Palliativmediziner Andreas Thiel

Neuregelung der Sterbehilfe: „Es geht um viele Details“

Chefarzt Andreas Thiel.
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Chefarzt Andreas Thiel.

Es gibt einen Vorstoß, Sterbehilfe in Deutschland neu zu regeln. Palliativmediziner Andreas Thiel vom Rotenburger Diakonieklinikum dazu im Interview.

Rotenburg – Im vergangenen Jahr hatte das Bundesverfassungsgericht das Verbot des assistierten Suizids gekippt, aktuell gibt es den Vorstoß für eine Neuregelung. Wir hören uns unterschiedliche Meinungen zum Thema an und Professor Andreas Thiel (61), Chefarzt der Palliativstation am Diakonieklinikum, hat uns dazu ein paar Fragen beantwortet.

Sie sind als Palliativmediziner jeden Tag mit dem Thema Tod konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?

Für mich ist das Leben ein großes Geschenk, aber Tod und Sterben sind Teil dieses Lebens. Als Mitarbeiter im Krankenhaus begegnen wir dem Tod in vielen Bereichen, nicht nur auf der Palliativstation. Aber hier spielt das Thema eine besondere Rolle, weil die Palliativmedizin sich besonders um schwerkranke Menschen am Lebensende kümmert. Wir behandeln Schmerzen, Ängste, Luftnot und andere Beschwerden. Viele Patienten können wir gut vorbereitet nach Hause, in Pflegeeinrichtungen oder in ein Hospiz entlassen; aber etwa die Hälfte der Patienten verstirbt auch bei uns. Die enge Zusammenarbeit in der Betreuung der Patienten und Angehörigen ist meist sehr persönlich und daher auch befriedigend. Es gibt auch belastende Momente, aber insgesamt machen wir diese Arbeit im Team der verschiedenen Berufsgruppen aus Pflege, Sozialdienst, Physiotherapie, Psychologie, Seelsorge und Medizin sehr gern.

Das Thema wird oft noch tabuisiert. Wird es Zeit, dass wir mehr über den Tod und damit über Themen wie die Sterbehilfe sprechen?

Ich habe das Gefühl, die Themen Tod und Sterben werden weniger tabuisiert als noch vor einigen Jahren. Die Arbeit der ambulanten und stationären Hospiz- und Palliativdienste ist viel bekannter als früher. Das zeigt sich in vielen Regionen. Hier in Rotenburg gibt es seit 2006 einen aktiven Hospizverein, 2015 wurde die Palliativstation im Krankenhaus eröffnet, es gibt einen Palliativstützpunkt und in diesem Jahr eröffnet das neu erbaute Hospiz. Auch die Medien greifen diese Themen viel offener als früher auf. Sterbehilfe ist ja eigentlich ein positiver Begriff und meint, Sterbenden und ihren Angehörigen beizustehen, sie zu unterstützen, wenn möglich Leiden zu lindern und sie nicht allein zu lassen. Der Beginn und das Ende des Lebens sind besondere Momente, deswegen ist die Unterstützung durch Geburts- und Sterbehilfe etwas Gutes.

Sprechen Sie mit Ihren Patienten ganz offen darüber oder bemerken Sie oft Hemmungen?

In den meisten Fällen sprechen wir mit Patienten und Angehörigen darüber, wenn die Erkrankung nicht mehr heilbar ist, die Lebenszeit begrenzt und das Ende absehbar. Viele Menschen ahnen dies ohnehin. Die Realität gemeinsam anzusprechen, kann ein wichtiger erster Schritt sein, sich auf das Unausweichliche einzustellen. Aber es gibt auch Menschen, die dieses Thema lieber vermeiden und nicht mit uns darüber sprechen möchten.

Wie viele Menschen gibt es jährlich im Diakonieklinikum, die den Wunsch nach Sterbehilfe äußern?

