Hashagen ist seit 2018 dabei

Muckis aus dem Keller: „Sworow“ streamt Live-Trainings im Lockdown

Michael Hashagen muss technisch improvisieren, um auch im Lockdown mit seinen Leuten zu trainieren.
+
Michael Hashagen muss technisch improvisieren, um auch im Lockdown mit seinen Leuten zu trainieren.

„Hallo, schön, dass du da bist!“ Michael Hashagen, mit Trainingshose, gestähltem Körper und einem breiten Grinsen, empfängt die Teilnehmer seines Workouts „Cali-Skills“ einzeln.

Scheeßel/Rotenburg – Dass sich vier Männer, zwei Frauen und einige Kinder in seinem Keller auf zehn Quadratmetern versammeln, um gemeinsam zu schwitzen und sich in Form zu ihre Muskeln zu stählen, ist ein Novum. Genauso wie die Tatsache, dass das Streetworkout-Team „Sworow“ – ursprünglich ein Sozialprojekt des Streetworkers Eduard Hermann und seit einigen Jahren dem SV Fortuna angegliedert – seit einer Woche online Trainingseinheiten anbietet.

„Na Peter, heute mal mit Kamera an?“

Genauso neu sind das Ringlicht und das Stativ, auf dem der Scheeßeler sein Handy befestigt hat. Davor: Der Laptop, der auf zwei ausgedienten Windelkartons thront, und dessen geteilter Monitor die sechs Bilder aller Teilnehmer zeigt. Eine Matte, eine freie Wand – mehr brauchen sie heute nicht, denn bei „Calisthenics“ geht es um das Training mit dem eigenen Körpergewicht. Erst seit 2018 ist Hashagen dabei, zunächst als Teilnehmer. Schnell folgte ein Athletik-Trainerschein, seitdem ist er auch als Übungsleiter dabei. Die Stangen, Hanteln, Gewichte und Haken in der Decke verraten indes, dass der 37-Jährige nicht gerade ein Neuling im Kraftsport ist. „Na Peter, heute mal mit Kamera an?“, frotzelt er. Lange Zeit für Repliken bleibt nicht, „wir haben heute viel auf dem Schirm“.

Hampelmänner, Liegeschütz, Ellenbogen, Schultern und Handgelenke aufwärmen – zum Warm-up werden die Mikros ausgeschaltet. Die sechs Einzelbilder gleichen sich: Überall eine Matte und Menschen in Bewegung; auf Peter Schäfers Bildschirm sogar fünf – der Sozialarbeiter lässt die Übertragung bei der Arbeit laufen, die Kids von der Wohngruppe machen begeistert mit. Bei Tanja wird der Bildschirm abrupt schwarz, das Handy wurde umgerissen – der Übeltäter, vier Pfoten, langer Schwanz, ist später noch öfter im Bild zu sehen. Auch Finger sind öfter in Nahaufnahme zu sehen, die die Position des Handys nachjustieren – für die meisten ist der virtuelle Workout Neuland.

Online-Training: Hashagen macht Liegestütz im Handstand vor

Hashagen erklärt die erste Übung: Handstand-Pushup. Klingt schweißtreibend, ist es auch: Hashagen macht vor, wie man im Handstand einen Liegestütz macht. „An der Wand?“, ertönt eine zaghafte Nachfrage. „Natürlich frei“, entgegnet der Trainer. In der folgenden Dreiviertelstunde wird er das Kunststück vollbringen, selbst alle Übungen mitzumachen, nebenbei den Bildschirm im Auge zu behalten, Haltungen zu korrigieren, zu motivieren und Countdowns herunterzuzählen – selbst auf dem Kopf stehend. Turnen liegt ihm im Blut, erzählt der in Kiel aufgewachsene Familienvater, „den Handstand hat mir mein Vater als Kind beigebracht“; seine Schulrekorde an Barren, Reck und Boden seien bis heute ungeschlagen. „Wall Walk“, „Frogstand“ oder „Pike Pushups“ – das Programm ist nichts für Zimperliche, schon gar nichts für Anfänger. Die „Cali-Skills“, immer sonntags und dienstags aus Hashagens Keller, richten sich an die Profis; an anderen Tagen können sich die Mitglieder in „Basics“ und „Cali-Basics“ einwählen, wo auch Einsteiger eine Chance haben, mitzukommen.

