Ängste, Emotionen und versteckte Ressourcen im Sport

Mentaltrainer Hameister: „Ich agiere im Kopf anderer Menschen“

Wenn der Druck zunimmt, ist Nicolas Hameister (rechts, hier neben seinem Bruder Alexander) erst richtig in seinem Element – das war schon als Spieler so. Inzwischen ist er Mentaltrainer. - Foto: Freese
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Wenn der Druck zunimmt, ist Nicolas Hameister (rechts, hier neben seinem Bruder Alexander) erst richtig in seinem Element – das war schon als Spieler so. Inzwischen ist er Mentaltrainer.

Rotenburg - Von Matthias Freese. Talent allein genügt nicht. Der Kopf spielt eine wichtige Rolle. Im Leben allgemein, im Sport im Besonderen. Nicolas Hameister (31) kommt aus dem Sport, genauer gesagt aus dem Tennis, und ist mittlerweile als Mentaltrainer tätig. Im Interview gewährt er uns einen Einblick in seine Arbeit.

Herr Hameister. Werden Spiele und Wettkämpfe heutzutage immer mehr im Kopf entschieden?

Nicolas Hameister: Die Fähigkeiten der Spieler sind insgesamt gestiegen, sie sind besser ausgebildet als früher. Wir scannen das Verhalten der Gegner ab, daraus resultiert dann das Spielsystem. Wir müssen also mehr aufpassen als früher, weil auch der Gegner mehr kann. Es geht um Aktion und Reaktion und wie wir es selbst hinkriegen, mit uns umzugehen. All die Dinge finden im Kopf statt, deshalb ist es sinnvoll, wenn dieser gut versorgt ist. Trainer erwarten heute automatisierte Laufwege. Man muss die Bälle analysieren können, wissen, wo der Gegner steht. Da bringt es mir allein nichts, wenn ich eine gute Muskelkraft habe, ich muss auch pfiffig im Kopf sein.

Was machen Sie, was ein normaler Trainer nicht kann?

Hameister: Für mich ist mein Training aus der Praxis für die Praxis. Ich habe mir über meine Erfahrungen eine Theorie angeeignet, wie man Leute schneller besser machen kann. Ich lebe es selber – vom Spieler zum Trainer zum Mentaltrainer. Das ist aber keine Therapie! Ich bringe Menschen gerne zum Lachen und vermittele einen positiven Geist, weil die Leute im positiven Zustand besser lernen können. Ich gebe ja auch kein Sporttraining, sondern eine reine Schulung für den Kopf. Es geht rein darum, dass wir möglichst schnell gut im Kopf werden. Ich weiß, dass für viele Menschen der Sport das Allerheiligste ist, daher lautet mein Motto: Erfolg im Lebensspiel! Ich möchte, dass meine Klienten tolle Erfahrungen in ihrer Lieblingssportart machen.

Wie viel Prozent mehr kann denn ein Mentaltrainer herauskitzeln?

Hameister: Wenn es ein Grundsatzproblem ist, dann in kurzer Zeit sehr viel. Wenn ich zum Beispiel einen Tennisspieler habe, der emotional sehr schlecht ist, kann man in kurzer Zeit sehr viel erreichen. Wenn er also mit Angst, Druck und Stress nicht umgehen kann, dann bekommt man das in einigen Stunden hin. Aber ist da ein Profi, der vielleicht in ein, zwei Situationen positiv sein muss, dann dauert das vielleicht zwei, drei Wochen oder auch Monate. Im Prinzip sind es fünf, sechs Prozent, die den Unterschied in einem Spiel ausmachen. Das ist die versteckte Ressource. Ich bin da ein Zusatz zur Ausbildung. Ich setze eine Entwicklung in Gang, die dann intuitiv abgerufen werden kann.

Und wo setzen Sie genau an? Welche Methodik haben Sie?

Hameister: Ich stelle die Persönlichkeit des Menschen in den Vordergrund. Ist der Mensch in Ordnung, wird auch sein Sportlerleben in Ordnung sein. Daneben ist die Motivstruktur wichtig. Macht er es, weil er die Eltern glücklich machen will oder weil er Spaß hat? Dann machen wir eine Analyse des Ist- und Soll-Zustands. Da bringt uns die mentale Leistungsdiagnostik weiter. Wir machen in einer Art Fragebogen einen 360-Grad-Scan. Damit erfassen wir die Menschen individuell im Hirn. Es gibt kein Schubladendenken. Im Ergebnis erkennt man sehr stark, wofür er steht, wo die Potenziale für die Zukunft sind. Der Soll-Zustand wird dann anhand von Filmsequenzen, die ich zusammenstelle, gezeigt, um es visuell leicht verständlich zu machen. Die Methodik nennt sich NLP, neurolinguistisches Programmieren. Das bietet die Möglichkeiten, Verhaltensweisen schnell zu verändern. Es ist das Modellieren von Exzellenz.

Wie viel Psychologe steckt im Mentaltrainer?

Hameister: Die Psychologie ist immer präsent, sie ist Bestandteil des Lebens. Es ist meine Aufgabe, im Kopf anderer Menschen zu agieren, Verständnis mitzubringen, Geduld zu beweisen, Begeisterung zu wecken und Ängste zu lösen. Jeder gute Mentaltrainer beherrscht die Psychologie.

