„Es müssen reißerische Themen sein“

Irmtrud Hesse-Stegmann und Regina Meyer über die Zukunft des Landfrauenvereins

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Irmtrud Hesse-Stegmann (l.) und Regina Meyer bilden die Doppelspitze des Landfrauenvereins Rotenburg und Umgebung. 2020 ist ihre Amtszeit nach zwölf Jahren vorbei. Bis dahin möchten sie noch viel umsetzen – vor allem junge Frauen begeistern. 

Rotenburg - Von Joris Ujen. Seit 70 Jahren setzt sich der Landfrauenverein Rotenburg und Umgebung für Landwirtinnen ein. Doch nicht nur dieses Berufsfeld ist in dem Verbund vertreten. Mit 923 Mitgliedern sind die Landfrauen gut aufgestellt. Die Summe war aber eine Zeit lang sogar vierstellig.

Zwei von ihnen sind Irmtrud Hesse-Stegmann aus Süderwalsede und Regina Meyer aus Stemmen. Das Duo spannt die Doppelspitze im Vorstand des Kreisvereins seit 2009. Im Interview mit der Kreiszeitung blicken die beiden 60-Jährigen zurück auf das Erreichte, schauen aber vor allem in die Zukunft, um Frauen für ihren Verein begeistern zu können. 

Frau Meyer, Frau Hesse-Stegmann, was waren die Urgedanken von der Gründermutter der Landfrauen, Elisabeth Boehm, als sie den Verein im Jahr 1898 ins Leben gerufen hatte?

Regina Meyer: Sie sah damals als Gutsfrau die Notwendigkeit einer Aus- und Fortbildung für Frauen und die Anerkennung ihrer Arbeit. Ein wichtiges Anliegen von Frau Boehm war die Versorgung der Bevölkerung mit frischen Nahrungsmitteln und dass die Frauen eine eigene Geldeinnahme besitzen.

Sollten nur Bäuerinnen angesprochen werden?

Irmtrud Hesse-Stegmann: Nicht nur. Damals haben die Landwirte vor allem Frauen geheiratet, die eine land- und hauswirtschaftliche Ausbildung hatten. Jedoch fanden mit der Zeit auch immer mehr Frauen aus anderen Berufen ihren Weg in die Ehe mit einem Bauern.

Meyer: Die mit dieser Arbeit überfordert waren. Beispielsweise wenn sie für eine große Gruppe an Menschen kochen mussten. Hier machte eine hauswirtschaftliche Ausbildung Sinn und gewann an Bedeutung. Der Landfrauenverein nahm sich das Ziel, hierbei zu helfen.

Welche Berufe sind heute bei den Landfrauen vertreten?

Meyer: Alles! Viele studierte Frauen zählen heute zu unseren Mitgliedern. Wir haben beispielsweise eine Tierärztin und eine Kindergartenleiterin.

Man muss aber nicht zwingend einen Beruf haben, oder?

Hesse-Stegmann: Nein, das muss man nicht. Auch Hausfrauen können gerne zu uns kommen. Vorgaben gibt es nicht. Es sind alle Frauen vom Lande angesprochen, nicht nur die Bäuerinnen.

Mit 923 Mitgliedern haben sie einen großen Mitgliederstamm. Allerdings liegt der Altersdurchschnitt bei 65,9 Jahren. Wie wollen Sie jüngere Frauen für ihren Verein begeistern?

Hesse-Stegmann (lacht): Der demografische Wandel wirkt. Aber es ist richtig: Wir müssen uns verstärkt um jüngere Mitglieder bemühen.

Was unternehmen Sie konkret?

Hesse-Stegmann: Wir haben einen Arbeitskreis für und von jungen Frauen, wo die Teilnehmerinnen zum Beispiel Konzerten besuchen.

Meyer: Es ist noch gar nicht solange her, da fuhr eine Gruppe zu einem Auftritt von Komiker Mario Barth. Und vor Kurzem haben wir Eisstockschießen angeboten – eine Wintersportart, die auch nicht unbedingt für Ältere geeignet ist. Zudem haben wir schon eine Verbindung zu einer Kindergärtnerin aufgebaut. Vielleicht können wir über den Kontakt bald Vorträge und Seminare zur Kindererziehung anbieten. Mit der Hoffnung, dass jüngere Frauen sich von unserem Engagement angesprochen fühlen. Aber es ist schwierig, Frauen mit Kindern zu erreichen, die häufig schon sehr ausgelastet sind.

