Namensgeber vor 100 Jahren geboren

Nichts Neues zum Geburtstag: Debatte um Lent-Kaserne läuft weiter

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Der Name bleibt, bis auf Weiteres. Das ist der Stand zur Kaserne heute – nach jahrelanger Debatte um den Namensgeber.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Es wird keine Geburtstagsfeier geben, keinen Festakt oder irgendeine sonstige Ehrerbietung in Rotenburg. Der Namensgeber der Rotenburger Kaserne dürfte am Mittwoch, an dem Tag, an dem er 100 Jahre alt geworden wäre, nicht einmal Thema sein.

Das ist er zwar in manchen politischen Kreisen, vor Ort im Grunde aber gar nicht. Dabei ist der Streit, ob Helmut Lent als Namensgeber und somit Vorbild für die heutige Bundeswehr gelten kann, so ungelöst wie seit Beginn der Debatte im November 2013.

Seit 1964 trägt der Bundeswehrstandort den Namen Lent-Kaserne. Fast 50 Jahre kümmerte das niemanden. Doch mit der Einschätzung des damaligen Inspekteurs des Heeres in einer Lagefeststellung zur Traditionspflege im Heer änderte sich das vor nunmehr bald fünf Jahren. 

Es wurden kritische Stimmen laut: Lent doch irgendwie ein Nazi, Führer-treu, zumindest in seinem Handeln als Nachtjäger-Pilot der Luftwaffe bis zu seinem Tod bei einem Absturz im Jahr 1944 nicht ganz sauber das, was man heute als vorbildlich für deutsche Soldaten ansehen würde? 

Ein Bild, das für sich spricht, sagen Kritiker: Am 25. August 1944 wird Helmut Lent (l.) von Adolf Hitler mit den Brillanten zum Ritterkreuz ausgezeichnet.

Vorsichtshalber lenkte man am Standort ein: Wenige Monate nach der Anregung des Inspekteurs des Heeres wurden die historischen Bilder von Lent im Kasernenbereich entfernt. Das „Lent-Zimmer“ wurde umgestaltet und in „Wümme-Zimmer“ umbenannt. In der Standortbroschüre tauchte der Namensgeber ebenfalls nicht mehr auf. Und alle Angaben zu Lent inklusive einiger NS-Symbole wurden von der Casino-Homepage entfernt.

Seitdem wird herumgeeiert, trotz klarer Äußerungen vor Ort, die mit dem neuen Traditionserlass der Bundeswehr in diesem Jahr hinfällig geworden sind. Ein Zustand, der politisch vor allem die Partei Die Linke immer wieder dazu bewegt, Druck auf Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) auszuüben.

Allmählich gerät es zur Posse

Auf die vielen Fragen, wie erst im April im Bundestag als Kleine Anfrage formuliert, gibt es zwar Antworten, aber nicht in inhaltlicher Sicht. Es gibt bislang keine explizite Entscheidung über den Erhalt des Namens, er wird im Sinne des Traditionserlasses erneut zu prüfen sein, so der Tenor. „Das ewige Hin und Her um den Kasernennamen gerät allmählich zur Posse. 

Jetzt muss endlich eine Entscheidung her: Will die Bundeswehr ernsthaft jemanden zum Vorbild, der dazu aufrief, ‚Bis zum letzten Blutstropfen‘ für die Nazis zu kämpfen, oder nicht? Es steht doch schon lange fest, dass Lent bis zuletzt dem Naziregime treu ergeben war, und eine Umbenennung ist fällig, seit die Kaserne Lents Namen trägt“, sagt die Linken-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke. Doch braucht es wirklich eine Entscheidung der Ministerin?

Aus Berlin heißt es: Jein. Natürlich müsse das Ministerium irgendwann entscheiden, nur werde es das nicht tun, wenn sich die Betroffenen – die Soldaten der Kaserne – nicht klar positioniert haben. Ein Ministeriumssprecher: „Überlegungen zu einer Umbenennung der Lent-Kaserne gehen nicht vom Ministerium aus, sondern werden von den Soldaten vor Ort gemeinsam mit den Vertretern der Bevölkerung angeregt, diskutiert und abschließend gegebenenfalls beantragt.“ Im Bundeswehrdeutsch heißt das: „Innere Führung.“

Politiker inzwischen desinteressiert?

Nur scheint das vor Ort trotz manch laut polternder Politiker weitgehend auf Desinteresse zu stoßen. Vor wenigen Wochen sagte Oberstleutnant Henning Loß, derzeit seien die 1 200 Soldaten und zivilen Angestellten nicht mit einer Diskussion über den Namensgeber beschäftigt, sondern mit Einsatzübungen. Loß: „Ich habe hier keine Diskussion wahrgenommen.“

Die Debatte um den Kasernennamen ist auch längst – wenn sie es überhaupt je war – keine historisch-wissenschaftliche mehr, sondern vor allem eine politische. Und die geht vornehmlich durch die tiefen Gräben politischer Farbenspiele. 

Auf der einen Seite stehen Politiker der Linken und zum Beispiel auch der Grünen-Ortsverbandssprecher aus Rotenburg, Marc Andreßen, sowie der Lehrer und Autor Jakob Knab aus Kaufbeuren, auf der anderen Seite zum Beispiel eine Gruppe um den Rotenburger Ehrenbürger Friedrich Kuhle und den ehemaligen Stadtdirektor Ernst-Ulrich Pfeifer (beide CDU), die 2015 einen flammenden Appell für Lent verfasst hatte.

Parlamente stimmen für Beibehaltung

Über die Parteigrenzen hinweg unterstützen aber auch die Kommunalparlamente die Beibehaltung des Namens: Der Kreistag hat sich mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen, der Stadtrat sogar zwei Mal. Knab hat Landrat Hermann Luttmann (CDU) in einem Brief vor wenigen Tagen deswegen als „bundesweit der einflussreichste Proponent“ bezeichnet, „der sich in Entschiedenheit, Offenheit und in der ihm eigenen Unerschrockenheit für eine weiterhin umkämpfte Beibehaltung der für ihn sinnstiftenden Namensgebung einsetzt“.

Wie geht es nun weiter? Die Regie bleibt unbesetzt. Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD) hatte sich Ende April an den Kommandeur des Jägerbataillons gewandt und die Bitte geäußert, dass sich die Soldaten auch nach dem neuen Traditionserlass für die Beibehaltung des Kasernennamens aussprechen sollen. Ein Informationsschild, so seine Idee, könne ja an der Kaserne ähnlich wie beim Buhrfeind-Haus auf das Leben Lents und die kritische Auseinandersetzung damit hinweisen. 

Im Geschichtskurs der Berufsbildenden Schulen (BBS) könnte das erarbeitet werden, so Weber. Doch BBS-Schulleiter Wolf Hertz-Kleptow hat bereits abgewunken: Derzeit existiere vonseiten der Schule „kein Freiraum für die Behandlung der Thematik“.

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