Peter Schäfer über Street Workout abseits des Fitnessstudios

„Meine Art zu entspannen“

Es gibt Wochen, in denen Peter Schäfer täglich trainiert. Seit mehreren Jahren betreibt er Street Workout. - Foto: Menker

Rotenburg - Von Guido Menker. Bereits seit 2004 gibt es in Rotenburg das vom Straßensozialarbeiter Eduard Hermann initiierte offene Sportprojekt Street Workout. Was einst mit wöchentlichen Fußballabenden begann, entwickelte sich im Laufe der Zeit immer weiter. 2006 konnte das erste Training im Fitness-Raum an der Freudenthalstraße starten, und vor drei Jahren bildete sich aus diesem Kreis heraus eine Gruppe, die seitdem regelmäßig diesen Sport betreibt. Peter Schäfer ist fast von Beginn an dabei. Wir haben uns mit ihm über das Training unter freiem Himmel unterhalten.

Herr Schäfer, gehören Sie eigentlich inzwischen schon zu denen, die vor Kraft kaum noch laufen können?

Peter Schäfer: Ich glaube nicht, da ich mir das Training sonst ja sparen könnte und es immer irgendwelche neuen Ziele und Herausforderungen gibt und geben wird. Zumal Kraft in meinem Sport auch gleich Körperbeherrschung heißt.

Wie oft trainieren Sie pro Woche?

Schäfer: Das ist unterschiedlich und hängt von meinen Schichten ab. Aber drei Mal in der Woche sind schon ein Muss. Das heißt aber auch in den Wochen, in denen alles passt, kann es zu vier bis fünf Trainingstagen und ein bis zwei Tagen für kurze Laufstrecken von fünf bis sieben Kilometern kommen. Somit wären wir bei sechs bis sieben Tagen Training in der Woche.

Warum machen Sie Street Workout? Wie sind Sie dazu gekommen?

Schäfer: Weil ich dadurch unabhängiger und flexibler bin, und weil es funktionales Training ist. Dazu gekommen bin ich – so wie die meisten – über das Internet beziehungsweise Youtube. Die Idee entstand, als mein Trainingspartner und guter Freund Ivan Suslov zusammen mit mir auf der Suche nach einer neuen Trainingsart war. Und zwar unter der Rubrik Eigenkörpergewichtstraining. Und so stießen wir auf Videos im Netz, in dem ein Amerikaner aus New York total abgefahrene Übungen mit einer soliden Körperbeherrschung und absoluter Perfektion präsentierte und somit eine weltweite, fast vergessene Art zu trainieren, in Bewegung setzte. Der Start war selbst für uns, die schon Jahre lang im Training standen, eine Herausforderung und brachte uns an unsere Grenzen – manchmal auch darüber hinaus.

Sie sind ja nicht allein. Wie groß ist inzwischen die Trainingsgruppe?

Schäfer: Mittlerweile zählen wir knapp 30 Jugendliche, die regelmäßig zum Training erscheinen, und zehn bis 15, die sporadisch vorbei kommen. Heißt, an Spitzen-Tagen haben wir bis zu 40 junge Männer und Frauen beim Training.

Warum gehen Sie nicht einfach in ein Fitness-Studio?

Schäfer: Um unabhängig und flexibel zu bleiben. Also an keine vorgeschriebenen Trainingszeiten, Gebäude, Räume oder Verträge gebunden zu sein.

Was unterscheidet Ihr Training vom Studio?

Schäfer: Auf jeden Fall die Location und die Einstellung, die hinter Street Workout / Calisthenics steht. Also keine Drogen, kein Doping und Alkohol. Aber auch die Vielfalt und Kreativität der Übungen und Figuren sind anders.

Zuletzt ist es etwas ruhiger um die Gruppe geworden. Auflösungserscheinungen?

Schäfer: Ruhiger ist es geworden, weil wir unsere Aufmerksamkeit jetzt mehr denn je auf die eher jüngeren Leute gelegt haben, um unseren Kreis zu erweitern. Das bedeutet mehr Präsenz an Schulen und Jugendtreffpunkten und weniger auf Bühnen vor einem eher älteren Publikum. So haben wir zum Beispiel die Rotenburger Cross Challenge am Weichelsee auf die Beine gestellt oder sind zur X-Letix Challenge – eine 14 bis 22 Kilometer lange Strecke mit 30 Hindernissen – gefahren. Weil uns das Motto gefällt: „Ein Team, ein Ziel!“ Was auch funktioniert hat, weil der Altersdurchschnitt von 23 bis 30 Jahre auf 14 bis 30 gesunken ist. Und der ein oder andere Neunjährige ist auch schon am Start. Ich wage mal zu behaupten, dass Auflösungserscheinungen bei einer Teilnehmerzahl von bis zu 40 Jugendlichen, Erwachsenen und Kindern somit definitiv kein Thema ist. Dieses Jahr, am 10. September, findet hier in Rotenburg übrigens wieder der World Pull-Up Day / Weltklimmzugtag statt, zu dem alle eingeladen sind. Jeder Klimmzug bringt eine Spende an den Freibettfonds am Diakonieklinikum Rotenburg.

