Nach 30 Jahren im Ehrenamt tritt Werner Burkart als Kreisnaturschutzbeauftragter ab

„Man muss die Natur nur lassen“

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Werner Burkart gibt sein Ehrenamt ab.

Wilstedt - Von Michael Krüger. Auch wenn das Bild für einen Ökologen aus Leidenschaft etwas abgedroschen ist: Werner Burkart nimmt kein Blatt vor den Mund. 30 Jahre lang war der heute 72-Jährige für den Landkreis ehrenamtlich als Naturschutzbeauftragter in der Region unterwegs. Nun tritt er ab – und spricht im Interview noch einmal Klartext.

Was macht ein Kreisnaturschutzbeauftragter?

Werner Burkart: Das steht im Gesetz. Sinngemäß: Er unterstützt und berät die Naturschutzbehörde. Er setzt sich ein für die Belange des Naturschutzes. Das ist eine allgemeine Formulierung, was ich aber sehr positiv finde – so sind die Spielräume da.

Sie scheinen Ihre Aufgabe ernster genommen zu haben als manch andere?

Burkart: Wer nicht unbedingt will, wird nicht über die Maßen beansprucht, das stimmt. Wer aber viel sieht, kann sich auch viel Arbeit verschaffen. Mir ist das Fachanliegen Naturschutz sehr wichtig. Was ich nebenher immer noch gemacht habe, war die Datenerhebung. Ich bin an etlichen Kartierungsprojekten wertvoller Landschaftsreste, Pflanzen und Tiere beteiligt gewesen.

Schauen Sie anders in die Natur als andere?

Burkart: Ich fürchte ja. Ich gucke ganz genau hin. Ich schaue, welches Inventar die Natur bietet. Ich sage nicht nur ‚Ach, ist das schön‘, sondern gehe analytisch an die Sache. Wenn ich das Pflanzenkleid einer Gegend anschaue, dann merke ich, wenn sich in 20 Jahren etwas verändert.

Was hat sich in den vergangenen 30 Jahren Ihrer Tätigkeit verändert?

Burkart: Das ist Gegenstand meiner Jahresberichte. Das ist eine hochkomplexe Angelegenheit. So eine einfache Frage stellt mich schon vor erhebliche Schwierigkeiten. Es ist eine ganz umfassende Problemlandschaft, die sich auftut.

Was hat sich im Landkreis Rotenburg denn verschlechtert über die Jahre?

Burkart: Es ist ganz eindeutig ein heftiger Schwund an Artenvielfalt in der Kulturlandschaft zu beobachten, vor allem in der Agrarkulturlandschaft. Für die Siedlungen gilt das nicht unbedingt und in den Städten weniger als auf dem Land. Die Agrarlandschaft ist stellenweise leergefegt. Sie ist agrarökonomisch optimiert und ökologisch auf den Hund gekommen – mit all den Konflikten, die die Landwirtschaft lange bestritten hat und heute nur sehr unwillig einräumt. Diese Entwicklung prägt den Anblick unserer Landschaft.

Und positiv?

Burkart: Es wurden viele Schutzmaßnahmen umgesetzt. Bei uns im Landkreis und landesweit haben diese Bemühungen Früchte getragen. Man denke zum Beispiel an das Moorschutzprogramm, das seinerzeit der jüngst verstorbene Ernst Albrecht angeschoben hat. Und durch die Einstellung der Verfolgung bestimmter Arten haben sich diese erholt. Nicht, weil wir so freundlich sind, sondern nur, weil wir sie wieder in Ruhe lassen. Wenn ich daran denke, dass in Niedersachsen wieder 30 Paare Seeadler brüten... Hermann Löns wäre von den Socken! Und wir haben wieder 500 Kranich-Paare. Das ist ein ganz verworrenes Bild: Wer die Vorgeschichte nicht kennt, könnte die falsche Schlussfolgerungen ziehen. Dass nämlich wieder alles in Ordnung ist. Nichts falscher als das. Wir haben nur ein paar dumme Dinge aus der Vergangenheit sein gelassen. Die gnadenlose Verfolgung des Fischotters zum Beispiel. Man lässt ihn jetzt, und er kommt wieder. Das ist noch lange kein Zeichen engagierten Naturschutzes.

