Bislang keine auffälligen Werte

Nach der Krebsstudie von Bothel: Debatte um Rückstände in Bohrschlammgruben

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Mit der Bohrschlammgrube Kallmoor Z1 hat im November 2014 die Debatte um gefährliche Hinterlassenschaften in alten, wilden Deponien begonnen. Doch hier wie überall sonst ist das Ergebnis im Landkreis bislang: keine relevanten Schadstoffgehalte.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Was haben Industrie und Kommunen, Gewerbetreibende und Bürger vor Jahrzehnten einfach in der Natur verbuddelt und welche Schadstoffe belasten uns dadurch heute?

Die Auswertung der Befragung Krebskranker und deren Angehöriger in der Samtgemeinde Bothel hat Hinweise auf Zusammenhänge mit einer Wohnortnähe zu sogenannten Bohrschlammgruben ergeben. Die Debatte um Verursacher und Folgen ist entbrannt. Die Suche nach Ursachen für die erhöhten Krebszahlen ist offen wie zuvor.

Hohe Umweltstandards existierten lange Zeit nicht

24 Verdachtsstandorte gibt es im Landkreis Rotenburg. Gruben, in die über Jahrzehnte ohne größere Bedenken alles Mögliche verklappt wurde. Was war harmlos, was hat zu Schäden geführt, was wird noch künftig für Probleme sorgen? Diese Fragen sind weiterhin unbeantwortet. Umweltstandards wie heute interessierten damals nur wenige. Und so kippte auch die seit Jahrzehnten in der Region emsige Erdgas- und Erdölindustrie ihre „Abfälle“ – Stein, Sand, Matsch und „Produktionsreste“ – in ungeschützte Gruben. Im November 2014 hatte der NDR mit belasteten Bodenproben unter anderem von der Bohrstelle „Kallmoor Z1“ nördlich von Stemmen die Debatte über verseuchte Bohrschlammgruben in Niedersachsen in Gang gebracht. Der Landkreis reagierte, untersuchte den Boden und verkündete im Februar 2016: „Keine relevanten Schadstoff-Gehalte nachweisbar“.

Der Landkreis setzt aber die Untersuchungen fort. 17 weitere Bohrschlammgruben sind für ein fünf Millionen Euro schweres Förderprogramm des Landes und des Wirtschaftsverbandes Erdöl und Erdgas zur Untersuchung angemeldet, mit dem nach Schadstoffen gesucht werden soll. Alles Gruben, bei denen die Erdöl- und Erdgasindustrie als sogenannte Verhaltensstörer oder Gesamtrechtsnachfolger ausgemacht sind. Die entsprechenden Standorte liegen im Altkreis in Visselhövede, Stemmen, Rotenburg, Kirchwalsede und Scheeßel. Sechs weitere Gruben werden auf eigene Rechnung kontrolliert. Ergebnisse bislang: keine. Folgemaßnahmen entsprechend: keine.

Das Land Niedersachsen will Klarheit schaffen

Nach dem „Signal“ eines statistischen Zusammenhangs zwischen Wohnort der Krebskranken und Bohrschlammgruben in Bothel wird nun dort genauer hingeschaut. In der Auswertung hatte das Gesundheitsamt diese noch nicht explizit genannt. Konkreter wird Kreissprecherin Christine Huchzermeier auf Nachfrage: „Es handelt sich um die Bohrschlammgrubenverdachtsstandorte Scheeßel Z1 in Hemslingen, Rotenburg T1 (Grube 2) in Kirchwalsede und um Lüdingen 1 und 1a in der Gemarkung Lüdingen.“ Die ersten beiden seien Mischgruben, wenigstens in der Grube Hemslingen soll Bohrgut zu kommunalen Abfällen wie Hausmüll, Gewerbeabfälle, Schrott, Autoreifen abgelagert worden sein. Bei der Altablagerung in Kirchwalsede handele es sich um eine Übergangsdeponie, einen ehemaligen gemeindlichen Müllplatz.

„ExxonMobil“ hat bereits vergangene Woche verkündet, dass man auf Basis dieser Erkenntnisse als Verursacher des Krebses komplett ausscheide: „Dass sich der über Jahre geäußerte Verdacht, die Förderaktivitäten seien ursächlich für die Erkrankungen, nicht bestätigt hat, war dem Landkreis nur eine Randnotiz wert. Stattdessen wird ein Zusammenhang zu vermeintlichen Bohrschlammgruben konstruiert“, heißt es jetzt vom Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie.

Nun will das Land Niedersachsen mit einer überregionalen Studie mehr Klarheit schaffen. Die Linke hat das Thema Bohrschlammgruben zudem für den 17. Mai auf die Tagesordnung des Umweltausschusses des Bundestages setzen lassen. Ob in naher Zukunft Ergebnisse zu erwarten sind, ist fraglich. Landrat Hermann Luttmann (CDU) hatte schon bei der Präsentation der Studie verneint, dass bezüglich der Gruben Handlungsbedarf besteht: „Wenn sie jetzt anfangen, dort zu rühren, wird die Gefahr noch größer.“

Kommentar: Geschichten aus der Grube

Michael Krüger

Was bringen uns eigentlich die seit zwei Wochen bekannten Ergebnisse der Krebsstudie von Bothel? Man kann es kurz machen: gar nichts. „Signale“ gibt es, hieß es vom federführenden Rotenburger Gesundheitsamt, es sollen weitere Untersuchungen folgen.

Die Hinweise, dass in irgendeiner Art und Weise die Wohnortnähe zu Bohrschlammgruben eine Rolle bei der Erkrankung vor allem älterer Männer eine Rolle spielt, gehören nach jetzigem Stand der Dinge in die Tonne. Die trockene Statistik ist nutzlos, was das Leid der Betroffenen und die Sorgen der Menschen vor Ort nur noch schlimmer macht.

Auch andere Hypothesen hätte man bei der Befragung statistisch umgehend bestätigen können: Tragen sie manchmal Turnschuhe? Fahren Sie manchmal zu Dodenhof einkaufen? Schauen Sie Fernsehen? Bei der Erdgas- und Erdölförderung werden Giftstoffe freigesetzt und Schadstoffe aus dem Boden geholt. Will das wirklich noch jemand ernsthaft bestreiten?

Die Konzerne können mit der Auswertung der Bürgerbefragung wunderbar leben, denn nun können sie sich in Unschuld wiegen. Aber die Argumentation hinkt nach der Studie und der Konzentration auf Bohrschlammgruben, die nur Hausmülldeponien waren, natürlich gewaltig. Denn sie blendet Entscheidendes aus, was Exxon und Co. nur zu gerne aufnehmen. Das eigentliche Problem ist noch lange nicht gelöst. Viel schlimmer: Es wurde bislang noch nicht einmal erkannt.

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