Nicole Geldermann gründet Gruppe

Clusterkopfschmerz: „Wie ein glühendes Messer im Auge“

Leidet seit ihrem 16. Lebensjahr an Clusterkopfschmerzen: Nicole Geldermann gründet eine Selbsthilfegruppe, um sich mit anderen Erkrankten auszutauschen.
+
Leidet seit ihrem 16. Lebensjahr an Clusterkopfschmerzen: Nicole Geldermann gründet eine Selbsthilfegruppe, um sich mit anderen Erkrankten auszutauschen.

Clusterattacken lösen bei Erkrankten Kopfschmerzen aus, die stärker als Migräne sein sollen. Eine Heilung ist derzeit noch nicht möglich. Nicole Geldermann aus Rotenburg möchte sich mit anderen Betroffenen austauschen und gründet dafür im August eine Selbsthilfegruppe.

Rotenburg – Die Attacken kündigen sich harmlos an, wie eine Allergie oder ein Schnupfen: mit tränenden Augen und einer laufenden Nase. Doch für Patienten, die an Clusterkopfschmerzen leiden, herrscht Alarmstufe Rot, wenn sie die scheinbar harmlosen Symptome spüren – denn sie wissen, was sie nur wenige Minuten später erwartet.

Die Erkrankung ist auch als Suizidkopfschmerz bekannt. Warum, das erklärt Nicole Geldermann aus Rotenburg: „Es kommt leider immer wieder vor, dass sich Patienten das Leben nehmen. Erst kürzlich hat sich ein 24-Jähriger im britischen Blackpool vom Dach eines Parkhauses gestürzt, weil er die Schmerzen nicht mehr ertragen hat.“

Die 48-Jährige leidet selbst seit ihrem 16. Lebensjahr an der Erkrankung, für die es nur wenige Behandlungsansätze und bislang keine Heilung gibt. Und sie kennt diese düsteren Gedanken, die aufkommen können, wenn der Schmerz besonders schlimm ist und zum Teil stundenlang anhält. „Die Schmerzen sind zum Teil so stark, dass ich davon bewusstlos werde“, sagt Geldermann. Sie gründet daher eine Selbsthilfegruppe, um einen Raum zu schaffen, in dem sich Betroffene austauschen können. Das erste Treffen plant sie für den 7. August.

Clusterkopfschmerzen treten episodisch oder chronisch auf. Männer sind dreimal häufiger betroffen als Frauen. Bei vielen Patienten bleibt die Erkrankung lange unerkannt. „Auch ich wurde falsch, nämlich gegen Migräne, behandelt. Dabei sind das zwei Paar Schuhe. Erst ein Termin vor vier Jahren in der Schmerzklinik in Kiel hat mir geholfen“, berichtet Nicole Geldermann, die bedauert: „Leider kennen sich die wenigsten Neurologen mit der Erkrankung aus.“

Wie schlimm die Schmerzen während einer Clusterattacke sind, das haben amerikanische Wissenschaftler in einer Studie erforscht. Ausgehend von einer Skala von eins bis zehn, in denen Clusterkopfschmerzen den Höchstwert „zehn“ erreichen, wird Geburtsschmerz mit 7,5 bewertet, eine Schusswunde mit 6,5 und Migräne mit 5,9. „Clusterattacken rufen die stärksten bekannten Schmerzen hervor“, erklärt Nicole Geldermann und ergänzt: „Für gesunde Menschen ist es schwer, sich das vorzustellen. Betroffene vergleichen das, was sie erleiden, mit einem glühenden Messer, das im Auge gedreht wird.“

Ich habe mir nachts um halb drei den Wecker gestellt und die Wohnung geputzt, um mich abzulenken. Doch das half nichts: Cluster lässt sich nicht verarschen.

Nicole Geldermann

Die Rotenburgerin leidet an chronischen Clusterattacken, die täglich auftreten, oft sogar mehrfach. Besonders schlimm ist es für sie im Herbst: „Dann habe ich zum Teil acht bis zehn Attacken an nur einem Tag. Jede dauert zwischen 20 Minuten und zwei Stunden. Wenn ich Pech habe, bleibt mir vom Tag also nicht viel übrig. Ich bin nach einer Attacke außerdem immer sehr erschöpft, weil die Schmerzen sehr anstrengend sind.“

Selbst an guten Tagen erwischt es Nicole Geldermann mindestens ein Mal, und das ausgerechnet mitten in der Nacht. Pünktlich um drei Uhr reißt sie stechender Schmerz aus dem Schlaf. Sämtliche Versuche, diesen zu entgegen, scheiterten. „Ich habe mir nachts um halb drei den Wecker gestellt und die Wohnung geputzt, um mich abzulenken. Doch das half nichts: Cluster lässt sich nicht verarschen“, sagt Geldermann.

