KLIMASCHUTZ VOR ORT Der Umgang mit Starkregenereignissen in Rotenburg

Neue Wege für Regenwasser

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2002 herrschte Ausnahmezustand in der Kreisstadt: Viele Straßen waren überschwemmt.

Rotenburg – Extreme Wetterlagen nehmen zu, auch im Landkreis Rotenburg. Zum Beispiel Starkregenereignisse. Wenn es binnen weniger Minuten wie aus Eimern schüttet, finden die Wassermassen nicht gleich ihren Weg in die Kanalsysteme, überflutete Straßen sind die Folge. Wie sieht es in der Kreisstadt aus, was wird städtebaulich und verkehrstechnisch für den Fall der Fälle getan? Und welche Möglichkeiten gibt es, das Nass sinnvoll zu nutzen? Denn: „Regenwasser selbst zu nutzen, ist aktiver Klimaschutz“, sagt Stephan Lohmann, Amtsleiter für Verkehr, Entsorgung und Umweltschutz.

Messungen gibt es für Rotenburg nicht, aber Lohmann und seine Kollegen haben Erfahrungswerte. „Die Regenereignisse sind stärker geworden“, weiß er daher. Und verursachen größere Probleme, da mehr Masse auf einmal vom Himmel kommt. Dabei gilt: Das Wasser darf nach dem Wasserhaushaltsgesetz und dem niedersächsischen Wassergesetz nicht einfach abgeleitet, sondern muss zurückgehalten werden. „Auf Privatgrundstücken muss jeder sein Oberflächenwasser auf seinem Grundstück entsorgen.“ Erst, wenn es dort nicht mehr versickern kann, zum Beispiel durch Lehm- oder Steinböden, kann ein Anschluss an den Regenwasserkanal zugelassen werden. Das Wasser läuft dann durch die Kanalisation in ein Rückhaltebecken. Auf diese Weise wird es gedrosselt, versickert zum Teil, der Rest kommt irgendwann in der Wümme an. Und das soll es nach Möglichkeit gar nicht erst: „Sonst wären die Gräben und die Wümme laufend voll“, erklärt Lohmann. Auf diese Weise entsteht der „Nödensee“ am Kreishaus.

In Rotenburg wird das Regen- getrennt vom Schmutzwasser abgeleitet. „Mischsysteme sind nicht förderlich für Kläranlagen, da kommt zu viel Klarwasser rein“, erläutert der Amtsleiter. Die Kanalnetze sind in den 60er-Jahren gebaut worden, in den 80ern habe man mit der Rückhaltung begonnen. Bei der Ausweisung neuer Baugebiete entscheidet die Stadt bei der Planung, wie das Wasser zurückgehalten wird. Deswegen verfügt jedes größere Baugebiet über ein eigenes Rückhaltebecken. Auch beim Kanalbau wird auf Rückhaltung geachtet, beispielsweise durch eine entsprechende Größe. Doch um starken Ereignissen komplett vorzubeugen, müsste überdimensioniert gebaut werden. „Und dafür sämtliche Straßen aufreißen, das kann keiner bezahlen“, merkt Lohmann an.

Ein solch starkes Ereignis war das Hochwasser 2002. Auch Rotenburg hat daraus gelernt: Bei den damals geplanten Baugebieten Grafeler Damm West und Ost sowie Knickchaussee „musste etwas passieren“, sagt Lohmann. Dort wurde ein Staugrabensystem entwickelt, mit dem Wasser zurückgehalten werden kann, bis es gedrosselt abfließt. Jede Kommune muss zudem einen Generalentwässerungsplan erstellen und Verbesserungen und Neuerungen eintragen. Auch der wurde 2002 neu erstellt.

Bestimmte Flächen rechts und links der Wümme werden bewusst als Rückhaltesysteme, also Überschwemmungsgebiete, genutzt. Im besten Fall so, dass das Wasser in den Folgestunden nach einem Wolkenbruch nach und nach abfließt. In den vergangenen Jahren ist dabei im Landkreis wie auch außerhalb deutlich geworden, dass die Begradigung der Flussläufe seit Beginn des 20. Jahrhunderts nicht die beste Idee war. „Seit etwa 20 Jahren wird zurückgebaut“, weiß Lohmann. Neben der Wümme auch die Wiedau. „Sie wurde in ihr ,neues altes‘ Bett verlegt, mit Kurven.“ Das macht Sinn: So fließt das Wasser langsamer, kann sich auf angrenzenden Wiesen ausbreiten. „Wir geben der Natur beim Bau von Rückhaltebecken daher Raum“, so Lohmann. „Hier kann die Wümme ausweichen, Rodau und Wiedau genauso, in natürlicher Rückhaltung. Diese Räume müssen die Kommunen mehr nutzen. Das geschieht, indem die Bereiche unter Schutz gestellt werden.“