Und wie hoch ist die Erfolgsquote? Vor allem: Ab wann stellen sich Erfolge ein?

Hameister: Was ist Erfolg? Seine Ziele zu erreichen! Ich tue alles für meine Klienten. Als Tennistrainer habe ich gemerkt, dass meist nach wenigen Monaten der Erfolg zur Geltung kam, so als würde ich im Kopf eine neue Software anwenden. Bei mentalen Dingen geht das wesentlich schneller. Ich habe damals gemerkt, dass mir das offensichtlich liegt. Die individuelle Qualität ist natürlich auch entscheidend, ob einer gewinnt oder verliert. Die 100 Prozent aus dem Menschen rausholen, das ist ein Erfolg, aber den zweiten Federer kriegen wir nicht hin.

Woran ist zu erkennen, ob ein Sportler mental schwach oder auch stark ist?

Hameister: Die mental schwachen Spieler haben Leistungskurven und zeigen starke Emotionen, wenn es eng wird. Das ist nie ein Zeichen von emotionaler Intelligenz. Das merkt auch sofort der Gegner. Und dann ist es wie beim Boxer, dessen linkes Auge zuschwillt. Dann haut der Gegner da erst recht drauf. Mental starke Leute sind gleichbleibend, haben keine Formkurven, steigern sich von Woche zu Woche und sind extrem fokussiert. Ich persönlich liebe solche Situationen wie im Tie-Break. Das ist die Wahrheit im Match.

Welche Rolle spielen Versagensängste, und wie lösen Sie solche Blockaden?

Hameister: Ängste sind generell der Erfolgshemmer Nummer eins. Blockaden sind immer zurückzuführen auf Angst, Stress oder Druck. Wir lösen diese Blockaden anhand von Filmsequenzen. Wie denken Profis, wie stelle ich mir positiv ein Match vor, einen Ballwechsel? Dieses innere Spiel mit sich selbst zu gewinnen und nicht nur abhängig vom Ergebnis zu sein, ist wichtig. Da bringt uns eine negative Art und Weise nicht weiter.

Ab welchem Leistungsniveau und auch Alter ist ein Mentaltrainer sinnvoll?

Hameister: Auch kleine Kinder können damit schon anfangen. Wenn ich als Kind Groll in mir trage, ist es für den Leistungsprozess kontraproduktiv. Die Kleinen reden wesentlich ehrlicher, von Erwachsenen die Wahrheit zu bekommen, ist schwerer. Man sollte dem Kind aber nicht das Gefühl geben, es fehlt etwas und muss jetzt zum Mentaltrainer.

Ist es einfacher, Einzelsportler oder Mannschaftssportler zu coachen?

Hameister: Bei Einzelsportlern arbeite ich eins zu eins und kann viel bewirken. Beim Mannschaftssport holt man sich die einzelnen Spieler heraus, behandelt sie dann einzelnd und auch in der Gruppe. Habe ich also einen Golfspieler, habe ich 90 Minuten einen engen Draht zu ihm und kann mehr bewirken, als wenn ich 35 Spieler habe – da läuft es dann eher über sechs, sieben Monate, um auch etwas zu bewegen.

Verstecken sich Teamsportler auch leichter hinter ihren Mannschaftskollegen?

Hameister: Absolut. Diese Ego-Denke gibt es. Diese Leute muss man dann aus ihrer Wirklichkeit holen. Wenn du Leute hast, die anders denken, insgesamt das Ganze infrage stellen, hast du ein Problem. Das Problem hat der Trainer aber auch, und das gibt es auch im geschäftlichen Bereich.

Im Profifußball kam der Mentaltrainer lange gar nicht zum Einsatz und dann erst, wenn es schlecht ums Team stand, der Erfolg ausblieb. Inzwischen gehört er fast zum Standard ...

Hameister: Ja. Fast jeder Verein hat ihn, allerdings eher im Nachwuchsleistungszentrum. Oder sie buchen ihn für die Profis einzelnd. Viele Profis nehmen sich auch ihren eigenen Mentaltrainer. Die Dunkelziffer ist hoch, aber es gibt viele, die das machen. Die Hälfte der Spieler sitzt auf der Bank. Wenn es dann im seelischen Bereich knistert, greifen sie gern darauf zurück, aber sie machen es meist nicht öffentlich. Christopher Buchtmann vom FC St. Pauli hat zugegeben, dass er einen Mentaltrainer hat und ist zu einem der besten Spieler der Liga geworden.

Und wer bucht Sie?

Hameister: Nicht alle, die mich buchen, sind super erfolgsorientiert, aber meist sind sie ambitioniert oder wollen in den Profibereich. Ich habe auch mal jemanden dabei, der aus dem Hobbybereich kommt und seinen Sport gut ausführen möchte. Ich habe auch Business-Schlipsträger. Es geht für mich darum, mit jedem in seinem Bereich das Maximale herauszuholen. Und jeder geht bei mir mit einem Lächeln heraus.

Was kostet so etwas?

Hameister: Rund 75 Euro in der Stunde.

Nicolas Hameister hält am 10. Oktober um 19 Uhr im Hotel Landgut Stemmen einen Vortrag zum Thema Mentaltraining. Zielgruppe sind vor allem Tennisspieler. Der Preis pro Teilnehmer beträgt 32 Euro. Anmeldungen sind per Mail möglich unter: info@mental-meister.de

www.mental-meister.de

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