Aber was bringt es Ihnen persönlich, so intensiv und gezielt zu trainieren?

Schäfer: Es ist meine Art und Weise zu entspannen und zu mir und meinem Körper zu finden. Ich denke, dass ich so auch meiner Vorbildfunktion treu bleibe.

Wie hat das Training Ihren Alltag verändert?

Schäfer: Naja, ich würde sagen, es gibt keine Hindernisse, sondern nur neue spannende Herausforderungen. Das heißt, es gibt keine Ausreden, warum man etwas nicht schafft, sondern nur Wege, um an sein Ziel zu gelangen. Somit begegne ich vielen Situationen wesentlich entspannter.

Ernähren Sie sich anders, seitdem Sie regelmäßig trainieren?

Schäfer: Ich denke diese Frage wird Ihnen jeder Sportler mit Ja beantworten, weil Training und Ernährung Hand in Hand laufen.

Ein gut trainierter Körper verleiht Selbstvertrauen. Begegnen Ihnen die Menschen mitunter anders?

Schäfer: Ja und Nein. Ja im Sinne, dass man ein selbstbewussteres und sichereres Auftreten hat und somit auch eine positive Ausstrahlung. Nein, weil viele nur das Endprodukt und nicht den Weg und die Disziplin dahinter sehen, aber auch viele Vorurteile wie Doping beziehungsweise die Einstellung haben: 1 000 Volt im Arm, dafür null in der Birne.

Es sind ja auch Frauen dabei. Ist das nicht viel zu schwer für sie?

Schäfer: Nein! Es gibt an der Stelle keinen Unterschied, weil es für alle gleich schwer ist. Denn es sind viele Elemente im Training vorhanden, die auch dem Mann schwer fallen, weil es eben keine alltagsüblichen Bewegungen sind.

Wie oft lassen Sie denn außerhalb vom Training die Muskeln spielen?

Schäfer: Gar nicht! Denn ich bin auch Trainer im offenen Fitnessprojekt, und unser Motto ist „Fit und gut drauf – Kraft ohne Gewalt“. Somit habe ich eine Vorbildfunktion, und wenn ich außerhalb die Muskeln spielen lassen würde, würde ich gegen meine eigenen Prinzipien verstoßen.

Welche Voraussetzungen braucht es, um mit dem Street Workout anzufangen?

Schäfer: Motivation und Mut, neue Herausforderungen anzunehmen. Den Rest schaffen wir zusammen.

Man sieht Sie häufig am Weichelsee. Wo trainiert die Gruppe im Winter?

Schäfer: Bei schlechtem Wetter haben wir dank dem Verein Fortuna 83 die Möglichkeit, montags und donnerstags in der Adolf-Rinck-Halle zu trainieren – dann immer von 20 bis 22 Uhr.

Haben Sie ein paar Tipps für alle parat, die es auch einmal selbst ausprobieren möchten?

Schäfer: Ja, ganz einfach vorbei schauen, um vielleicht die ein oder andere Idee mit nach Hause zu nehmen. Jeder hat mal klein angefangen.

Gibt es eigentlich auch Meisterschaften?

Schäfer: Es gibt mehrere Events, wie die Bar Warz, Bar Worrior, King of the Bar und viele mehr, aber ich denke, die Deutsche Meisterschaft beziehungsweise die Weltmeisterschaft im Street Workout sind die bedeutendsten.

Wie läuft das bei einem Wettbewerb ab?

Schäfer: Es gibt mehrere Rubriken, wie zum Beispiel den Freestyle, bei dem es darauf ankommt, so viele Figuren und Elemente wie möglich am Reck und Barren zu vereinen und vielfältig mit musikalischer Begleitung zu präsentieren. Dabei kommt es auf die Vielfalt, Ausführung und Kreativität an. Desweiteren gibt es die Power Competitions mit den Bereichen Dips mit 48 Kilo Zusatzgewicht, Klimmzüge mit 36 Kilo Zusatzgewicht und den Muscle Up. Dabei zählen nur sauber ausgeführte Wiederholungen, und wer die meisten schafft, gewinnt. In diesem Bereich hat Ivan Susloc letztes Jahr Platz drei bei den Deutschen Meisterschaften im Street Workout Power Competitions geholt – mit stolzen 18 Wiederholungen in der Kategorie Dips bis 85 Kilo plus 48 Kilogramm Zusatzgewicht.

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