Wahlkampf mit der Kanzlerin: CDU-Kandidatin Kathrin Rösel holt sich prominente Unterstützung

Merkel in der Heidmark-Halle: Die „Mutti“-Strategie

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Drei CDU-Spitzenkandidaten auf dem Podium: Bernd Althusmann, Kathrin Rösel (M.) und Angela Merkel.

Bad  Fallingbostel - Von Michael Krüger. Das Ziel ist die Mitte. Angela Merkel steigt aus der dunklen Limousine, nimmt den streng bewachten Vordereingang, bekommt im Nebengang vor den Toiletten vom Jagdverband noch schnell ein Thesenpapier überreicht, ein paar Selfies, und dann aber Richtung Bühne.

Mittig durchs Spalier der Jungen Union, ein bisschen Abklatschen mit der Bundeskanzlerin, Jubel von gut 1.200 CDU-Anhängern. Es ist Wahlkampf in der Heidmark-Halle Bad Fallingbostel, die Bundestagsabgeordnete Kathrin Rösel setzt auf prominente Parteiunterstützung, gilt es doch, das Erbe eines anderen Prominenten anzutreten: Sie will am 24. September das Direktmandat verteidigen, das Reinhard Grindel zwei Mal geholt hatte, bevor er im vergangenen Jahr DFB-Präsident wurde.

Es ist zu windig, um das ganze Programm durchzuziehen. Die Kanzlerin und CDU-Chefin kommt mit Bernd Althusmann, der nach der Landtagswahl am 15. Oktober Ministerpräsident in Niedersachsen sein will, per Hubschrauber mit Verspätung aus Lingen, noch am Abend muss sie zurück nach Berlin, und morgens dann gleich zur Eröffnung der Automobil-Ausstellung IAA nach Frankfurt. Ein straffes Programm mit Regieren und Werben in eigener Sache, deswegen verliert sie auf der Bühne am Mittwochabend angekommen auch keine langen Worte. Keine Podiumsdiskussion, weniger Redner, weniger Redezeit. „Wir sind ja eine flexible Partei“, sagt sie, den kurzen Smalltalk mit Rösel beendend. Es folgen 45 Minuten Merkel am Mikrofon.

Parteifreunde sind "muttiviert"

Voll „muttiviert“ sind die Parteifreunde im Saal, so ist es zumindest auf den praktischerweise schon auf den Stühlen platzierten Anfeuerungsschildern zu lesen, die hin und wieder in die Luft gereckt werden. Ein CDU-Fan geht sogar noch weiter: „Mutti 4 Bundestag“ steht auf dem T-Shirt eines jungen Mannes, der am Rand sitzt. Er meint allerdings tatsächlich eine Mutti, seine eigene: Jonathan Rösel, 20 Jahre alter Jura-Student, ist an diesen Tagen oft zu sehen an der Seite seiner Mutter Kathrin. Der Mutti-Faktor im Wahlkampf.

Für Rösel ist es als Nachrückerin im Bundestag und Neu-Rotenburgerin der erste große Wahlkampf, der erste große Auftritt als Gastgeberin mit der Bundeskanzlerin. So liegt es dann auch an ihr, als der Hubschrauber mit den CDU-Spitzen noch in der Luft ist, den Abend zu eröffnen. Die 46-jährige Rösel schlägt, zunächst nervös, dann langsam auftauend, in knapp zehn Minuten den großen Bogen von der Landwirtschaft bis zur Einwanderungspolitik. Doch es ist noch laut und unruhig im Saal, der natürlich vor allem auf die Kanzlerin wartet, und die Schlange an der Bier- und Wurst-Theke ist unzumutbar lang: Wartezeit mit politischer Hintergrundbeschallung. Als Rösel das Thema Digitalisierung und Probleme mit der Breitbandversorgung im ländlichen Raum anspricht, nicken die zahlreichen Journalisten in den mittleren Reihen: kein Netz in der Halle, die Redaktionen müssen auf die ersten Berichte länger warten als gewöhnlich.

