Nabu: Dem Vogel des Jahres fehlen im Landkreis zunehmend Lebensräume

Der Stieglitz macht sich rar

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Der Stieglitz ist der Vogel des Jahres 2016.

Rotenburg - Von Stephan Oertel. Einst war er in dieser Region recht häufig anzutreffen, und manche Straßennamen zeugen davon, dass er vielen Menschen hier vertraut war. Doch inzwischen hat sich der Stieglitz rar gemacht. Ihm fehlt der natürliche Lebensraum, erklärt Uwe Baumert vom Naturschutzbund (Nabu). Der Nabu hat den Distelfink, wie er auch genannt wird, gemeinsam mit dem bayerischen Landesbund für Vogelschutz zum Vogel des Jahres 2016 gekürt.

Der Stieglitz benötigt vielfältige und farbenfrohe Landschaften. Vornehmlich ernährt er sich von den Samen verschiedener Blütenpflanzen, Gräser und Bäume. Disteln und Kletten zum Beispiel mag er besonders, so Baumert. Doch bunte Landschaften mit ausreichend Nahrung gebe es immer weniger. Gerade im Landkreis Rotenburg. Hier kommen die farbenfrohen Vögel daher bestenfalls vereinzelt vor, berichtet der Deinstedter, der im Landesvorstand des Nabu aktiv ist.

Dabei seien hier früher viele Stieglitze über die Wiesen geflogen. Unter anderem der verstärkte Anbau von Mais und zunehmend artenarmes Intensivgras jedoch hätten die bunten Federtiere vertrieben. Und nicht nur sie. „Allein durch die Maisanbauflächen ist in den vergangenen Jahren ein Teil der heimischen Artenvielfalt verloren gegangen“, sagt Baumert.

Vor diesem Hintergrund begrüßt er die niedersächsischen Agrarumweltmaßnahmen mit den Programmen zur Förderung von Blühpflanzen in Form von Blühstreifen sowie die vielen regionalen Initiativen mit ihren eigenen Programmen zur Abwechslung auf dem Acker. Durch sinnvolle Alternativen wie Wildblumen- und Wildkräutermischungen, Sonnenblume, Winterwicke mit Wintererbse und Bohne sowie Buchweizen können Lebensräume für den Stieglitz geschaffen werden, ist er überzeugt.

Es gebe viele Möglichkeiten, den Lebensraum des Distelfinken zu erhalten. Schon kleine unbelassene Ecken in Gärten, an Sport- und Spielplätzen, Schulen, Ackerflächen oder Straßenrändern trügen dazu bei. Bei der Auswahl der Blühmischung sollte darauf geachtet werden, dass diese dem Standort angepasst ist. „Im Idealfall sind es Samen gebietseigener Wildblumen aus gesicherter Herkunft.“ Wer Blühflächen mit heimischen Wildkräutern anlegt, Obstbäume pflanzt und auf Pestizide verzichtet, helfe dem zierlichen Vogel ebenfalls.

Auch wenn er in Regionen wie dem Landkreis Rotenburg kaum noch zu sehen ist, gehört der Stieglitz nicht zu den bedrohten Arten. Gleichwohl hat sich sein Bestand laut Nabu bundesweit von 1990 bis 2013 um 48 Prozent verringert. Der Vogel steht für eine Spezies, die durch die menschliche Nutzung der Landschaft mehr und mehr verdrängt wird. Für die Naturschützer taugt er daher als Symbol, was mit dem Titel „Vogel des Jahres“ unterstrichen wird.

Stieglitze leben sowohl auf dem Land als auch in Siedlungen – solange es einen geeigneten Brutplatz und genug Nahrung gibt. Diese findet er laut Nabu an Acker- und Wegrainen, auf Brachen oder in Parks und Gärten.

Wie alle Vertreter der Gattung Carduelis haben auch Stieglitze eine schlanke Gestalt mit einer Körperlänge von zwölf bis 13 Zentimetern. Unverwechselbar leuchtet ihre rote Gesichtsmaske auf dem ansonsten weiß und schwarz gefärbten Kopf. Rücken und Brust sind hellbraun, Bauch und Bürzel weiß gefärbt. Markant ist die gelbe Flügelbinde an den ansonsten schwarzen Flügeln. Ihr typischer Ruf brachte ihnen ihren deutschen Namen ein: ein helles, zwei- bis dreisilbiges „stiglit“.

Vor allem im Spätsommer und Herbst ist der Stieglitz oft auf Disteln, Kletten und Karden anzutreffen, aus denen er geschickt Samen herauspickt. Zudem sind Stieglitze überaus gesellig. Sie fliegen im Schwarm auf Nahrungssuche und leben selbst zur Brutzeit in lockeren „Wohngemeinschaften“ mit anderen Paaren. Wegen seiner Vorliebe für Disteln ist er zudem noch heute ein christliches Symbol für die Passion und den Opfertod Jesu Christi.

zz

Bunte Meter

Mit der Verkündung des „Vogels des Jahres“ starten Nabu und LBV die Aktion „Bunte Meter für Deutschland“. Ziel ist es, möglichst viele Meter wildkrautreicher Grünflächen als neue Lebensräume für den Stieglitz und andere Singvögel zu schaffen. Ob dabei Flächen mit Wildblumen neu eingesät werden, Brachflächen gerettet, Ackerrandstreifen angelegt werden oder ob Kommunen bei der Pflege von Straßenrändern auf Gift und ständiges Mähen verzichten: Auf einer Deutschlandkarte soll all dies dokumentiert werden.

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