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„Mut-Mach-Menschen“-Karte soll Krebspatienten Zuspruch spenden

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Von: Ulla Heyne

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Von links: Susanne Hamborg-Burfeind, Veronika Czech, Ute Lüdemann und Monika Warnken  mit Flyern
Susanne Hamborg-Burfeind (v.l), Veronika Czech, Ute Lüdemann und Monika Warnken sehen den Flyer als wichtiges Puzzleteil unter vielen für Krebspatienten an. © Heyne

Eine Krebsdiagnose trifft Erkrankte hart. Ein Flyer der Krebsfürsorge Bremervörde-Zeven, die Klappkarte „Mut-Mach-Menschen“, soll Zuspruch spenden - auch Patienten in Rotenburg.

Rotenburg/Zeven – Diagnose Krebs – hunderttausende von Menschen sehen sich jährlich mit dieser Hiobsbotschaft konfrontiert. Nicht immer wird die schlechte Nachricht schonend überbracht, aber selbst, wenn: „Niederschmetternd ist die Diagnose immer, viele fühlen sich alleingelassen, fallen in ein dunkles Loch“, weiß Susanne Hamborg-Burfeind, Beraterin des vor rund 30 Jahren gegründeten Vereins Krebsfürsorge Bremervörde-Zeven.

In seinen Büros, aber auch an zahlreichen anderen Stellen des gut vernetzen Vereins, in Hausarztpraxen, bei Physiotherapeuten und nicht zuletzt in der Onkologie des Diakonieklinikums Rotenburg liegt für Momente wie diesen jetzt eine freundliche bunte Klappkarte bereit – für die Betroffenen, ihre Angehörigen, aber auch für Ärzte, „um ihnen für diesen Moment etwas an die Hand zu geben“, erklärt Ute Lüdemann. Sie ist die Initiatorin der Karte mit „Mut-Mach-Menschen“.

„Du bist nicht allein – wir sind viele.“

Zitate der Klappkarte sollen Mut machen.

21 Gesichter sind dort abgebildet, unter jedem das Datum der Erstdiagnose, von 1985 bis 2018. Was die Krebspatienten verbindet: Sie leben noch, und sie gehen mit ihrer Erkrankung offen um, zeigen anderen: „Du bist nicht allein – wir sind viele.“ Diese Sätze stehen auch im Mittelpunkt der Klappkarte, die Lüdemann unter Mitwirkung von Tina Klitsch, Referentin Marketing und Kommunikation des Diakoniekrankenhauses, erstellte – ein „Herzensprojekt“, das das Diako finanziell unterstützte: „Es ist mutig von den Beteiligten, Gesicht zu zeigen, und hat Anerkennung verdient. Schön, wenn der Flyer dem einen oder anderen Betroffenen auf seinem Weg Mut macht“, so Klitsch.

Bereits mit ihrer „Hummelkarte“, die Krebspatienten Mut machen soll, hat die Hetzwegerin Lüdemann, bei der 2013 ein Tumor diagnostiziert wurde, Menschen in ähnlichen Situationen ein Stück ihres eigenen Lebensmutes mitgegeben. Wieso sie es dabei nicht belassen wollte, erklärt die 61-Jährige: „Immer wieder wurde mir gesagt: ,Ja du, du kannst das!‘“ Zugegeben, die lebensbejahende Haltung und ihr Gottvertrauen seien ihr gegeben. Dass sie damit beileibe nicht die Einzige ist, sondern eine von vielen, soll die Karte zeigen. Fast wie eine Einladungskarte sehe die aus, findet Veronika Czech von der Zentralen Informationsstelle Selbsthilfe „ZISS“, ebenfalls Kooperationspartner. Und als Einladung, das Leben anzunehmen und nicht nur das Dunkle zu sehen, möchte Lüdemann das Projekt auch verstanden wissen.

Im Kopf war der Hobbymalerin das Projekt schon länger herumgegangen; Freunde ermutigten sie, es zu realisieren. Im Endeffekt sollte die Umsetzung jedoch über ein Jahr dauern – nicht nur aus logistischen Gründen. Sondern, weil das Finden von Mitstreitern, die ihr Konterfei für diese Aktion öffentlich machen, sich als schwieriger herausstellte als gedacht. Einige der Angeschriebenen stießen sich an der Formulierung: „Wir haben es geschafft“. „Geschafft hat man es nie, ich kämpfe täglich“, war einer der Einwände – einen, den Lüdemann selbst gut nachvollziehen kann.

Ute Lüdemann
Ute Lüdemann verwirklicht ein Herzensprojekt. © -

Nicht nur die Sensibilität des Themas wurde in den Vorbehalten offenkundig, sondern auch die Tabus, die mit dem offenen Umgang mit Krebs immer noch behaftet sind. Das habe sich zwar in den vergangenen Jahrzehnten geändert, haben Monika Warnken und ihre Mitstreiterin Hamborg-Burfeind von der Krebsfürsorge festgestellt, in der sich vor allem Ärzte, Betroffene und Menschen mit Krebs im persönlichen Umfeld engagieren. Dennoch sei das Thema nach wie vor schambehaftet – bei Männern mehr als bei Frauen. „Die gehen offener damit um, holen sich Hilfe“, weiß Warnken. Sie vermutet als Ursache alte Rollenklischees: „Männer sprechen weniger über Gefühle.“ Sie finden sich eher in den zahlreichen angebotenen Sportgruppen zusammen. Das Stigma erklärt sich Hamborg-Burfeind damit, dass die Krankheit Krebs anders ist als viele andere: „Sie erfordert eine Nachsorge, außerdem fehlt noch viel an Wissen, beispielsweise zur Entstehung.“ Warnken ergänzt: „Früher kam die Diagnose einem Todesurteil gleich, heute ist die Forschung viel weiter.“ In vielen Fällen sei Krebs heilbar, in anderen sei zumindest eine Stagnation zu bewirken.

Aber ist der offene Umgang mit der Krankheit, wie ihn Lüdemann vorlebt, der richtige Weg für alle? „Offenheit nimmt den Druck“, so Czech. Dabei stellen alle Beteiligten klar, dass es nicht darum gehe, keine dunklen Gefühle zuzulassen: „Auch Trauer ist wichtig“, weiß Hamborg-Burfeind, „das Zulassen, die Akzeptanz des Ist-Zustandes – das kann ein Sprungbrett sein.“ Dabei seien Gespräche und Informationen das A und O: „Viele fragen: Wo finde ich andere?“, hat Czech festgestellt. Oft würden sich Selbsthilfegruppen Betroffener quasi „auf dem kleinen Dienstweg“ gründen; wer dabei Hilfe benötigt oder eine bestehende Gruppe sucht, findet auf dem Flyer Anlaufstellen. Für Lüdemann ist der Gegenentwurf zu so mancher Todesanzeige ein Puzzleteil unter vielen; eines, das die positiven Seiten betont: „Das kommt oft sonst zu kurz“. Auch Hamborg-Burfeind hält nichts vom Schwarz-Weiß-Denken: „So ist das Leben ja nicht, das ist so bunt wie die Karte!“

Obgleich die Karte erst seit wenigen Tagen verteilt wird, erreichte Lüdemann bereits die erste Resonanz: „Eine ermutigende Ausstrahlung, ohne die Schwere zu negieren“, hieß es in einer E-Mail. „Die Aufforderung, sich zu trauen zu leben, ist für jeden – ob betroffen oder nicht – ganz wertvoll.“

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