„Victory Seventeen“ spielt „Ein Bett im Kornfeld"

Die mitreisende CDU-Wahlkampfband „Victory Seventeen“ spielt „Ein Bett im Kornfeld“, dann kommt Merkel. Die Bundeskanzlerin verspricht als CDU-Wahlkämpferin, Familien im Falle eines Wahlsieges rasch finanziell zu entlasten. Der Kinderfreibetrag soll bei der Einkommensteuer auf das Niveau des Erwachsenenbetrags angehoben werden. Dazu: Herausforderungen der Flüchtlingspolitik, Bildungspolitik, innere Sicherheit, ein kurzer Schwenk zur deutschen Leitkultur und Landwirtschaft und Digitalisierung und und und. Unaufgeregt und klar in der Sprache ist sie, keine lauten Töne, wie man es von Merkel gewohnt ist, die seit zwölf Jahren im Amt ist.

„Es geht mehr Menschen besser als noch 2005“, sagt sie zu ihrer Amtszeit nach Gerhard Schröder, und man wolle ja auch, dass möglichst viele Menschen gut in Deutschland leben. „Wir schaffen Leitplanken, dass Menschen hier frei und sicher leben.“ Damit das so bleibe, müsse Rot-Rot-Grün verhindert werden. „Wir brauchen Stabilität und Sicherheit und keine Experimente.“ Die Vielfalt, die „einzelnen Wurzeln, die uns festhalten“, und das Ehrenamt, ausgeübt von mehr als 30 Millionen Menschen, betont sie, seien wichtige Säulen, die für die jungen Leute erhalten bleiben müssten.

Rösels Sohn Jonathan (r.) mit CDU-Freund.

Von denen sind an diesem Abend überraschend viele im Saal, nicht nur im Spalier der Jungen Union. Sie vermissen, weil noch nicht gewohnt, möglicherweise wahlkämpferische Worte von Merkel, deren Rede mit den oft gehörten Erklärungen zur Lage und Perspektive der Nation bei manchen doch einfach durchrauscht.

Für die forschen Töne springt dann der Spitzenkandidat für die Landtagswahl in die Bresche. Kompakte zehn Minuten lang poltert Althusmann zum Abschluss und giftet als erster in Richtung des „Kandidaten aus Würselen“, den er zwar auch nicht beim Namen nennt, der aber bei Merkel nicht einmal Erwähnung findet. Möglicherweise weiß die CDU, dass sich SPD-Kandidat Martin Schulz schon von ganz allein weit genug ins Abseits gestellt hat. Man besinnt sich auf sich, und Althusmann lässt sich für die Niedersachsenwahl zur ehrgeizigen Zielvorgabe hinreißen: „Absolute Mehrheit? Wir können es.“

Wahlkampfsprech Marke CDU.

Applaus gibt es dafür auch von Elke Twesten. Die ehemalige Grünen-Abgeordnete aus Scheeßel, die die Neuwahlen durch ihren Übertritt zur CDU auf den Weg gebracht hat, sitzt in der Nähe von Ulrike Jungemann. Die hatte bei der Vorwahl im November im Rennen um die CDU-Kandidatur gegen Rösel verloren. „Das ist längst abgehakt“, sagt sie lächelnd. Und Niedersachsens CDU-Chef Althusmann tönt dazu passend staatsmännisch vom Podium: „Wir sind eine große, starke Familie.“ Dann wird die Nationalhymne gesungen. Ende.

Angela Merkel in der Heidmark-Halle

Nur ein paar Stunden später steht Kathrin Rösel am Rotenburger Bahnhof. Basis-Wahlkampf ab 5 Uhr am Donnerstagmorgen, heißer Kaffee und CDU-Kugelschreiber für die Pendler. „Eine sehr erfolgreiche Veranstaltung“, sagt sie zum Abend mit Merkel. „Ich habe ausschließlich positive Rückmeldungen erhalten, außer zur Musik.“ Sehr klar und deutlich sei die CDU-Chefin in ihren Aussagen gewesen, „erklärend“. Dass man im Wahlkampf mehr poltern müsse, sei weder Merkels noch ihre Art. Auch wenn sie das Problem der Journalisten verstehen könne, die lieber etwas anderes zu schreiben hätten. So aber, ganz „Mutti“, besinnt sich die CDU auf sich. Rösel: „Es geht nicht darum, zu sagen, was andere schlecht machen, sondern darum, was wir für andere besser machen.“

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