Und Frauen ohne oder mit erwachsenen Kindern sind dementsprechend leichter zu begeistern?

Meyer: Auch da geht es zurück mit dem Interesse. Wir merken das vor allem bei Versammlungen. Es müssen schon reißerische Themen sein, damit viele kommen. Oder ganz andere Formen von Veranstaltungen, die wir uns überlegen müssen.

Wie alt ist denn Ihr jüngstes Mitglied?

Meyer: Unsere jüngste Landfrau ist Mitte 20. Aber wir haben halt auch viele Damen, die schon über 90 sind. Die Spanne ist recht groß. Und das ist eben das Problem: Die Frauen zwischen 20 und 40 möchten nicht unbedingt Veranstaltungen mit Älteren besuchen, die Interessen sind da doch zu unterschiedlich.

Hesse-Stegmann: Das wollen und müssen wir abgrenzen. Bei unserem Verein ist es üblich, dass sich jedes Mitglied für jedes Angebot anmelden kann. Es geht ja auch darum, wie jung man sich fühlt. Wenn man gerne Eisstockschießen mit 50 machen möchte, dann kann man das. Das ist auch eine Stärke unseres Vereins.

Tauschen Sie sich bei der Ideenfindung auch mit anderen Kreis- und Ortsvereinen aus?

Hesse-Stegmann: Ja. Die Landfrauen sind sehr gut vernetzt. Wir kriegen viele Tipps und Vorschläge vom Niedersächsischen Landfrauenverband (NLV) Hannover.

Meyer: Vieles wird auch indirekt über die Zeitungen weitergereicht. Wenn Redner beim Publikum viel Zuspruch erfahren haben und spannende Themen liefern.

Gab es damals mehr Teilnehmer bei den Veranstaltungen der Landfrauen?

Hesse-Stegmann: Ganz früher waren sie ein gutes Alibi für die Frauen, um vom Familienbetrieb wegfahren zu dürfen. Das war wie ein Freibrief, erzählen uns immer wieder die älteren Landfrauen. Dementsprechend waren die Veranstaltungen auch immer gut besucht.

Meyer: Das war auch für ihre Ehemänner von Vorteil. Die Frauen kamen abends ausgeglichen zurück, hatten einen guten Tag, haben etwas für ihre Bildung getan und brachten neue Aspekte zu ihren Familien nach Hause.

Was waren das für Aspekte?

Meyer: Zum Beispiel, dass Arbeitswege in der Küche überdacht wurden. Damals gab es auch Beratungen von der Landwirtschaftskammer.

Hesse-Stegmann: Da kann ich aus eigener Erfahrung sprechen: Mein Mann und ich wollten auf unserem landwirtschaftlichen Betrieb eh gerade die Küche umbauen. Die Beraterin gab uns den Tipp, die Küchentür zu versetzen, wodurch wir vom Arbeitsablauf eine optimale Küche gestalten konnten. Neue Denkanstöße waren damals enorm wichtig. Auf einmal gab es Supermärkte und Frauen mussten lernen, Preise zu vergleichen und richtig einzukaufen. Dinge, die heute selbstverständlich sind.

Und welche Themen sind heute Teil ihrer Bildungsangebote?

Meyer: Als die vielen Geflüchteten nach Deutschland kamen, haben wir den Aufklärungsbedarf erkannt. Warum verschleiern sich Frauen aus dem Islam? Welche Gesetze und Gebote verfolgen sie und wie kann man sie in unsere Gesellschaft integrieren?

Hesse-Stegmann: Während der Finanzkrise klärte Geschäftsführer Jürgen Lange von der Sparkasse Scheeßel die Landfrauen über die Situation auf. Eine Beraterin gab in einer Schulung zudem Tipps zum Energiesparen. Auch das Thema „Herzinfarkte bei Frauen“ wurde sehr gut angenommen. Nur einige Beispiele zu aktuellen Themen, mit denen wir versuchen, die Frauen zu binden.

