Tobias Kunze begeistert bei den Wortfassetten mit „Improvesie“ über Rotenburg

Wo Mensch und Stadt getrennte Wege gehen

Mit seinem frisch geschriebenen „Oh Rotenburg“-Text überraschte

Rotenburg - Sonntagabend im Rotenburger „Schmidt’s“: Zwei Handvoll Wortakrobaten und -poeten, der schwarz-weiße Hut im Design einer Schleswig-Hosteiner Kuh, der am Ende kreisen wird, die Übertragung der Vorträge auf eine Leinwand in den zweiten Raum der Kneipe und ein mit Wertungszahlen für die Wortgefachte ausgestattetes Publikum – eine ganz normale Ausgabe der „Wortfassetten“? Mitnichten. Die Luftballons, Kerzen, Muffins und eine Buchverlosung künden von dem vierten Geburtstag des „Poetry Slam“-Formats, über das Mitmoderator Paco Hoops nicht ohne Stolz sagt: „Wir sind jetzt groß“.

An den Besucherzahlen gemessen, stimmt das allemal: Seit der Premiere vor vier Jahren war die Rotenburger Kneipe nicht mehr so dicht gefüllt mit Fans des geflügelten, abgelesenen, frei vorgetragenen oder gar hinausgeschrienen Wortes. Einige Besucher mussten sogar wieder kehrtmachen. Mit dabei: Viele Wegbegleiter – einige sind sogar mit dem Rotenburger Poetry-Slam-Format groß geworden. Wie Eva Matz, die nachdenklich und mit intensiven Bildern, gewiefter Slammer-Rhetorik und Timing den „Kinderspielplatz der Mächtigen“ beschreibt, auf dem das dicke neue Kind Donald Eskalation betreibt.

Oder Tina Wolff, die über moderne Ernährung philosophiert („Brot ist die Apokalypse des Gedärms!“) und inzwischen ihren ersten Buchvertrag in der Tasche hat. Ebenfalls nicht fehlen durfte Lokalmatadorin Conni Fauck, die sich – noch unter dem Eindruck einer Kubareise wenige Stunden zuvor – den Einzug ins Finale sicherte.

Die Texte: Wieder die gesamte Palette menschlicher Befindlichkeiten, mal heiter, mal traurig oder skurril. Auffällig gerade im zweiten Teilnehmerfeld die Dichte der eigenen Erlebnisse: Sven schilderte die eigene WG-Suche und das Zehnjährige mit der Mitbewohnerin, die sich als 89-jährige Dame entpuppte, Michael sicherte sich mit seinen Festivalerfahrungen zwischen Gaffatape-Melonen und Bierdosenkrone „Flunkiball“-Rufe des Publikums.

Unbestrittener Star des Abends: der Hannoveraner Tobias Kunze. Seit 2009 kann er vom Slammen und Schreiben leben, erfindet eigene Formate. Seine Visitenkarte anlässlich des Slam-Geburtstags: Eine druckfrische, innerhalb von nur zwei Stunden verfasste Ode auf Rotenburg. „Nach 90 Minuten Rundgang 20 Jahre Geschichte und Befindlichkeiten der Stadt so verdichtet auf den Punkt zu bringen – Wahnsinn!“, sprach Mitorganisator Dennis Schmidt vielen aus der Seele. Kunze, der als Sieger des Abends hervorging, freute sich: „Das ist schon meine zweite Textpremiere heute.“

Noch am Morgen hatte er für die Evangelische Landeskirche einen Auftragstext über Engel im Gottesdienst vorgetragen. Wie er beim Philosophieren über die Überholgefechte von Bauern und Rentnern, über Gegend und Gesindel“ (statt „Land und Leute“) und der Bilanz „Hier gehen Mensch und Stadt getrennte Wege“ zu der genialen Dichte, wortgewaltigen Reimen voller Lokalcholorit kommt? Ad hoc erfindet der Hannoveraner im Pausengespräch mal eben die Kategorien „Improvesie“ und „Dorfpoesie“ und zeigt: Poetry Slam ist nicht tot – der Spaß fängt gerade erst an. - hey

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