Sie kritisieren in Ihrem aktuellen Jahresbericht, dass weiterhin viel zu wenig Kreisfläche unter Naturschutz gestellt ist.

Burkart: Jammervoll. In allen Wahlkämpfen sind alle Parteien von mindestens zehn Prozent Vorrangflächen ausgegangen. Wir sind bei 6,7. Das Potenzial für einen viel höheren Anteil an geschützter Fläche, die dem menschlichen Einfluss entzogen wird oder nur in bestimmter Weise bewirtschaftet wird, ist vorhanden. Nur hat Naturschutz leider in der Politik noch nie eine große Rolle gespielt. Für den Machterhalt ist Naturschutz irrelevant.

Ihre kritischen Töne zur fortschreitenden Industrialisierung der Landwirtschaft kamen bei der CDU nie gut an. Sind Sie manchmal übers Ziel hinausgeschossen?

Burkart: Nein. Ich bin sehr mäßig in meiner Kritik. Die Schärfe meiner Einschätzung der Situation ist aber nicht mehrheitsfähig. Das heißt nicht, dass ich sie nicht für wohl begründet halte. Ich beschäftige mich mit diesen Fragen seit Jahrzehnten. Ich möchte gerne einmal wissen, welche fundierten Einwände es gibt. Ich überlege mir schon sehr genau, was ich formuliere. Die Kritik von einigen Personen war natürlich jenseits jeder seriösen Auseinandersetzung. Denn ich kann nachweisen, welche Flächen naturnah waren und jetzt intensiv genutzt werden, die Dokumentation ist vorhanden. Das ist tausendfach passiert. Der Zugriff auf wenig genutzte Flächen ist ungebrochen. Ödland gibt es praktisch nicht mehr.

Ist Naturschutz und Landwirtschaft ein Widerspruch?

Burkart: Naturschutz ist bei uns überhaupt erst ein Begriff geworden, als die Landwirtschaft begann, perfekt zu werden. Der Gedanke ist im 19. Jahrhundert entstanden durch die großflächigen Heidekultivierungen. Es hat sich nicht verändert, was Hermann Löns vor hundert Jahren gesagt hat: ‚Die Naturverhunzung arbeitet en gros. Der Naturschutz kraucht knickebeinig hinterdrein.‘

Bekommt man die beiden Seiten nicht an einen Tisch?

Burkart: Es gibt kaum einen Wirtschaftszweig, der so stramm organisiert ist und lobbymäßig vertreten wird. Das hat aber der Vielzahl der kleinen Betriebe nicht genützt, denn die gibt es gar nicht mehr. Das Gewicht wird auf immer weniger verlagert. Das Hardlinertum in der Landwirtschaft wird durch agrarindustrielle Interessen bestimmt. Diese gegenüberstehenden Interessen werden sich zuspitzen. Die alternative Landwirtschaft hat sich ja schon vor Jahren abgespalten, ist aber politisch unbedeutend geblieben. Es ist auch menschlich ein delikates Problem, denn ich weiß, dass in der Landwirtschaft ganz hart gearbeitet wird. Nur: Die Bereitschaft, zu sehen, dass diese Tätigkeit, die auch noch zur Hälfte vom Staat finanziert wird, zu einer ökologischen Gefährdung führt, wird bestritten – oder zumindest billigend in Kauf genommen. Das ruppige Motto ‚Wachsen oder Weichen‘ ist nie ernsthaft diskutiert oder infrage gestellt worden. Die Zusammenarbeit mit dem einzelnen Landwirt vor Ort, zum Beispiel beim Artenschutz, ist hingegen durchweg konstruktiv.

Landwirtschaftsminister Christian Meyer rudert etwas zurück, trotzdem bleibt in den Moordörfern eine diffuse Angst, dass sie wieder unter Wasser gesetzt werden durch die Änderungen am Landes-Raumordnungsprogramm. Im Umweltausschuss haben Sie das zuletzt als „absurd“ bezeichnet. Was ist nun die Wahrheit?