Beim Bau neuer Straßen werden Sickermulden eingebaut. „Das Wasser sammelt sich, fließt in den Regenwasserkanal, sammelt sich, fließt ins Rückhaltebecken, sammelt sich. Es wird immer langsamer“, erklärt Lohmann den Kreislauf. Aber: Der Erfolg der Systeme hängt von der Menge des Wassers ab. „Irgendwann sind auch diese überlastet.“

Letztendlich ist zwar die Stadt in der Verantwortung, aber jeder Bürger kann etwas tun. Zum Beispiel für freie Einläufe sorgen. „Es hilft, volle Schmutzeimer der Gullys zu entleeren“. Dabei stoße die Stadt mitunter an ihre personellen Grenzen – bei etwa 6 000 Einläufen nur im Stadtgebiet. Letztlich diene das auch dem eigenen Schutz: „Das Wasser läuft schneller ab“, sagt Lohmann. Und damit nicht auf Grundstücke oder in Häuser. „Wir arbeiten daran, es gibt viel zu tun. Man kann nicht alles auf einmal, aber mit jeder Straßenerneuerung und jedem Neubaugebiet wird dafür gesorgt, dass das Wasser höchstmöglich zurückgehalten wird.“

Da Starkregenereignisse zunehmen, suchen Lohmann und seine Kollegen stetig nach neuen Wegen dabei. Und beim Klimaschutz kann jeder helfen. Der Verzicht auf Schottergärten ist eine Möglichkeit. „In naturbelassenen Gärten kann das Wasser besser versickern.“ Unter Schotter liegt meist Vlies oder Folie – damit kein Unkraut seinen Weg ans Tageslicht findet. Dadurch kann das Wasser nicht versickern. „Das ist schädlich für das eigene Grundstück und es läuft unerlaubt auf andere Grundstücke, daran denken viele nicht“, so Lohmann.

Im Sinne der Nachhaltigkeit ist es auch, wenn möglich unterirdische Tanks oder Reservoirs zu bauen. Regenwassertonnen haben bereits viele Eigenheimbesitzer im Garten stehen. In unterirdischen Tanks könnte man Wasser für regenarme Zeiten sammeln, es für die Bewässerung nutzen, statt kostbares Trinkwasser zu verwenden. Es könne aber auch für die Toilettenspülung genutzt werden. „Es gibt diverse Möglichkeiten“, meint Lohmann. Egal ob Garten oder Balkon, auch für letzteren gibt es Sammelmöglichkeiten. „Das wäre ein Aspekt im Sinn von Klimaschutz, den jeder umsetzen kann“, erklärt Lohmann. Denn: „Per Gesetz muss jeder beim Hausbau mit erneuerbaren Energien arbeiten, warum nicht gleichzeitig eine Wasserrückhaltung und -nutzung?“

Starkregenereignisse in Niedersachsen

Von Starkregen spricht der Deutsche Wetterdienst (DWD) bei „großen Niederschlagsmengen pro Zeiteinheit“, er gibt dann entweder markante Wetterwarnungen oder Unwetterwarnungen raus. Letztere bedeuten einen Niederschlag von etwa 25 Litern und mehr je Quadratmeter in einer Stunde. In Niedersachsen registriert der DWD Niederschlag örtlich schon seit Langem, meist als Tagessumme. Laut Klimareport gibt es seit 1881 einen ansteigenden Trend. Aber: „Erst in den vergangenen Jahrzehnten wurden unsere Messstellen nach und nach mit feiner auflösenden Geräten ausgestattet. Heutzutage wird an vielen Stationen minütlich gemessen“, schreibt Gabriele Krugmann vom DWD. Diese feinen Messungen lassen aber noch keine vernünftigen Statistiken zu, da es sie klimatologisch gesehen noch nicht lange genug gibt. „Zudem sind Starkniederschlagsereignisse häufig sehr kleinräumig und werden messtechnisch nicht erfasst. Da helfen Fernerkundungsmethoden (Niederschlagsradar), die allerdings erst seit 2001 zur Verfügung stehen“, so Krugmann weiter. Damit können auch lokal und kurzzeitig hohe Niederschläge erfasst werden.  acb

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