„Mitreißende Rednerin und Schreiberin“

Historikerin Dr. Adriane Feustel porträtiert Alice Salomon

+
Professorin Inge Hansen-Schaberg (r.), Vorsitzende der Stiftung Cohn-Scheune, begrüßt Dr. Adriane Feustel.

Rotenburg - Vor einem kleineren Besucherkreis hat am Dienstag die 75-jährige Berliner Historikerin Dr. Adriane Feustel die renommierte deutsche Sozialreformerin und Feministin Alice Salomon (1872-1948) porträtiert. Die in Berlin geborene Frau kämpfte viele Jahre in Deutschland und Europa für die Rechte der Frauen, sie wurde schließlich als Jüdin von den Nazis gezwungen, Deutschland zu verlassen und starb im Exil in New York.

Begrüßt wurde Adriane Feustel von Professorin Inge Hansen-Schaberg, der Vorsitzenden des Fördervereins Cohn-Scheune. Die beiden Wissenschaftlerinnen kennen sich von ihrer Hochschularbeit in der deutschen Hauptstadt. Der Titel des Vortrags über Alice Salomon: „Emanzipation, soziale Verantwortung und deren Destruktion durch den Nationalsozialismus.“

Feustel, die im Jahr 2000 das Alice-Salomon-Archiv der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin gründete und drei Jahre leitete, hat intensive Forschungen über das Werk und das Leben der Frauenrechtlerin betrieben und über sie zahlreiche Arbeiten veröffentlicht. Die Referentin zeichnete ein Bild des Werdegangs von Alice Salomon, die von weitgehender Rechtlosigkeit geprägte Situation der Frauen und des Kampfes für ihren Platz in der Gesellschaft und Arbeitswelt.

Die Referentin in ihrem Vortrag über Salomon: „Durch ihr Engagement in den Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit tat sich ihr und ihren Mitstreiterinnen eine gänzlich neue, eine unbekannte Welt auf. Die Welt der Armen, der Hilfsbedürftigen, ja mehr noch die Welt der Arbeit überhaupt, und es erschloss sich ihr die Erkenntnis, dass sie, die bürgerliche Tochter, ohne die Arbeit der arbeitenden Klassen nicht existieren konnte.“ Diese Erkenntnis habe sie zu der Überzeugung geführt, dass sie denjenigen etwas zurückgeben müsse, von deren Arbeit und Elend sie lebte. „Die Frauen um die Jahrhundertwende verstanden ihre soziale Hilfe und ihr Eintreten für soziale Reformen als einen Beitrag dazu, die Kluft zwischen den Klassen, die sich unversöhnlich und erbittert gegenüberstanden, zu überbrücken“, so die Referentin. Sie seien eben keine Revolutionärinnen gewesen, sondern Brückenbauerinnen mit der Perspektive auf eine gerechtere und friedlichere Gesellschaft. „Es ging um Erkenntnis, um Reformen und praktische Hilfe.“

Alice Salomon, so Adriane Feustel, sei es um einen Aufbruch zu einem neuen gesellschaftlichen Zusammenhalt als Kern ihres Konzeptes sozialer Arbeit gegangen. „Es ging um neue Formen des Zusammenlebens, als die herkömmlichen Kräfte der bestehenden Ordnung, Familie, Stände, Kirche, Staat und Militär ihre Autorität einbüßten und den Zusammenhalt nicht mehr aufrechterhalten konnten. Darum ging es Alice Salomon auch in ihren zahlreichen Funktionen und Positionen.“ Feustel beschrieb Alice Salomon als „mitreißende Rednerin und Schreiberin“, die ihre Leserinnen und Zuhörerinnen in ihren Bann zog, sie aufklärte und ihnen den Weg zu eigenem Engagement wies. „Sie war eine prinzipienfeste Pragmatikerin, die Probleme erkannte, analysierte und Lösungen fand.“

Dem Vortrag in der Cohn-Scheune vorausgegangen war ein Besuch der Elise-Averdieck-Schule. Dabei sprach die Berliner Wissenschaftlerin mit Schülerinnen und Schülern über das Thema „Was fange ich nach der Schule an? Helfen und soziale Arbeit als Lebensperspektive – Alice Salomons Weg in die soziale Arbeit“.

Der Rotenburger „Alice-Salomon-Tag“ am Dienstag klang aus mit einem Besuch im Rathaus. Dort wird eine Ausstellung mit historischen Reichstagswahl-Plakaten zum Thema „Um die Stimmen der Frauen“ gezeigt. bn

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Fotostrecke: Pizarro übt sich als Torhüter

Fotostrecke: Pizarro übt sich als Torhüter

Eisbär, Erdmännchen und Co. freuen sich über Weihnachtsgeschenke

Eisbär, Erdmännchen und Co. freuen sich über Weihnachtsgeschenke

Das sind die elf wertvollsten Werder-Profis 

Das sind die elf wertvollsten Werder-Profis 

Terror-Finanzierung? Ermittler durchsuchen Berliner Moschee

Terror-Finanzierung? Ermittler durchsuchen Berliner Moschee

Meistgelesene Artikel

Streit zwischen Hundebesitzern eskaliert

Streit zwischen Hundebesitzern eskaliert

Weihnachtskonzert der Eichenschule ist Abschied und Wiedersehen

Weihnachtskonzert der Eichenschule ist Abschied und Wiedersehen

TuS Bothel sagt Faschingsparty ab

TuS Bothel sagt Faschingsparty ab

Überpflügte Wege: Jetzt drohen Strafen

Überpflügte Wege: Jetzt drohen Strafen

Kommentare