Zehn Landkreise betroffen

Wenn der Doktor nicht kommt: Es droht ein Tierarztmangel

Eine Tierärztin schaut sich das Auge eines Pferdes mit einem Otoskoplämpchen und Lupe an.
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Eine Tierärztin schaut sich das Auge eines Pferdes mit einem Otoskoplämpchen und Lupe an. Foto: imago images / Frank Sorge

Vor allem in ländlichen Regionen droht in den kommenden Jahren ein Tierärztemangel. Das bestätigt die Landesregierung in Hannover in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP im Landtag. Die Rede ist von zehn Landkreisen – darunter befindet sich auch der Landkreis Rotenburg.

  • In ländlichen Regionen droht ein Tierarztmangel
  • Nachfolger für Praxen werden gesucht
  • Zehn Landkreise in Niedersachsen sind betroffen

Rotenburg – Dass sich ein Tierarztmangel anbahnt, bestätigt auch Dr. Kerstin Thies aus Heeslingen. Sie ist Teilhaberin einer großen Gemeinschaftspraxis mit insgesamt 17 Tiermedizinern sowie acht tiermedizinischen Fachangestellten und zugleich auch Vorsitzende der Kreisstelle Rotenburg der Tierärztekammer Niedersachsen (TKN). „Wir müssen inzwischen sehr lange nach Nachwuchs suchen“, sagt die 44-Jährige im Gespräch mit der Rotenburger Kreiszeitung. 

Tierarztmangel: Uni-Absolventen haben freie Auswahl

Die jungen Absolventen der Tiermedizinischen Hochschule in Hannover indes hätten bei der Jobsuche mehr oder weniger freie Auswahl, sagt Thies. Besonders stark ins Gewicht falle diese Entwicklung, wenn der Betreiber einer Einzelpraxis einen Nachfolger sucht. Es komme immer wieder vor, dass solche kleinen Praxen verschwinden – und Tierbesitzer für einen Praxisbesuch längere Wege in Kauf nehmen müssen. Kerstin Thies: „Die Einzelpraxen sind eine aussterbende Art.“ 

Doch auch die Gemeinschaftspraxen müssten sich etwas einfallen lassen, um jungen Nachwuchs zu gewinnen. „Bei der Suche nach einem Arbeitsplatz spielen für sie zunehmend Arbeitszeiten, Freizeit und eine gute Bezahlung eine wichtige Rolle“, weiß die TKN-Kreisvorsitzende.

Das Gehalt für Tierärzte, die Regelungen in Sachen Fortbildung und Dienste an den Wochenenden sowie die Anzahl der Urlaubstage fänden bei der Jobsuche zunehmend Beachtung. „Das sind daher die Punkte, an denen wir schrauben müssen.“

Tierliebe und Hilfsbereitschaft drücken Abrechnungscharakter

Aber das sei nicht immer so einfach, sagt Thies. „Man kann sich als Tierarzt von Tierliebe und Hilfsbereitschaft nicht freisprechen – und beides hat in früheren Jahren immer wieder mal den Abrechnungscharakter gedrückt.“ Und doch sei klar: „Wir können am Ende nur über die Gebührenordnung und angemessene Preise versuchen, gute Gehälter zu zahlen.“ Ein Anfangsassistent komme in den ersten zwei Jahren gerade einmal auf 2 500 bis 3 000 Euro pro Monat.

Vor diesem Hintergrund halte sie es auch für ganz wichtig, dass die Schwierigkeiten der Tierärzte im ländlichen Raum auf die politische Ebene gehoben werden. In Planung sei eine neue Gebührenordnung, die die Tierärzte beispielsweise zwingen soll, bei Notdiensten eine Grundgebühr von 50 Euro und mindestens das Doppelte eines normalen Einsatzes abzurechnen, so Thies.

Etwas schwieriger wird es hingegen, an einer anderen Stelle zu schrauben: Laut Kerstin Thies wird die Tierärzteschaft zunehmend weiblicher. 80 bis 90 Prozent der Tierärzte bundesweit seien Frauen. Da stelle sich die Frage: „Wie viele der Hochschulabsolventinnen kommen wirklich im Berufsleben an oder besetzen am Ende auch eine volle Stelle?“ Darüber hinaus sei erkennbar, dass es eher die Männer sind, die die Bereitschaft mitbringen, eine eigene Praxis zu führen – egal, ob allein oder im Team. Und wenn die Männer in diesem Beruf weniger werden, folge gleich das nächste Problem.

Work-Life-Balance für angehende Tierärzte wichtig

Zudem gewinne die Work-Life-Balance, also das Verhältnis von Arbeits- und Freizeit, an Bedeutung. Thies: „Die jungen Menschen pochen heute mehr als früher auf Freizeitausgleich.“ Das könne sie gut verstehen, doch vor diesem Hintergrund werde es eben schwerer, gute Leute in Vollzeit zu finden.

Studierende der Tiermedizin sind genügend vorhanden. Es gibt natürlich Parallelen zur Humanmedizin. Das Leben und Arbeiten im ländlichen Raum scheint aus Sicht der Absolventen, egal ob Tier- oder Humanmedizin, nicht so attraktiv zu sein“, sagt Kreisveterinär Dr. Joachim Wiedner. Wahrscheinlich müsse man die Vorteile vom Leben und Arbeiten im ländlichen Raum besser darstellen. Landkreisweit gebe es zurzeit rund 200 Kollegen, sagt Thies. Im Landkreis befinden sich 30 Großtierpraxen mit einer unterschiedlichen Zahl an tierärztlichen Mitarbeitern. In einigen werden auch Kleintiere versorgt, fügt Wiedner hinzu.

Veterinäramt sieht Versorgung mit Tierärzten noch gegeben

Der Kreisveterinär unterstreicht auf Anfrage der Kreiszeitung: „Bisher hat sich noch niemand beim Veterinäramt gemeldet, weil er keinen Tierarzt gefunden hat. Ich werde ab und zu von Praxen, die Großtiere behandeln, angesprochen, ob ich nicht jemanden kenne, der in die Großtierpraxis will.“ Im Bereich der Kleintierversorgung sieht er keinen Mangel, im Großtierbereich bestehe sicherlich Bedarf an Tierärzten. Aber: „Von einem Mangel vermag ich nicht zu sprechen. Aus meiner Sicht ist die tierärztliche Versorgung bei uns im Landkreis momentan noch gegeben.“

Tierarztmangel: Diese Landkreise sind betroffen

Rotenburg, Diepholz, Nienburg, Landkreise Aurich, Cloppenburg, Cuxhaven, Lüneburg, Lüchow-Dannenberg, Stade und Wittmund.

Noch nie einen Tierarzt gesehen hat übrigens Wellensittich Butschi aus Heiligenrode bei Bremen - und das seit über 15 Jahren.

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