In einem großen Krankenhaus wie dem Diakonieklinikum sterben viele Menschen. Auch auf der Palliativstation sind im vergangenen Jahr viele verstorben. Die meisten sind dankbar, nicht allein gelassen zu werden. Nur sehr selten bitten Patienten um Hilfe beim Suizid oder darum, getötet zu werden. In diesen Fällen gilt es erst einmal im Gespräch zu klären, was genau denn der Wunsch ist. Dazu ein Beispiel: Menschen mit anhaltenden starken Schmerzen am Lebensende können sehr verzweifelt sein. Vielleicht bitten sie deswegen um Unterstützung beim Suizid. Wenn es aber gelingt, den quälenden Schmerz zu lindern, ist die Situation vielleicht völlig verändert. Deswegen ist es wichtig, solche Gespräche nicht abzublocken. Nur in einem offenen ausführlichen Gespräch kann geklärt werden, ob ein Mensch tatsächlich tot sein will, oder ob er nur so – mit diesen Schmerzen eben – nicht mehr leben möchte.

Was ist Ihnen als Arzt derzeit erlaubt, was nicht?

In Deutschland sind die meisten Aspekte zum Bereich Sterbehilfe durch die Gesetze und die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes gut geregelt. Ärzte und andere Berufsgruppen dürfen und sollen sich um Sterbende kümmern und sie begleiten. Ärzte sind nicht gezwungen, Leiden und Sterben durch nicht mehr sinnvolle medizinische Behandlungen unnötig zu verlängern. Wir dürfen Sterbehilfe leisten durch Unterlassen, Begrenzen oder Beenden einer Behandlung, wenn dies dem Patientenwillen entspricht. Dann dürfen Ärzte einem zum Tode führenden Krankheitsprozess seinen Lauf lassen. Das kann durch Unterlassen beispielsweise einer antibiotischen Behandlung geschehen. Oder durch aktives Tun, indem eine Dialyse oder Beatmung beendet wird. Auch „indirekte Sterbehilfe“ ist erlaubt, die Inkaufnahme eines möglichen vorzeitigen Todeseintritts durch die palliative Gabe von Schmerzmitteln oder anderen Medikamenten im Rahmen einer palliativmedizinischen Behandlung.

Welche Rolle spielt aktive Sterbehilfe?

Die aktive Tötung von Patienten ist in Deutschland verboten, auch die Tötung auf Verlangen. Diese „aktive Sterbehilfe“ spielt aber in der aktuellen Diskussion hier keine Rolle. Zurzeit wird viel über die Hilfe zum Suizid gesprochen. Das Strafrecht verbietet weder einen Suizid noch einen Suizidversuch. Deswegen war bislang auch die Beihilfe nicht strafbar. Erst im Dezember 2015 wurde die „Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“ verboten. Der Gesetzgeber wollte unseriöse Sterbehilfevereine verbieten. Und die Bundesärztekammer wollte verhindern, dass Ärzte Patienten beim Suizid beispielsweise durch das Verschreiben geeigneter Medikamente unterstützen. Das hat zu einer juristischen Auseinandersetzung geführt. Im Februar 2020 hat das Bundesverfassungsgericht diese Diskussion vorläufig beendet. In seinem Urteil stellt es fest, jeder Mensch habe das Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben, und das schließe die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen. Aus diesem Grund müsse der Gesetzgeber Regelungen schaffen, damit in besonderen Einzelfällen eine Suizidbeihilfe grundsätzlich möglich ist. Seit einigen Wochen werden jetzt erste Vorschläge diskutiert.

„Suizidprävention muss Normalität werden, Suizidassistenz die absolute Ausnahme bleiben“, hat Bernd Oliver Maier, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, gefordert. Welchen Stellenwert hat die Prävention?

Es gibt viele Bereiche, wo konkrete Suizidprävention geleistet wird. Da sind die vielen Beratungsstellen und ehrenamtlichen und professionellen Hilfsangebote. Die Auseinandersetzung mit Suizidgedanken nimmt auch in der Psychotherapie und Psychiatrie großen Raum ein. Und wenn man die besondere Situation schwerkranker Menschen am Lebensende bedenkt, so ist die Arbeit der Hospiz- und Palliativdienste ein ganz wichtiges und wirksames Angebot der Prävention. Wir erleben es in Einzelfällen durchaus, dass Menschen Suizidgedanken äußern oder bitten, getötet zu werden. Wir versuchen dann als Team, den Patienten zu unterstützen und Schmerzen und andere Beschwerden zu lindern. Wir sprechen mit ihm und den Angehörigen. Wenn sie diese Form der Sterbebegleitung annehmen, verliert sich der anfängliche Tötungswunsch in den meisten Fällen. Bei Menschen, die zu Hause oder im Krankenhaus palliativmedizinisch gut betreut und behandelt werden, treten Suizidwünsche nur sehr selten auf.

