Nachwuchsmangel bedroht die Versorgung

Warten auf den Arzt

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Wer auf dem Land einen Arzt braucht, wird in Zukunft wohl länger warten müssen.

Rotenburg - Von Matthias Röhrs. Wenn man den Berechnungen und Worten der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) glauben schenkt, ist die Lage ernst. Ein Blick in ihre Statistik offenbart, dass mittelfristig eine Unterversorgung an Ärzten in der Region Rotenburg wahrscheinlich ist.

Die Gründe liegen im demografischen Wandel: Viele derzeit praktizierende Landärzte gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand. Und junge Mediziner sind zu wenige bereit, auf dem Land zu arbeiten.

Landärzte schätzen die Nähe zu ihren Patienten

Tatjana Hahn wollte eigentlich nie etwas anderes. Für die Bothelerin, die seit fünf Jahren im benachbarten Brockel eine Hausarztpraxis führt, war schon während ihrer Ausbildung klar: Sie will aufs Land. Nicht nur wegen der Nähe zu ihrem Wohnort. „Ich schätze den engen Kontakt mit meinen Patienten“, sagt die 49-Jährige.

Seit anderthalb Monaten gehört Sally Hoffmann zu ihrer Praxis. Einst war sie am Diakoniekrankenhaus in Rotenburg, zuletzt hat die 53-Jährige bis Ende 2016 als Chefärztin an der Reha-Klinik in Gyhum gearbeitet. Auch sie wollte noch mal etwas anderes machen, die Flexibilität als Landärztin hat es ihr angetan, als Geriatrische (Altersmedizin) Fachärztin hat sie zudem in Brockel viele Patienten.

Prognosen für das Jahr 2030 sind besorgniserregend

Noch gibt es zwar genügend Ärzte wie Hahn und Hoffmann auf dem Land, in den kommenden Jahren kann sich das aber ändern, sagt der Geschäftsführer der KVN-Bezirksstelle Verden, Michael Schmitz. Es fehlt an Nachwuchs. „Junge Ärzte haben heute andere Ideen, wie sie ihre Karriere gestalten wollen“, sagt er. Sie ziehe es eher in die Städte als auf das Land. Die Ärzteschwemme der 80er-Jahre komme zudem bald ins „Rentenalter“. Mediziner, die bald in den Ruhestand gehen, finden keine Nachfolger. In den nächsten Jahren würden überproportional viele Praxen zu verkaufen sein. Junge Ärzte könnten sich aussuchen, ob sie sich in der Stadt oder auf dem Land niederlassen wollen.

Wobei man sagen muss: Noch kratzt der Altkreis Rotenburg an der hausärztlichen Überversorgung. Sie steht in Relation von Einwohnern und Anzahl der Ärzte. Im Bereich Rotenburg liegt der Wert bei 104 Prozent, Zeven liegt bei 100, Bremervörde bei etwa 99. Bis zum Jahr 2030, hat der KVN berechnet, werden die Werte sinken – bis an den Rand zur Unterversorgung bei 75 Prozent, für Bremervörde prognostiziert die KVN sogar noch schlechtere Werte.

Die eigene Praxis verliert an Attraktivität

Problematisch wird es zudem, weil sich die Altersstruktur der Patienten verändert. Sie werden im Durchschnitt immer älter, demzufolge steige laut KVN die Nachfrage nach Ärzten. „Auf dem Land gibt es eine hohe Patientenzahl“, sagt Schmitz. Doch es ist nicht nur die Umgebung, die eine eigene Praxis auf dem Land unattraktiv macht. Junge Ärzte legen verstärkt Wert auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, als niedergelassener Arzt gestaltet sich das schwierig. Sie streben eine Anstellung an.

Wie auch Hoffmann, die aufgrund ähnlicher „privater“ Gründe eine eigene Praxis oder eine Beteiligung an der von Hahn ablehnt. Dazu kommt: Der Medizin-Nachwuchs ist mehrheitlich weiblich. „Da wird viel Teilzeit nachgefragt“, sagt Schmitz. Tatsächlich gebe es bei den Teilzeit-Ärzten sogar einen kleinen Zuwachs. Die Anzahl der niedergelassenen Ärzte im Landkreis ist Brechnungen des KVN zufolge bis 2015 in zehn Jahren um 28 gesunken, die Zahl der angestellten stieg im gleichen Zeitraum dagegen um 48.

Differenzen bei den Experten, wie die richtige Förderung aussieht

Es gibt Projekte, um dem Trend entgegen zu wirken – beispielsweise die Landpartie in Zeven. Dort können Studierende der Medizinischen Hochschule Hannover in Praxen in den Samtgemeinden Zeven, Selsingen, Tarmstedt und Sittensen reinschnuppern. Auch eine Quote ist bundespolitisch im Gespräch, durch die junge Ärzte finanziell gefördert werden sollen, wenn sie sich für die Arbeit auf dem Land entschließen. Dem KVN geht das nicht weit genug, er fordert unter anderem mehr Medizin-Studienplätze.

Die beiden Ärztinnen in Brockel gehen in eine ähnliche Richtung. „Einen Ausbildungsplatz zu bekommen, ist mittlerweile schwierig geworden“, so Hoffmann. Auch mit einem sehr guten Abitur. Und auch wenn: Bis Ärzte vollständig ausgebildet sind, sind sie meist schon in den 30er-Jahren. Hahn: „Der Nachwuchs braucht Zeit.“

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