Bis Patienten korrekt diagnostiziert werden, vergehen im Schnitt acht Jahre. Oft sind bis dahin viele Arztbesuche nötig, und Betroffene versuchen alles, um den Schmerz loszuwerden: „Sie lassen sich sogar Zähne ziehen, weil sie hoffen, dass eine entzündete Zahnwurzel schuld sein könnte. Andere lassen sich an der Nase oder den Ohren operieren – jedoch ohne Erfolg.“

Clusterkopfschmerz bestimmt den Tagesablauf von Erkrankten. Ob und wann Nicole Geldermann einkaufen geht oder Freunde besucht, macht sie davon abhängig, wann ihre letzte Clusterattacke war. „Denn dann weiß ich, dass ich in der Regel mindestens zwei Stunden Ruhe habe“, erklärt die Betroffene.

Ihr ist es wichtig, sich die Lebensfreude zu erhalten. Dabei helfen ihr Hobbys, denen sie nachgeht. Sie spielt unter anderem Klavier und Cello sowie engagiert sich bei der Igelpflege Rotenburg. „Ich habe einen kleinen, aber sehr engen Freundeskreis. Das ist mir sehr wichtig. Denn das Umfeld versteht oft nicht, warum man wegen der Attacken und aufgrund des Schlafmangels häufig erschöpft ist. Die Medikamente machen mich zusätzlich müde. Zum Glück habe ich außerdem einen Hausarzt, dem ich vertraue. Dazu hilft mir mein Glaube.“

Welche Ursache Clusterkopfschmerzen haben, ist bisher wenig erforscht, die Behandlung außerdem schwierig. „Selbst Morphium hilft nicht gegen meine Schmerzen. Wenn ich spüre, dass ich eine Attacke bekomme, spritze ich mir ein Medikament und setze eine Sauerstoffmaske auf. Ich habe dafür auch unterwegs immer eine mobile Sauerstoffflasche bei mir. Die Attacken lassen sich zwar damit nicht verhindern, sie werden aber oft weniger schlimm“, so Geldermann, die sich auf den Start ihrer Selbsthilfegruppe freut.

Pro Jahr soll es vier bis fünf Treffen geben, kündigt sie an. „Schwerpunkt wird der Austausch sein, es soll aber auch Vorträge über aktuelle Themen geben, Neues über Änderungen bei der Krankenversicherung und zur Rente.“ Interessierte können sich ab sofort unter der kostenlosen Rufnummer 0800/ 111444854 bei Geldermann oder beim Bundesverband der Clusterkopfschmerz-Selbsthilfe-Gruppen (CSG) melden. Dort ist die Rotenburgerin als regionale Ansprechpartnerin eingetragen. Weitere Informationen über den Bundesverband der Clusterkopfschmerz-Selbsthilfe-Gruppen (CSG) gibt es unter www.clusterkopf.de oder bei Facebook.

Anmerkung der Redaktion: Die anonyme Telefonseelsorge ist unter der Nummer 0800/ 1110111 rund um die Uhr für Menschen mit Suizidgedanken als Ansprechpartner erreichbar.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Scheeßel: Filmdreh mit Heimvorteil

Scheeßel: Filmdreh mit Heimvorteil

Scheeßel: Filmdreh mit Heimvorteil
Die DRK-Rettungswache in Rotenburg ist immer in Bereitschaft

Die DRK-Rettungswache in Rotenburg ist immer in Bereitschaft

Die DRK-Rettungswache in Rotenburg ist immer in Bereitschaft
Leipzig, München, Rotenburg

Leipzig, München, Rotenburg

Leipzig, München, Rotenburg
Ilse Behrens könnte Bötersens erste Bürgermeisterin werden

Ilse Behrens könnte Bötersens erste Bürgermeisterin werden

Ilse Behrens könnte Bötersens erste Bürgermeisterin werden

Kommentare