Meistens liegt sie nur im Tresor

Bürgermeisterkette geht an Oestmann

Die Rotenburger Bürgermeisterkette gibt es seit 1936.
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Die Rotenburger Bürgermeisterkette gibt es seit 1936.

Rotenburg – Wenn der neue Rotenburger Bürgermeister Torsten Oestmann (parteilos) am Donnerstagabend bei der konstituierenden Ratssitzung seinen Amtseid ablegt, wird ihm nicht nur die Ernennungsurkunde, sondern auch die Bürgermeisterkette überreicht. Das hat Tradition. Die Urkunde darf er mit nach Hause nehmen, die Kette nicht. Die kommt in den Tresor – das hat man im Rathaus schon immer so gemacht. Und wie die Geschichte zeigt, ist das auch besser so.

Diese Kette ist eher selten zu sehen. „Der Bürgermeister trägt sie eigentlich nur zu besonderen Anlässen, etwa bei der Ernennung von Ehrenbürgern“, sagt die Erste Stadträtin Bernadette Nadermann. Und eben auch beim Amtsantritt sowie beim Abschied aus dem Amt. Zuletzt hat sie Oestmanns Vorgänger Andreas Weber (SPD) offiziell abgelegt und wieder in der roten Schatulle verstaut. 116 Jahre sei sie alt, sagte Weber in der letzten Ratssitzung Ende Oktober. „Das war falsch“, betont Nadermann.

Sie und Torsten Oestmann halten für das Gespräch mit der Kreiszeitung eine Akte bereit, die 1935 angelegt worden ist. „In der auf Grund der Deutschen Gemeindeordnung hier erlassenen Hauptsatzung ist bestimmt, dass der Bürgermeister und die zwei Beigeordneten (Stadträte) als Amtstracht bei feierlichen Angelegenheiten eine silberne Amtskette mit Hakenkreuz und Stadtwappen tragen sollen“, schrieb Bürgermeister Hans Wieck. Er frage daher „ergebenst an“, ob dort in Berlin Spezial-Firmen bekannt sind, die sich mit Entwürfen solcher Amtsketten befassen beziehungsweise diese selbst herstellen. „Gegebenenfalls bitte ich ergebenst um Namhaftmachung der Firmen, damit ich mich an sie wenden kann.“

Es ist eines der ersten Schriftstücke in der Mappe mit der „Akte Amtskettenbeschaffung für Bürgermeister und Stadträte“. Es sollten noch mehrere Schreiben hinzukommen, die einen Vorgang dokumentieren, von dem selbst im Rathaus heute nur noch wenige Mitarbeiter Kenntnis haben.

„Die Berliner Medaillenmünze ist damals genannt worden“, berichtet Oestmann. Das Ganze musste aber über einen örtlichen Uhrmacher laufen. „In diesem Fall war das die Firma Thoden.“ Am 31. Januar 1936 lagen die drei Ketten vor – alle in Silber, die für den Bürgermeister zusätzlich vergoldet. 996,25 Reichsmark hat die Stadt die Anschaffung dieser Schmuckstücke gekostet. Hans Wieck als Bürgermeister und die beiden Stadträte Schlichting sowie Bölken erhielten ihre Amtsketten. Heute ist davon nur noch eine da – und zwar die des Stadtrates Bölken. Schlichtings Frau erhielt zehn Jahre nach der Ausgabe einen Brief aus dem Rathaus. Der Inhalt fiel kurz und knapp aus: „Ich bitte um gelegentliche Rückgabe der Amtskette des Stadtrats.“

Doch daraus wurde nichts. „Die Kette ist verschwunden und bis heute nicht wieder aufgetaucht“, erklärt Bernadette Nadermann. Und das gelte auch für die eigentliche Bürgermeisterkette. „Keiner weiß, wo die geblieben ist“, fügt Oestmann ein wenig schmunzelnd hinzu. Ganz sicher, dass diese letzte Kette jene ist, die Bölken seinerzeit bekommen hatte, könne man sich zwar nicht sein. „Wir gehen aber davon aus.“

Die Hakenkreuze sind an der noch verbliebenen Kette nicht mehr zu finden, dafür aber eine große Plakette, auf deren Rückseite seit der Amtszeit von Hans Wieck alle Bürgermeister namentlich aufgeführt sind. Anfang dieser Woche ist die Gravur für Torsten Oestmann hinzugekommen. Der neue Bürgermeister unterstreicht: „Amtsketten gibt es schon länger, sie sind keine Erfindung der Nazis.“ Er gehe davon aus, dass die entsprechenden Verordnungen auf die Pflicht abzielten, sie mit Hakenkreuzen auszustatten. Oestmann: „Man hat diese Ketten also missbraucht.“

Das Stadtwappen.

In einem Schreiben vom 19. Februar 1936 bestätigte Hans Wieck den Erhalt der drei in Auftrag gegebenen Ketten. „Die Lieferung erfolgte nach vorheriger Bemusterung und Preisvereinbarung prompt in künstlerisch-geschmackvoller, bester und tadelloser Ausführung, und zusätzlich in echtem Silber (...) und in Silber vergoldet.“ Das „Heil Hitler!“ am Ende ist durchgestrichen. An diesem Blatt der alten Akte klebt ein inzwischen handschriftlicher Hinweis: „Offensichtlich von Hans Wieck gestrichen.“ Bürgermeister war er von 1905 bis 1936. In der Kreisstadt ist auch heute noch eine Straße nach ihm benannt.

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