Afghanin Fahteme Amiri sorgt sich auch um ihre Heimat

„Mir blutet das Herz“

Monika Schaarschmidt (rechts) betreut intensiv die aus Afghanistan stammende Fahteme Amiri.
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Monika Schaarschmidt betreut intensiv die aus Afghanistan stammende Fahteme Amiri. Seit Ende 2015 lebt sie mit ihrer Familie in Rotenburg.

Rotenburg – Mit Abschiebungen nach Afghanistan muss angesichts der aktuellen Entwicklungen wahrscheinlich nicht gerechnet werden. Das dürfte Fahteme Amiri freuen, schließlich bemüht sich die seit Ende 2015 in Rotenburg lebende Afghanin immer noch darum, dass ihr Asylantrag anerkannt wird. Doch die Freude darüber ist mehr als getrübt: Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan macht nämlich auch der 32-Jährigen sehr zu schaffen.

Zwar lebt Fahteme Amiri schon seit 2005 nicht mehr in ihrer Heimat, aber sie weiß, was diese Machtverschiebung dort bedeutet: „Das ist sehr schlecht vor allem für die Frauen“, sagt die vierfache Mutter, die vor ihrer Ankunft in Deutschland fast zehn Jahre im Iran gelebt hat. „Keine Schule, keine Ausbildung. Die Frauen haben unter den Taliban keinen Wert, keine Freiheit.“

Ihre eigene Lebensgeschichte ist gezeichnet von einer Gesellschaft, in der Frauen keine Möglichkeit haben, selbst über ihr Leben zu bestimmen. Sie hat in Afghanistan nie eine Schule besucht, bereits mit 15 musste sie heiraten. Ihr Mann ist 26 Jahre älter. An ihrem 17. Geburtstag kam ihr erstes Kind zur Welt – da war ihr Mann Dinmohamad mit ihr bereits in den Iran gegangen. „Mir tut das Herz weh, wenn ich mitbekomme, was in Afghanistan gerade passiert“, erklärt die junge Frau mit stockender Stimme.

Am Morgen nach dem Machtwechsel in Afghanistan sitzt Fahteme Amiri im Museum des Diakonissen-Mutterhauses, um über ihre erfolgreiche Integration in Rotenburg zu berichten. Mit am Tisch: Monika Schaarschmidt. Die 71-Jährige unterstützt bereits seit 2015 ehrenamtlich Geflüchtete, die in Rotenburg gelandet sind. Besonders bemüht sie sich schon seit mehreren Jahren um Fahteme Amiri und ihre Familie. „Sie ist meine deutsche Mutter“, strahlt Fahteme Amiri. „Sie macht mehr als meine Mutter für mich gemacht hat. Ohne sie hätte ich das alles nicht geschafft.“

Das alles ist wirklich eine ganze Menge: Drei Jahre lang hat die Afghanin mit ihrem Mann und den Kindern auf dem Campus Unterstedt verbracht. „Für die Kinder war es dort schön, aber das Leben dort ist anstrengend und unruhig“, erinnert sich die junge Frau. Seit 2019 leben sie in einer eigenen Wohnung. Der Afghanin ist es gelungen, an den Berufsbildenden Schulen (BBS) Rotenburg den Hauptschulabschluss nachzumachen und in der Berufseinstiegsklasse Hauswirtschaft und Pflege den ersten Schritt in der Hauswirtschaft-Ausbildung zu absolvieren. Seit August vergangenen Jahres befindet sie sich im zweijährigen praktischen Teil der Lehre – auf „Bamanns Hof“ in Unterstedt. Deutsch spricht die junge Frau mittlerweile nahezu perfekt. Das alles wurde ihr mit der Begleitung der Rotenburgerin möglich.

Das Ungewöhnliche an dieser Geschichte: Die junge Frau, die über viele Jahre in ihrer Freiheit stark eingeschränkt und damit in ihrem Leben auf eine klassische Frauenrolle im eigenen Haushalt reduziert war, hat hier in Deutschland für ihre Familie einen Rollenwechsel vollzogen, wie er – vor allem jetzt – in Afghanistan unvorstellbar wäre. „Mein Mann ist zu Hause und kümmert sich um die Kinder.“ Er hat selbst keine Ausbildung, war lange Zeit Landarbeiter, in Teheran eine Art Hausmeister. „Er hat gesundheitliche Probleme, deshalb kann er zurzeit nicht arbeiten.“

Zwei bis drei Mal in der Woche treffen sich Monika Schaarschmidt und Fahteme Amiri. „Vieles regelt sie schon selbst, aber es gibt immer wieder schwierige und kritische Situationen, in denen ich ihr helfe.“ Zuletzt hatte sich Monika Schaarschmidt im Bemühen ums Asyl um einen neuen Anwalt gekümmert. „Da fühlen wir uns jetzt sicher“, sagt sie.

Sicherheit – ein Gefühl, das Fahteme Amiri lange Zeit fremd war. In Afghanistan, im Iran und irgendwie auch hier in Deutschland. Sie spürt mittlerweile zwar ihre Freiheit als Frau, aber nach wie vor stelle die Ungewissheit eine große Belastung dar. Dennoch: „Erst hier in Deutschland habe ich Freiheit wahrgenommen, denn ich muss mich nicht mehr schämen als Frau und kann selbst entscheiden, was ich mache.“ Sie wisse, was es bedeutet, wenn Frauen keinen Wert in der Gesellschaft haben, sie von den Männern benutzt werden. Die Ungewissheit habe während der Zeit im Iran zwar etwas abgenommen, aber sie sei anstrengend.

Nach der Ankunft in Deutschland verspürte sie zwar Angst, aber eben auch ein Glück, „über das man sich freuen kann“. Jetzt möchte sie ihre Ausbildung erfolgreich abschließen, danach weiter arbeiten, damit ihre vier Kinder ebenfalls gut leben, vielleicht studieren und ebenfalls alles machen können, was sie möchten. Vielleicht hat die Ungewissheit irgendwann für sie ein Ende.

Das ehrenamtliche Engagement in der Kreisstadt – geprägt von der Ehrenamtskoordinatorin Martina Hoffstedt im Diakonissen-Mutterhaus – schätzt Fahteme Amiri sehr. „Das ist wirklich super.“ Denn als sie mit ihrer Familie Deutschland und damit schließlich Rotenburg erreichte, „war es kalt und sehr dunkel“. Bei der Ankunft auf dem Campus habe sie zunächst einfach nur geweint. „Es hat ein paar Tage gebraucht, bis ich zurechtkam.“ Monika Schaarschmidt und Martina Hoffstedt bewundern die junge Frau: „Sie hat eine tolle Entwicklung genommen, sie hat jetzt viel mehr Sicherheit und ein gutes Selbstbewusstsein.“

Für Monika Schaarschmidt – sie hat auf dem Campus sowie darüber hinaus mit ganz vielen Angeboten und tatkräftiger Unterstützung angepackt – sei das alles ein Gewinn: „Es bereichert mich“, sagt sie, „ich habe doch die Zeit dafür.“ Sie war früher als Lehrerin tätig. Ihr liege es vor allem am Herzen, dass die Geflüchteten hier eine Heimat finden.

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