Burkart: Dieser organisierte Protest der Bürger beruht ganz sicher nicht darauf, dass diese kreuzbraven Leute genau bescheid wissen, welchen Stellenwert Landesplanung und Raumordnung haben. Sie wissen auch nicht, dass schon 1981 eine Gebietskulisse von 80000 Hektar in Niedersachsen zur Wiedervernässung aufgestellt wurde. Dass davon in 34 Jahren nur die Hälfte umgesetzt wurde, sagt ja etwas über die Geschwindigkeit der Prozesse. Wer ein wenig nachdenkt und in der Materie drinsteckt, weiß, dass diese Befürchtungen aus der Luft gegriffen sind. Man kann natürlich dieses ausgesprochen dumm und schlecht vorbereite Papier missverstehen, wenn man will. Daran hängt sich die Kampagne. Klar ist: Der Entwurf ist fachlich schlecht vorbereitet und unsauber ausgearbeitet. Die Karten sind eine Katastrophe.

Naturschutz, auch das haben Sie zuletzt betont, ist seit Jahrzehnten mehr und mehr in den Fokus gerückt, hat sich aber kaum in unserem Lebensstil niedergeschlagen. Was meinen Sie?

Burkart: Es hat noch nie so tolle und viele Naturfilme wie jetzt gegeben. Es gibt eine unglaubliche Diskrepanz zwischen theoretischer Geneigtheit, die Natur zu erhalten, und dem Anspruchsdenken der Menschen. Man sieht keinen Widerspruch mehr darin, am Wochenende in die Alpen zum Ski fahren zu fliegen. Das steckt in uns allen drin. Diese Widersprüche lassen sich nicht auflösen, aber diese Diskussion wird auch nicht geführt. Das zwischenmenschliche Verhältnis ist doch nur erträglich, wenn man bereit ist, Kompromisse einzugehen. Das wissen wir. Aber in der Ökonomie herrscht genau das Gegenteil. Dort wird jedes Zurückweichen sofort bestraft, wird als Schwäche ausgelegt. An der Spitze steht das Investmentbanking: eine eiskalte, gelebte Habgier. Wenn unsere Gesellschaft nicht mehrheitlich in der Lage ist, sich dagegen zu wehren, dann wird es schwierig.

Ist der Landkreis mit zukünftig zunächst einmal zwei Naturschutzbeauftragten und den Landschaftswarten gut aufgestellt in Fragen des Naturschutzes?

Burkart: Das ist eine neue Entwicklung. Damit versucht man, die Vollzugsdefizite einer Behörde, die zwangsläufig sind, aufzufangen. Obwohl Rotenburg vergleichsweise gut besetzt ist. Man sollte es probieren. Wir haben sehr viele Vorgänge, die prekär sind. Allein die Frage der Wasserqualität hat sich in den letzten fünf Jahren wieder heftig zugespitzt. Wir waren schon weiter. Das ist das Reibungsfeld mit der Landwirtschaft. Die Landwirte bekommen es nicht hin, ihre eigenen Leute dazu zu kriegen, Abstände einzuhalten und Dünge- und Siloplätze zu überwachen.

Der Kreistag wollte Sie fürs Bundesverdienstkreuz vorschlagen. Sie wollen das nicht. Warum nicht?

Burkart: Um Gottes Willen. Das sollte man alles tiefer hängen.

Welches ist der schönste Platz im Landkreis?

Burkart: (lacht) Das werde ich Ihnen noch erzählen! Es gibt sehr viel schöne Plätze im Landkreis. Die Öffnung großer Naturräume für die Öffentlichkeit ist wirklich gut ausgebaut im Landkreis. Über die Ausführung kann man sicherlich streiten. Aber das hat dem Naturschutz Punkte eingebracht. Es wird enorm gut angenommen, wie zum Beispiel das Tister Bauernmoor. Aber die Grenzen des Tourismus‘ sind schon erreicht. Sonst wächst man sich tot.

Aber es gibt schon noch Hoffnung für den Landkreis?

Burkart: Ich sage nur ungeschminkt aus meiner Kenntnis der Entwicklung: Es gibt eine Menge Stopp-Schilder, die gesetzt werden müssten. Und es gibt schmerzhafte Entwicklungen aus der Vergangenheit, die kaum reversibel sind. Täuschen wir uns nicht, wir leben seit Generationen in einer Kulturlandschaft. Sie zu erhalten und zu entwickeln ist eine sehr schwierige Aufgabe. Aber die Natur ist enorm regenerationsfähig. Wir müssen sie nurlassen.

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