Vierjähriger in Wümme ertrunken

Mutter muss wegen Totschlags sechs Jahre in Haft

Kerzen und Blumen auf der Rotenburger Amtsbrücke
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Auf der Rotenburger Amtsbrücke hatten Menschen nach der Tat im November ihrer Trauer Ausdruck verliehen. Auf einer Kerze ist der Satz zu lesen: „Ich wäre gern erwachsen geworden“.

Das Urteil lautet Totschlag: Weil sie ihren vierjährigen Sohn in die Wümme gestoßen hat und der dort ertrank, muss eine heute 41-Jährige sechs Jahre in Haft.

Rotenburg/Verden – „Aus Angst vor der Inobhutnahme durch das Jugendamt und aus Angst, dass sie von ihrem Kind getrennt wird“, hat nach den Feststellungen der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Verden eine 41 Jahre alte Angeklagte aus Rotenburg ihren vierjährigen Sohn getötet. Geschehen im November 2020 in der Kreisstadt. Am Montag wurde die Mutter eines weiteren Kindes wegen Totschlags zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Am Abend des 5. November 2020 hatte die Frau ihren Sohn über das Geländer der Amtsbrücke in die Wümme geworfen. Der Junge wurde wenige Stunden später rund 1,4 Kilometer flussabwärts gefunden. Eine Notärztin konnte nur den Tod des ertrunkenen Jungen feststellen. Die 1. Große Strafkammer glaubte der Angeklagten, dass sie sich danach selbst töten wollte. Im Gleisbett des Rotenburger Bahnhofs hatte ein Lokführer die Frau gesehen und die Polizei informiert. Sie führte die Beamten zur Amtsbrücke.

„Es wäre wohl nicht passiert, wenn das Geschehen einige Jahre zuvor nicht gewesen wäre“, hieß es der mündlichen Urteilsbegründung. Im Jahr 2014 war die damals eineinhalbjährige Tochter vom Jugendamt aus der Familie herausgenommen worden. Wegen Verdachts auf Kindeswohlgefährdung. Der Vater hatte seine Frau beschuldigt, das Mädchen gewürgt zu haben, den Vorwurf aber später zurückgenommen. In am Montag verlesenen Akteninhalten heißt es, dass der Mann seine Frau damals geschlagen habe. So heftig, dass er hinterher selbst eine gebrochene Hand bei sich vermutet habe.

Die Mutter im Prozess vor dem Landgericht Verden.

Die Eltern durften keinen Kontakt zu dem Mädchen haben. Sie wussten nicht, wo es ist. „Wenn im Pflegeheim Bettgitter angebracht werden, muss sofort ein Richter erscheinen und das genehmigen, aber es ist nicht unüblich, dass erst 14 Tage später die Eltern angehört werden“, zeigte sich der Vorsitzende Richter Volker Stronczyk überrascht. Aber das sei der „übliche Verfahrensgang“. Die Anhörung war erst bei einem Termin im Rotenburger Amtsgericht erfolgt. Dort war die sofortiger Rückkehr des Mädchens angeordnet worden.

Der knapp sieben Jahre später getötete Bruder war am 2. November 2020 von den Eltern mit schweren Verbrühungen in die Rotenburger Kinderklinik gebracht worden. Diese hatte das Jugendamt informiert. Die Mutter sagte, der Junge habe sich und sein Bett eingenässt. Sie habe ihn abduschen wollen. Weil er sich wehrte, habe sie nicht gemerkt, dass das Duschwasser zu heiß war. Wenige Stunden vor dem Tod des Jungen hatte die Frau von der Information des Jugendamts erfahren und befürchtet, dass man ihr den Sohn wegnehmen würde. So wie einst die Tochter, was aus Sicht der Kammer damals eine „traumatisierende Wirkung“ hatte. Unbemerkt hatte die Frau mit dem Sohn am Abend die Klinik verlassen.

„Es wäre wohl nicht passiert, wenn das Geschehen einige Jahre zuvor nicht gewesen wäre“, wiederholte der Vorsitzende Richter. Die Frau habe den „nicht zu rechtfertigenden und fatalen Entschluss gefasst“, den Jungen zu töten und sich selbst. „Sie hat sich gesagt, ich kann nicht ohne mein Kind leben und mein Kind nicht ohne mich.“ Eigene Suizidversuche im direkten Anschluss an die Tat glaubten sie der Frau.

Tief greifende Bewusstseinsstörung

Einen minderschweren Fall, wie ihn Verteidigerin Daniela Post sah und darauf basierend drei Jahre Haft beantragt hatte, hat das Gericht nicht angenommen. Vielmehr folgten sie der Argumentation von Staatsanwältin Pia Geisler, die sechseinhalb Jahre beantragt hatte. Eine verminderte Schuldfähigkeit ließen die Richter wegen einer tief greifenden Bewusstseinsstörung zum Tatzeitpunkt bei der bislang nicht vorbestraften Angeklagten gelten.

Nicht aufzuklären war, ob, wie mit der Anklage vorgeworfen, auch die Angst vor einer Erziehung im christlichen Glauben bei der Tat eine Rolle für die bis zu ihrer Heirat in der Türkei lebende Angeklagte gespielt hat. Eine entsprechende Aussage in der Tatnacht stufte die Kammer als nicht verwertbar ein.

„Für eine Vernachlässigung und Gefühlskälte vor der Tat hat die Hauptverhandlung keine Anhaltspunkte gegeben. Es ist genau das Gegenteil“, merkte Stronczyk an. Und auch nicht für eine psychische Erkrankung.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Die Frau bleibt weiter in Haft.

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