57-Jähriger kommt mit sieben Monaten auf Bewährung davon

Milde Strafe für Drogenbesitz

Das Amtsgericht in Rotenburg.
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Das Amtsgericht in Rotenburg.

Rotenburg – Wenn es um Drogenbesitz in nicht geringen Mengen geht, sind im Normalfall Freiheitsstrafen von mindestens einem Jahr fällig. Dieser Fall ist aber alles andere als normal. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der Verteidiger plädieren nach gut einstündiger Verhandlung vor dem Schöffengericht am Rotenburger Amtsgericht für ein Urteil in einem minderschweren Fall – und das, obwohl die Menge deutlich über dem Maß liegt, bis zu dem sich noch ein Auge zudrücken ließe.

Mit einer Freiheitsstrafe von sieben Monaten, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt ist, kommt ein in der Samtgemeinde Sottrum lebender Mann am Dienstagmorgen davon. Die Staatsanwaltschaft hatte ihm Drogenbesitz in zwei Fällen zur Last gelegt. Bei einer Durchsuchung auf seinem Grundstück und in seinem Haus waren 129 Marihuana-Pflanzen im Garten sowie mehr als 400 Gramm geerntetes Pflanzenmaterial sichergestellt worden. Staatsanwalt Jan Klinkhausen forderte dafür eine Strafe von neun Monaten auf Bewährung, der Strafverteidiger Jan Peter Petersen bat um ein mildes Urteil.

Es ist der Hintergrund des Angeklagten, der diesen Fall in einem besonderen Licht erscheinen lässt: Der Mann hat im Alter von zehn Jahren seinen Vater verloren und lebte zusammen mit seiner älteren Schwester sowie seinem jüngeren Bruder bei der Mutter – und das unter schwierigsten Bedingungen, für die vor allem der Tod des Vaters gesorgt hatte. Seit dieser Zeit leidet der Mann unter psychischen Problemen und unter ADHS, später kommen massive Schlafstörungen dazu. Die Rede ist in der Verhandlung auch von Misshandlungen durch die Mutter. Es gab Schläge, Liebesentzug, und außerdem verbrachte der Angeklagte immer wieder längere Zeiten eingesperrt in einem kleinen Raum. Darüber hinaus sorgte ein Unfall mit zwei Todesopfern, an dem der Angeklagte Mitte der 1980er-Jahre beteiligt war, für zusätzliche Einschränkungen. Erst fünf Jahre später macht der Mann eine Therapie. Die einzige bisher. „Eine Therapie ist nicht die Lösung aller menschlichen Probleme“, sagt er.

Mit Haus und Garten überfordert

„Würde Ihnen heute eine Therapie helfen?“, will Richterin Dayana Stanciulea von ihm wissen. Der 57-Jährige: „Das verlangt sehr viel Kraft. Ich weiß nicht, ob es jetzt der richtige Zeitpunkt wäre.“ Inzwischen ist er auch mit seinem Haus und dem Garten komplett überfordert. Bei der Durchsuchung stoßen die Polizisten auf jede Menge Müll – drinnen und draußen.

Um seine Schlafstörungen besser in den Griff zu bekommen, bestellt sich der gelernte Mediengestalter zunächst CBD-Öl, um das Leiden zu lindern. Das allerdings wird auf Dauer teuer, und schließlich habe er aus der Kulturszene Marihuana-Samen bekommen. Er pflanzt sie ein – und es entwickelt sich daraus eine kleine Plantage im Freien. Zwei Drittel dieser Pflanzen, sagt er, beinhalteten vor allem CBD. Das andere Drittel war von THC geprägt. Verkauft oder weitergegeben hat er davon nichts. Der Staatsanwalt spricht daher von einem unprofessionellen Anbau.

Seitdem die Plantage des Mannes aufgeflogen ist, sei sein Mandant stark mitgenommen. Von da an habe er sich von Marihuana ferngehalten und wolle wieder in eine konventionelle Behandlung. Im Raum stehe eine Psychotherapie, aber die Wartezeiten seien lang. „24/7 denke ich an mein Fehlverhalten, der Verhandlung hätte es eigentlich nicht mehr bedurft.“ Er bietet einen Drogentest an.

Am Ende wirkt der Mann erleichtert

Nicht zuletzt auch die Reue des Mannes und sein Geständnis fallen bei der Urteilsfindung mit ins Gewicht, sagt die Richterin am Ende. Darüber hinaus ist er nicht vorbestraft – „ein unbeschriebenes Blatt also“, erklärt Stanciulea, die dem Angeklagten viele Fragen eben auch zu seiner persönlichen Lebenssituation stellt. Der Mann erzählt daher auch von seinem Engagement in einem von ihm mitgegründeten Tauschring, von seinem „kleinen, aber intensiven Freundeskreis“, von seiner Freude, sich mit Computern zu beschäftigen und in Anlehnung an seinen gelernten Beruf ein wenig künstlerisch daran zu arbeiten. Er lebt von Hartz IV. Sein Haus sei mittlerweile wieder in einem bewohnbaren Zustand.

Am Ende bleibt die Richterin mit dem Urteil unter dem geforderten Strafmaß des Staatsanwaltes, und sie verzichtet auch darauf, weitere Auflagen mit der Bewährungsstrafe zu verknüpfen. Es wird ihm allerdings ein Bewährungshelfer zur Seite gestellt. Auf regelmäßige Drogentests verzichtet die Richterin. Und auch eine Geldauflage käme nicht infrage. Der Mann wirkt erleichtert, als er das Gericht verlässt.

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