Wie stehen Sie als Mediziner, der grundsätzlich Leben schützen möchte, zu der Debatte über assistierte Sterbehilfe?

Die Hospiz- und Palliativarbeit ist ein großer Segen und für die Mehrzahl der Betroffenen eine gute und ausreichende Unterstützung. Es gibt aber wenige und besondere Einzelfälle, in denen Menschen von dieser Form der Unterstützung nicht oder nicht ausreichend profitieren können oder wollen. Es gibt Menschen, die ihr Leben selbstbestimmt, zu einem selbst gewählten Zeitpunkt und in Würde beenden möchten. Ein Beispiel dafür gibt Deborah Ziegler in ihrem eindrucksvollen Buch „Die Welt ist ein schöner Ort“. Sie beschreibt die Hirntumorerkrankung und den Suizid ihrer 29-jährigen Tochter. Diese hatte sich gegen einen langen Sterbeprozess entschieden. Ich glaube, dass Menschen in ganz besonderen Situationen das Recht haben, ihr Leben in Würde und selbstbestimmt zu beenden. Ich bin der Meinung, dass Ärzte diese Situationen vertrauensvoll mit den Patienten besprechen sollten. Und sofern sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren können, sollten Ärzte ihren Patienten in solchen Einzelfällen auch beim Suizid helfen dürfen.

Wird es Zeit, dass es endlich eine klare Regelung vom Gesetzgeber gibt?

Ein Ende der Diskussion zeichnet sich bald ab. Zurzeit werden mehrere Entwürfe diskutiert. Wir sprechen über ethisch und juristisch schwierige Fragen. Da tut Eile nicht gut. Wir sollten uns als Gesellschaft und dem Gesetzgeber ausreichend Zeit lassen, diese Themen ausgewogen zu bedenken und zu regeln. Es geht dabei um viele Details: Welche Person kann unter welchen Umständen Unterstützung in Anspruch nehmen? Wie sieht ein Beratungsprozess aus? Welche Personen oder Institutionen würden ein solches Angebot machen? Welche Berufsgruppen mit welchen Kompetenzen sollen beteiligt sein?

Könnte es Menschen auch Mut machen, zu wissen, dass es diese Option gibt und zum Beispiel gewaltsame Suizide verhindern?

Das ist ganz sicher so. Das Gespräch über das Angebot kann verhindern, dass Patienten zur Sterbehilfe in die Schweiz fahren müssen oder sich vor dem Zug oder durch Sprung aus großer Höhe grausam suizidieren. Das ist einer der Gründe, warum ich mich für die Möglichkeit des ärztlich assistierten Suizides in besonderen Einzelfällen ausspreche. Wenn wir Ärzte uns diesem Gespräch grundsätzlich durch Verbote entziehen, bleibt unseren Patienten nichts anderes übrig, als sich an Fremde zu wenden. Ich finde es besser und angemessener, ein so wichtiges Thema mit der Ärztin oder dem Arzt meines Vertrauens zu besprechen. Es gibt Erfahrungsberichte aus Ländern mit entsprechenden Regelungen, wonach ein Teil der Patienten, die sich ein Medikament zum Suizid beschafft haben, dieses nie einnimmt. Ihnen reicht offensichtlich das beruhigende Wissen der Möglichkeit.

Schwingt die Sorge mit, dass Sterbehilfe zu leichtfertig genutzt werden könnte?

Diese Sorge ist berechtigt und nicht ganz von der Hand zu weisen. Das zeigen Erfahrungen aus anderen Ländern. Wir haben in Deutschland in der Nazizeit zahlreiche Menschen als sogenanntes „lebensunwertes Leben“ getötet. Deswegen sollten wir hier besonders sensibel sein und verantwortungsvoll handeln. Diese Sorge muss bei der Neuregelung berücksichtigt werden.  acb

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