polizei wolle er zu klären versuchen, was da in diesen weit mehr als zwölf Stunden wirklich gelaufen ist – und was nicht. Er versichert gegenüber unserer Redaktion, dass ihm dieser Einzelfall leid tue.

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Wer aber wird sich nun um den jungen Mann während der Quarantäne kümmern? Auf diese Frage weiß zunächst niemand eine Antwort. Und da kommen plötzlich wieder genau jene Menschen ins Spiel, die mit diesem Fall eigentlich am wenigsten zu tun haben, aber trotzdem unbürokratisch zupacken: die Mitarbeiter der Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfe. Stefan Jacobsen: „Wir bleiben da jetzt am Ball. Schon heute waren Kollegen drei Mal bei ihm. Und wir werden uns auch in den kommenden Tagen um ihn kümmern.“

Ein Kommentar von Guido Menker

Vollkommen klar: Corona ist eine Herausforderung für uns alle. Und es gebührt allen Mitarbeitern in den Gesundheitsämtern und vor allem in den Pflegeeinrichtungen sowie in den Krankenhäusern großer Respekt. Sie alle leisten sehr viel und stehen dabei unter Hochdruck. Einen Fahrplan gibt es zwar, aber der ist immer wieder an neue Gegebenheiten und Herausforderungen anzupassen. Es geht in erster Linie also ums Reagieren. Dumm nur, dass es dabei Einzelfälle gibt, an die nicht gleich gedacht wird, wenn es um die Bewältigung der Pandemie geht.

Ganz so ist es an diesem Dienstag in Rotenburg. Was macht man mit einem Obdachlosen, der sich infiziert hat, selbst unter rechtlicher Betreuung steht, gerade erst 18 Jahre alt ist und in Rotenburg landet? Ganz sicher ist es nicht leicht, eine Antwort darauf zu finden. Doch es darf nicht wahr sein, dass eben dieser junge Mann eine Nacht im Aufenthaltsraum am Bahnhof verbringt, abgesperrt mit Flatterband. Er fällt durchs Raster. Und das nur, weil keiner aufzutreiben ist, der die Sache einfach mal in die Hand nimmt. Es gibt Situationen, für die ist kein Fahrplan zu finden. Da sind dann Improvisation, Empathie und Organisationstalent gefragt. Einer muss Verantwortung übernehmen und verhindern, dass diese nur von einem zum anderen geschoben wird. Doch genau das ist in diesem Fall dem Anschein nach passiert. Die Lösung kommt viel zu spät. So ist es ein menschliches Drama. Das hätte man vermeiden können, nein müssen.

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