Musik gegen Fremdenhass

Ex-Sittenser gründet Bandkollektiv mit Geflüchteten

+
Michal Tomaszewski zog im Jahr 1999 von Sittensen nach Dresden. Dort gründete er später mit Freunden die „Banda Internationale“, ein Musikerkollektiv mit Geflüchteten.

Rotenburg - Von Joris Ujen. Im Alter von elf Jahren flüchtete Michal Tomaszewski mit seinen Eltern kurz vor der Wende aus Polen nach Westdeutschland. In Sittensen kamen sie bei Freunden unter und starteten einen Neuanfang. Eine Chance, die viele Geflüchtete wahrnehmen möchten, ihnen aber häufig mit Missgunst und Verachtung erschwert wird.

Seine Eltern leben heute in Rotenburg, Tomaszewski seit 18 Jahren in Dresden. Die sächsische Landeshauptstadt ist häufig ein Brennpunkt rechtsradikaler und -populistischer Bewegungen. Als der heute 39-Jährige und seine Freunde die großen Neonazi-Aufmärsche am Jahrestag des Bombenangriffs auf Dresden live miterlebten, wollten sie mit Musik gegen den Hass ankämpfen und spielten mit ihrer Brassband „Banda Comunale“ bei Gegendemonstrationen. Heute haben sie viele Flüchtlinge in ihrem Ensemble, nennen sich seitdem „Banda Internationale“ und konzertieren am Samstag auf dem Pferdemarkt in Rotenburg.

Nach seinem Abitur an der Eichenschule Scheeßel, zog es Tomaszewski nach Dresden, wo er zunächst seinen Zivildienst absolvierte und anschließend studierte. Durch die Musik fand er schnell Anschluss und gründete im Jahr 2001 mit seinen Freunden „Banda Comunale“. 

Angefangen auf Hochzeiten und Partys hatte die Band ihre Musik später als Sprachrohr gegen den Fremdenhass genutzt und spielte auch bei Protestveranstaltungen gegen die aus Dresden stammende Pegida-Bewegung. „Mehr als 20 Konzerte spielten wir gegen Pegida, unterstützten dadurch die Gegendemonstrationen und meldeten auch selbst welche an“, sagt der gebürtige Pole.

Umdenken durch Flüchtlingswelle

Als die Flüchtlingswelle im Jahr 2015 begonnen hatte, spielten er und seine Musikerkollegen zudem vor dem früheren Hotel Leonardo in Freital (Sachsen), das als Erstaufnahemeinrichtung für Asylbewerber vorgesehen war, was wiederum Rechtsextremisten versuchten, zu verhindern. „Ab diesem Moment haben wir beschlossen, auch Geflüchtete in unserer Band aufzunehmen“, erinnert sich Tomaszewski. 

Mit Erfolg: „Innerhalb von zwei Wochen waren wir doppelt so viele.“ Seitdem musizieren sie mit Gleichgesinnten aus Syrien, dem Iran und Irak, Palästina sowie Burkina Faso. „Ein Teil von ihnen sind Berufsmusiker“, so Michal Tomaszewski, der selbst Klarinette und elektrische Kalimba spielt. Unter ihnen ist auch der Cellist Akram Younus Ramadhan Al-Siraj, der bereits im irakischen nationalen Symphonieorchester spielte. Was eigentlich als halbjähriges Experiment angedacht war, hat sich bis heute bewährt.

Das Kollektiv hat bereits zahlreiche Preise gewonnen und mehr als 60 Konzerte gespielt. Ihr Ziel sei, erklärt Tomaszewski, eine Neuinterpretation von Heimatmusik und der Abbau von Vorurteilen gegenüber anderen Kulturen. Kulturelle Anerkennung gab es bereits von der Bundesregierung, die „Banda Internationale“ mit dem Sonderpreis für Projekte zur kulturellen Teilhabe geflüchteter Menschen im Mai 2016 ausgezeichnet hatte.

Wachsender Rechtsruck ist für ihn beängstigend

Die Brassband ist gefragt, „was auch an die Substanz geht“, so der Architekt und Musiker. Der muss schließlich neben seinem Beruf Konzerte und Proben wahrnehmen. Das sei aber nur ein geringes Übel. Was Michal Tomaszewski vielmehr beängstigt, „ist der wachsende Rechtsruck. Wir alle müssen gucken, wie wir miteinander klarkommen. Fremdenhass ist da fehl am Platz.“

Wer „Banda Internationale“ live miterleben möchte, hat am Samstag ab 18 Uhr auf dem Pferdemarkt in Rotenburg Gelegenheit dazu. Der Eintritt ist kostenlos, für die Unterstützung der Musiker werden aber Spendendosen aufgestellt. Organisiert wird das Konzert vom Diakonissen-Mutterhaus, Diakonischen Werk, der Kirchenregion Rotenburg, den Rotenburger Werken und der Stadt. Für die Verpflegung ist ein Catering eingeplant, das unter anderem syrische Spezialitäten anbieten wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Hommage an Farbe: Yves Saint Laurent-Museum in Marrakesch

Hommage an Farbe: Yves Saint Laurent-Museum in Marrakesch

Im Himmelbett am Wasserloch: Luxussafaris in der Savanne

Im Himmelbett am Wasserloch: Luxussafaris in der Savanne

Tag der offenen Tür im Kindergarten Haendorf

Tag der offenen Tür im Kindergarten Haendorf

Erntefest im Kindergarten Scholen

Erntefest im Kindergarten Scholen

Meistgelesene Artikel

Visselhöveder findet Riesenboviste

Visselhöveder findet Riesenboviste

Verkauf verzögert sich

Verkauf verzögert sich

Edeltraut Rath zeigt ihre Ausstellung „Elementarteilchen“

Edeltraut Rath zeigt ihre Ausstellung „Elementarteilchen“

Familie Kaiser landet auf Platz eins bei „Deutschlands schönstes Wohnprojekt“

Familie Kaiser landet auf Platz eins bei „Deutschlands schönstes Wohnprojekt“

Kommentare