Kommt da die Landwirtschaft nicht zu kurz?

Meyer: Wir versuchen immer noch, unsere Wurzeln beizubehalten. Wir haben noch ganz viele Frauen aus der Landwirtschaft in unserem Vorstand. Das wird sich aber sicherlich wandeln, weil es immer weniger Landwirte gibt. Aber beispielsweise mit unserer alljährlichen Erntedankversammlung im Oktober wollen wir den landwirtschaftlichen Bezug aufrecht erhalten und auch den Verbraucher aufklären.

2013 hatten Sie kurzzeitig die 1 000er Marke bei den Mitgliederzahlen geknackt. Ein Jahr später gingen diese zurück. Woran lag das?

Meyer: Über die erreichte Summe waren wir sehr stolz. 2014 kam dann aber das IBAN-System. Unsere Landfrauen erhielten ein Dokument, wo sie diese und ihre E-Mail-Adresse eintragen mussten. Der Vorteil war, dass wir nun über einen Verteiler alle Mitglieder per Mail schnell erreichen konnten. Dadurch setzten wir eine Spendenaktion für die Geflüchteten in Visselhövede innerhalb kürzester Zeit um. Drei Lkw-Ladungen an Sachspenden kamen dabei zusammen.

Und der Nachteil?

Hesse-Stegmann: Durch die Verteilung der Formulare haben viele Frauen angefangen, ihre Mitgliedschaft zu überdenken. Das betraf vor allem ältere Frauen, denen kaum noch bewusst war, dass sie dem Verein angehören und Mitgliederbeiträge bezahlen – sogenannte Karteileichen. Das war bitter und hat uns rund 100 Mitglieder gekostet. Der Datenabgleich war aber notwendig und bot auch viele neue Möglichkeiten der Kommunikation.

Sie beide sind jetzt seit neun Jahren als Doppelspitze aktiv. Was war für Sie das schönste Erlebnis während ihrer Amtszeit?

Meyer und Hesse-Stegmann (synchron): Laila Noor!

Bitte klären Sie die Leser und mich auf.

Meyer: Über die Zeitung erfuhren wir von Frau Noor, einer Modedesignerin aus Bremen, die ursprünglich aus Afghanistan stammt. Wir veranstalteten mit ihr eine Modenschau im Landgut Stemmen im November 2010. Ein großer Aufwand, der sich aber gelohnt hat. 320 Landfrauen nahmen daran teil.

Hesse-Stegmann: Sie stellte ihre Kreationen mit fünf professionellen Models im Landgut vor. Während der Schau sammelten wir Spendengelder, die später für den Bau einer afghanischen Schule verwendet wurden. Normalerweise unterstützen wir regionale Projekte. Mit der Modenschau haben wir aber auch überregional Menschen helfen können.

Möchten Sie Ihre Arbeit als Doppelspitze fortführen?

Meyer: Nein. Die möchten wir jüngeren Generationen überlassen. Zudem steht in der Vereinssatzung, dass der Vorsitz auf zwölf Jahre beschränkt ist. 2020 ist also Schluss.

Hesse-Stegmann: Das ist auch gut so. Wir haben schon sehr viel Zeit für den Verein investiert, werden das bis zum Amtsende auch weiterhin tun. Die Arbeit macht sehr viel Spaß, ein bisschen mehr Freizeit wird uns beiden aber sicherlich guttun.

70 Jahre Landfrauen

Vier Landfrauenvereine mit mehr als 1 600 Mitgliedern gehören zum Kreisverband Rotenburg. Der feiert in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen am Donnerstag, 15. März, ab 19 Uhr im Landgut Stemmen. Ihr karikatives Engagement zeigen die Landfrauen auch bei der Geburtstagsfeier: Für die Stiftung „Mittendabei“ von den Rotenburger Werken rufen sie ihre Mitglieder auf, 15 mal 15 Zentimeter große Quadrate aus Acrylwolle für ein Tipi mitzubringen. Wer mehr über den Verein Landfrauen Rotenburg und Umgebung erfahren möchte, findet auf seiner Internetseite viele weitere Informationen. Frauen, die über einen Beitritt nachdenken, finden dort zudem ein Anmeldeformular.

www.landfrauen-rotenburg.de

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