Vor der Kamera wird geturnt.

Online-Training: Freundschaftliche Frotzeleien gehören dazu

„Gut, dass es zu unterschiedlichen Zeiten ist, da ist für jeden was Passendes dabei“, findet Tanja. Für sie wie für alle hier ist das Training in den eigenen vier Wänden statt zusammen in der Halle oder am Weichelsee – eine zweite Trainingsanlage wird dort gerade errichtet – genau wie für Hashagen gewöhnungsbedürftig, „aber definitiv besser als nichts“. Ihre Mistreiterin Alex findet: „Wenigstens sieht man mal ein paar von den Leuten.“ Das eben macht den Unterschied zu den zahlreichen Youtube-Videos aus. Dass alle hier auch für sich trainieren würden, ist für Trainer Tobias Schulz, heute ebenfalls als Teilnehmer dabei, klar: „Wer hier mitmacht, ist intrinsisch motiviert – für sich trainieren wohl alle hier.“ Aber es gehe eben nicht nur darum „seinen Trainingsstand zu halten und seine persönlichen Ziele nicht aus den Augen verlieren“, wie Alex es formuliert, sondern auch um die Gemeinschaft.

Das ist dem Umgang untereinander anzumerken: Man kennt und mag sich. Kaum eine Übung, bei der nicht freundschaftlich gefrotzelt wird. Auf die Frage: „Gibt’s dazu auch eine leichtere Variante?“ meint Hashagen: „Das ist schon die Leichtere.“ Und Schäfer schiebt nach: „Oder du machst es so, dass du öfter zum Training kommst.“ Wer hier mitmacht, muss auch mal einstecken können, nicht nur physisch. Am Ende gibt’s dann aber doch den Verweis: „Mit den Knien auf dem Sofa geht’s leichter.“

Nach 45 Minuten keuchen nicht nur die Teilnehmer

Zwischendurch heißt es: Arme schütteln. Die Kids im Bildschirm unten rechts vollführen einen „Floss Dance“. „So geht’s auch“, sagt Hashagen schmunzelnd, „gleich kommt was zur Entspannung.“ Superman heißt die Übung zur Stärkung der Rückenmuskulatur, und wirkliche Entspannung will sich nach drei Mal 15 Wiederholungen wohl bei niemandem einstellen; auf einem der Bildschirme werden die Bauchmuskel-Quälerereien vom Stubentiger sabotiert. Nach 45 Minuten keuchen nicht nur die Teilnehmer im Bildschirm, sondern auch der Mann davor.

Zwischenzeitlich hat sich Eduard „Edu“ Hermann zugeschaltet, der Initiator der des Streetworkouts in Rotenburg, um nach einigen Minuten und einem hochgereckten Daumen, einem „Gut, Männer“ wieder von der Bildfläche zu verschwinden. Bald verabschieden sich auch Peters „kleine Männer“ vor dem Dehnen, dem „Mobility“-Teil auch ab. Als sie mit einem „Toll, dass ihr dabei wart“ des Übungsleiters verabschiedet werden, strahlen sie in die Kamera. Die Motivation, das gemeinsame sportliche Erleben, es funktioniert ein Stück weit auch online aus dem Keller.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

DFB-Frauen schlagen Griechenland - Bilanz bleibt perfekt

DFB-Frauen schlagen Griechenland - Bilanz bleibt perfekt

An diesen vier Zipfeln endet Deutschland

An diesen vier Zipfeln endet Deutschland

Die heilende Kraft der Aloe vera

Die heilende Kraft der Aloe vera

Stadt der Gegensätze - In Mumbai ist das kein Klischee

Stadt der Gegensätze - In Mumbai ist das kein Klischee

Meistgelesene Artikel

„Black Friday“-Sale ruft Protest hervor

„Black Friday“-Sale ruft Protest hervor

„Black Friday“-Sale ruft Protest hervor
Landkreis Rotenburg lässt Quarantäne sichern: Security rund um die Uhr im Einsatz

Landkreis Rotenburg lässt Quarantäne sichern: Security rund um die Uhr im Einsatz

Landkreis Rotenburg lässt Quarantäne sichern: Security rund um die Uhr im Einsatz

Kommentare