Dr. Olaf Dittrich klärt auf

Ein Pieks gegen Grippe? „Von der Impfung wird niemand krank“

Es gibt keine Nebenwirkungen, sagt Dr. Olaf Dittrich und rät dazu, sich auf jeden Fall gegen die Grippe impfen zu lassen. Jetzt im November sei dafür der beste Zeitpunkt. Foto: dpa
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Es gibt keine Nebenwirkungen, sagt Dr. Olaf Dittrich und rät dazu, sich auf jeden Fall gegen die Grippe impfen zu lassen. Jetzt im November sei dafür der beste Zeitpunkt.

Rotenburg – Die Grippesaison hat begonnen. Alles halb so schlimm, die Impfung hilft am meisten den Herstellern der Mittel? Wie gefährlich die Erkrankung sein kann, zeigen die jüngsten Zahlen zur Influenza-Saison 2017/2018: Etwa 25.000 Menschen starben nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts allein in Deutschland durch Grippe. In Europa ist es die Infektionskrankheit mit den meisten Todesfällen.

Dr. Olaf Dittrich rät auch zu einem ernsthaften Umgang mit dem Thema. Der Hausarzt, Facharzt für Innere Medizin Lungen- und Bronchialheilkunde sowie Vorsitzende des Rotenburger Ärztevereins fordert im Interview eine viel höhere Impfquote in der Bevölkerung.

Was ist Grippe?

Eine akute, schwergradige Viruserkrankung, die mit schweren Erkältungssymptomen einher geht.

Was ist der Unterschied zur Erkältung?

Die ist nicht so gefährlich. Einfach gesagt, kann man an der Grippe sterben. Das ist der große Unterschied. Eine banale Erkältung erzeugt zwar auch Krankheitsgefühle, aber das Grippevirus ist dadurch ausgezeichnet, dass man von einem Tag auf den anderen schwerste Symptome bekommt mit bis zu 40 Grad Fieber. Man hat bei der Grippe nicht immer alle Erkältungssymptome, das lässt sich nicht vereinheitlichen. Der Grippekranke kann lange leiden, während eine Erkältung meist nach einer Woche durch ist.

Was ist dann an einer Grippe so gefährlich?

Die Gefahr besteht, dass auch andere Organe von den Viren befallen werden, oder man hört nicht auf die Warnzeichen. Das kann bis hin zu einem plötzlichen Herztod führen. Das ist so ein rasanter Verlauf, den vor allem abwehrgeschwächte Menschen erleben. Aber auch manche, bei denen man es nicht ahnt. Jeder kennt Menschen, die leider Pech gehabt haben.

Warum bekommt man die Grippe eigentlich meist im Winter?

Eine gute Frage. Das kann ich gar nicht genau sagen, aber es ist tatsächlich so. Meistens bedingt durch Wetteränderungen, feuchteres Klima, niedrige Temperaturen und mehr Übertragungswege tritt die Grippe zwischen Ende September und März auf. Wir frösteln, schwitzen wieder und sind dann grundsätzlich empfindlicher.

Wie bekämpfe ich eine Grippe?

Mit viel Flüssigkeit zum Beispiel in Form von Tee, Vitamine und natürlich Ruhe. Das ist die Hauptsache. Man muss sich krankschreiben lassen.

Wann muss ich zum Arzt gehen – außer ich brauche eine Krankschreibung?

Wenn das schwere Krankheitsgefühl kommt, sollte man den Arzt am Folgetag aufsuchen. Es ist zum Beispiel am Wochenende nicht so, dass man sofort in die Notaufnahme des Krankenhauses stürmen muss, die eh überfüllt ist. Man hat ein bis zwei Tage Zeit, dann geht es zum Hausarzt.

Aber wenn ich die Grippe habe, kann der Arzt dann überhaupt noch etwas machen?

Nein. Eigentlich nicht. Aber man sollte sich schon untersuchen lassen. Es gibt in der Medizin kein Schubladensystem, in das jede Grippe eingeordnet werden kann. Wenn jemand vorgeschädigt ist oder eine chronische Bronchitis hat und es kommen bakterielle Supereffekte hinzu, dann wird es gefährlich. Dann darf man sehr wohl in Einzelfällen auch mal Antibiotika aufschreiben. Es stimmt aber, früher wurde viel mehr verschrieben, wenn jemand eine „Erkältung“ hatte. Das ist falsch, weil durch Nebenwirkungen der Körper noch mehr belastet werden kann – und es wird nichts behoben.

Es gibt kein wirksames Grippe-Gegenmittel.

Die ganz schweren Fälle werden stationär mit Tamiflu behandelt. Ansonsten gilt: Auskurieren! Das ist natürlich sehr unterschiedlich bei den Menschen, wie platt man ist. Das kann auch vier Wochen dauern.

