Hannelore Wilson geht in den gesanglichen Ruhestand

Nach 46 Jahren: Abschied aus der Rotenburger Stadtkantorei

Nehmen Hannelore Wilson beim Abschied in ihre Mitte: Kantor Simon Schumacher und Meike Seifert. nach 46 Jahren verabschiedet sich die Sängerin und geht in den Ruhestand.

Rotenburg - Von Henrik Pröhl. Im Stadtbild ist sie bereits von Weitem zu erkennen. Die kleine, weißhaarige Dame, das Fahrrad schiebend, ständig mehrere Taschen mit sich herumtragend. Weiß der Himmel, was sich darin verbirgt. Als Pfarrsekretärin hat Hannelore Wilson gearbeitet und als Ephoralsekretärin in der Superintendentur. Trägt sie noch Unterlagen aus jener zurückliegenden Amtszeit spazieren? Wilson wird es nicht jedem anvertrauen. Jeden Mittwochabend erklomm die Sopranistin die Stufen zum Gemeindehaus an der Stadtkirche – Taschen in der linken und rechten Hand –, wenn sie zur Probe der Stadtkantorei gefahren ist. Mit dem Rad, versteht sich. Nun aber ist es damit vorbei – Hannelore Wilson nahm ihren Abschied.

Nach sage und schreibe 46 Jahren Mitgliedschaft in der Rotenburger Stadtkantorei hört die 80-Jährige auf zu singen. Es ist genug, mag sie gedacht haben. In der Tat, Hannelore Wilson sieht allen Grund, sich gesanglich in den Ruhestand zu begeben. „Ich höre nicht mehr gut genug, um die Feinheiten mitzukriegen“, sagt sie. Und wirklich hat diese Frau unter allen Kantoren der Stadtkirche in Rotenburg gesungen.

Da kam zunächst 1971 Helmut Kruse als erster hauptamtlicher Kirchenmusiker an die Stadtkirche Rotenburg. Hannelore Wilson war 33 Jahre jung, als sie sich entschied, auch in der Stadtkantorei mitzusingen. Woran erinnert sich die Rotenburgerin? „Ich glaube, es war die Matthäus-Passion, die damals geprobt wurde. Ich konnte nicht nach Noten singen, da war Elfriede Hoffmann meine große Stütze, wenn ich neben ihr saß.“ Und Kantor Kruse? „Er hatte sehr viel Einsicht für Leute, die keine Noten können. Die Proben waren immer sehr locker und familiär.“

„So lange geprobt, bis er zufrieden war“

Fünf Jahre später wechselte Kruse an den Braunschweiger Dom – Hannelore Wilson blieb. 1976 folgte Dietmar Kress als neuer Kantor und leitete die kirchenmusikalischen Geschicke. Wilson kann sich gut an ihn erinnern: „Kress war schon sehr bestimmend und manchmal auch ungeduldig.“ 1983 verließ Kress die Wümme-Stadt und ging nach Dinkelsbühl – Hannelore Wilson blieb.

Auf Dietmar Kress folgte Karl-Heinz Voßmeier, der bis zu seiner Pensionierung in diesem Jahr wirkte. Hannelore Wilson: „Das Intensive war bei ihm am ausgeprägtesten. Er hat so lange geprobt, bis er zufrieden war.“ Anfang des Jahres ging Voßmeier in den Ruhestand – Hannelore Wilson blieb. Sie wollte offenbar noch den neuen und damit ihren vierten und letzten Kantor kennenlernen. Simon Schumacher kam aus Lübeck und übernahm die Stadtkantorei im Februar. In diesem Jahr nun wurde Hannelore Wilson 80. Sie nahm im März ihre Taschen und ihren Abschied – nach 46 Jahren Chorgesang in Rotenburg.

„Vermutlich dienstälteste Sopranistin der Stadtkantorei“

Eigentlich wollte Hannelore Wilson sang- und klanglos verschwinden. Kantor Schumacher ließ es sich aber nicht nehmen, die vermutlich dienstälteste Sopranistin der Stadtkantorei mit einem Blumenstrauß in den wohlverdienten Ruhestand zu verabschieden. „Der Chor hat das Abendlied von Rheinberger zum Abschied gesungen, das hat mich schon berührt“, sagt Wilson, „der Blumenstrauß hielt sich drei Wochen.“ Und was macht sie jetzt mittwochs? „Es ist schon ein richtiger Lernprozess, nicht mehr zur Probe zu gehen. Wenn Kantorei ist, steige ich immer aufs Rad und fahre umher.“ Und sonst? „Ich sammle Briefmarken, stricke und nähe viel, Geschenke braucht man immer.“

Mag Hannelore Wilson denn zukünftig in den Kirchen-Konzerten ihren Platz im Publikum einnehmen – mit oder ohne Strickzeug – und zumindest innerlich noch mitsingen? Ihr Repertoire dürfte beachtlich sein. „Danke, Hannelore Wilson, für jahrzehntelange Kantorei-Treue“, sagen die Gesangskolleginnen und -kollegen zum Abschied.

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