Lisa Hoppe mischt ihre alte Heimat mit kühnen Klängen auf

Auf zu neuen Universen

Lisa Hoppe arbeitet als Kontrabassistin und Komponistin in New York, Bern und Hamburg. Mit ihrem Werk „Third Reality“ war sie in Rotenburg zu Gast. Foto: Heyne

Rotenburg – Lisa Hoppe eröffnet am Mittwochabend im Heimathaus ein ganz neues Universum des Jazz. Da wundert es nicht, dass die gefragte Jazz-Kontrabassistin und ehemalige Rotenburgerin mehr als eine Realität offenbart, genauer gesagt: mindestens drei. Denn mit „Third Reality“, so der Name ihres Trios, ist die ehemalige Ratsgymnasiastin auf Einladung des Clubs „Just Jazz“ wieder in ihrer alten Heimat an der Wümme zu Gast.

Eine Realität: Die charismatische Musikerin hat sich Lichtjahre weiterentwickelt, seit sie damals in der Bigband unter Leitung von Frank Domhardt erste musikalische Gehversuche machte und nun mit den Ergebnissen ihres Kompositionsstipendiums des Landes Niedersachsen „ein ganzes Universum an Stücken“ vorstellt, wie sie sagt. „Wie spielt die heutige Jugend Jazz?“ – diese Eingangsfrage des seit 2018 amtierenden Vorsitzenden Michael Behr beantwortet sie eindrucksvoll, zuerst im Trio, dann „extended“ mit fünf Mitstreitern. Eine Antwort, auf die viele Jazzfans gewartet haben: „Seit vier Jahrzehnten habe ich mir gewünscht, dass hier auch mal die moderneren Facetten gezeigt werden“, meint Domhardt. Ja, auch er sei ein bisschen stolz auf das, was aus dem ehemaligen Mitglied seiner Bigband geworden ist: „Sie hat ihren eigenen Weg eingeschlagen – Respekt!“ Dabei habe sich schon früh abgezeichnet, dass der Spross einer Musikerfamilie und Leiterin der Nachwuchs-Bigband nicht nur „vertrackten Jazzkompositionen“ zugewandt war, sondern sich auch intensiv mit der Theorie beschäftigte und ihr eigenes Ding macht; „Das war schon klar, als sie statt des zu der Zeit gängigen E-Basses zum Kontrabass griff“, so ihr ehemaliger Musiklehrer.

Neben Domhardt haben sich an diesem Abend noch etliche ehemalige und amtierende Lehrer unter den rund 110 Zuhörern im Heimathaus versammelt. Deren Begrüßung sollte eigentlich freudiger klingen: „Irgendwie treffe ich nicht den richtigen Ton“, konstatiert die Pendlerin zwischen Hamburg, Bern und New York. Allerdings nur verbal – denn ansonsten stimmt alles. Nicht nur die eigenen Basslinien, die sie im Trio als treibende Kraft, im Sextett auch gern zurückgenommen zugunsten von Saxophon und der ebenso expressiven Stimme der Schweizerin Yumi Ito unterlegt.

Ihr Ensemble: Eine kosmopolite Mischung junger Talente, vom unglaublich klangreichen israelischen Saxofonisten David Leon aus New York über den Israeli Tal Yahalom (Gitarre) sowie den Sextett-Gästen Tom Millar aus London am Piano und den britischen Drummer Phelan Burgoyne.

Spannend, mitunter sperrig und die Klanggewohnheiten gerade der Rotenburger aufbrechend: Das trifft nicht nur auf die eigenen Kompositionen mit wunderlichen Titeln wie „Mauerbauertraurigkeit“ oder „Acht hungrige Vögel und ein krankes Wiesel“ zu, sondern auch auf die Interpretation von Joni Mitchells „Fiddle and Drum“. Auch in ihrer modernen Interpretation wird das ursprüngliche Lied gegen den Vietnamkrieg zum politischen Statement. Mehr Geräuschuniversum als Klang, zwischen Heulen, Jammern und Saxofonexzessen bis zur Schmerzgrenze, macht die Kakofonie aus Stimmen und Klängen den Musikern sichtlich Freude. Aus dem finalen Disput zwischen der Kriegstrommel und der Fiddle schält sich eine verzerrte Phrase der amerikanischen Hymne in Moll – besser lassen sich die Möglichkeiten und Facetten modernen Jazz‘ kaum ausloten.  hey

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