Was bringt eine Impfung?

Die Impfung baut Antikörper gegen zu erwartende Keime auf. Sie soll die meisten Virusstämme enthalten, die in der aktuellen Saison erwartet werden.

Schützt die in jedem Fall?

Im vergangenen Jahr gab es die Diskussion, warum der Grippe-Wirkstoff nicht so richtig wirkt. Der Influenza-Typ A/H3N2 war nicht immer so gut zu bekämpfen, anders als der Typ A/H1N1. Nur kann man es sich ja nicht aussuchen, welcher Typ gerade herumschwirrt. Jetzt bekommen alle die tetravalenten Impfstoffe, die Vierfachimpfung. Aber auch die könnte mal nicht helfen, weil sich die Viren leicht verändern während der Grippesaison.

Bin ich jetzt zu spät dran schon mit der Impfung?

Auf keinen Fall. Der Höhepunkt der Grippesaison ist meist zwischen Ende Dezember und Februar. In den vergangenen Jahren wurde eher zu früh geimpft. Wer sich im August schon impfen lässt, hat im Februar gar nicht mehr ausreichend Schutz. Der Impfstoff wirkt nur drei, vier Monate, vielleicht fünf.

Wer sollte sich impfen lassen?

Eigentlich müsste man alle impfen. Wir können eine Krankheit nur unterbinden, wenn alle geschützt wären. In den offiziellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission steht: Menschen über 60 Jahre, Schwangere, chronisch Erkrankte mit Grundleiden wie Diabetes, Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie medizinisches Personal und Pflegekräfte. Ich bin kein Impfmuffel, sondern ein Befürworter. Eigentlich müsste man viel mehr impfen. Ich sehe in unserer Praxis eine deutliche Zunahme von Impfungen, wir haben deutlich mehr Dosen bestellt wie im vergangenen Jahr.

Im vergangenen Jahr gab es zeitweilig Engpässe beim Impfstoff. Ist das wieder zu erwarten?

Eher nicht. Auch wir in der Praxis haben genug vorrätig.

Was kostet mich die Impfung?

Nichts. Sie wird von den Kassen übernommen. Und nicht nur für die Risikogruppen.

Kann ich einer Grippe eigentlich auch vorbeugen?

Das wäre gut. Man kann einem Menschen natürlich nicht ansehen, wie das Abwehrsystem funktioniert. Manche strengen sich an, ernähren sich vegetarisch, essen viel Obst und Gemüse und haben dann doch sieben oder acht Erkältungsinfekte pro Jahr. Andere scheren sich nicht um die Gesundheit und haben gar nichts. Das gibt es auch. Aber: Der Spruch „An apple a day keeps the doctor away“ ist nicht so falsch. Das gilt – wenn man in der heutigen Zeit keine Fructose-Allergie hat. Gesunde Ernährung ist wichtig. 

Ich empfehle meinen Patienten auch mal saure Säfte, zum Beispiel Aronia oder Fliederbeer – die stecken voll mit Vitaminen und Erkältungsabwehrstoffen. Tee trinken mit frischer Zitrone, Bewegung. Und wer es kann vom Kreislauf her Sauna oder Kneipp-Kuren. Aber bitte nicht zu dogmatisch sehen! Es geht um banale Sachen: Ich zum Beispiel dusche morgens am Ende immer kalt, um in Schwung zu kommen. 

Dann bin ich ein Verfechter für Vitamin D. Viele von uns arbeitenden Menschen sind Stubenhocker und sehen die Sonne kaum im Winter. Mit einer 1000er-Einheit am Tag kann man nichts falsch machen. Und Vitamin B Komplex mit Folsäure beispielsweise am Wochenende. Einen Apfel dazu, dann hat man eine gesunde Grundlage für eine gute Abwehr.

Hausmittel helfen also tatsächlich und sind nicht nur dazu da, die Kassen zu entlasten?

Nein, nein ... Die können natürlich helfen.

Gab es die Grippe schon immer?

Soweit ich weiß, ja. Früher konnte man sie nur nicht benennen. Da hat man vielleicht Erkältung gesagt.

Sind Sie geimpft?

Ich bin geimpft! Ich würde es auch jedem raten. Die Gerüchte möchte ich widerlegen, dass man dadurch erst krank wird. Natürlich gibt es dieses Pech, aber niemand wird von der Impfung krank. Es ist ein Totimpfstoff, da gibt es keine Nebenwirkungen außer sehr seltenen lokalen Impfreaktionen mit gelegentlichen Schwellungen/Schmerzen am Impf-Arm. Zudem gibt es mittlerweile Impfstoffe ohne Hühnereiweiß für Allergiker. Wenn man nicht gerade hohes Fieber hat, kann man sich immer impfen lassen.

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