Rotenburg: Berichte über Jugendsozialarbeit von Corona geprägt

Mehr Verständnis, bitte!

Kilian wagt auch schon den ein oder anderen Sprung mit seinem Scooter.
+
Kilian ist ganz konzentriert auf der Bahn unterwegs.

Rotenburg – Es ist ein klarer Appell, den Straßensozialarbeiter Eduard Hermann und Rita Kryszon als Leiterin des Rotenburger Jugendzentrums am Ende ihrer beiden Berichte über ihre Arbeit sowie die Situation der Kinder und Jugendlichen unter dem Eindruck der Corona-Pandemie formulieren. „Wenn man von Jugendlichen erwartet, dass sie elementare Bedürfnisse über so einen langen Zeitraum zurückstellen, dann sollte man ihnen mit Verständnis, Nachsicht und Respekt vor den Opfern, die sie bringen, begegnen.“

Klare Worte im Jugendausschuss; die Mitglieder hören beeindruckt zu. Für die Jugendlichen, so Rita Kryszon, habe sich in den zurückliegenden Monaten die Einhaltung der Regeln schwierig gestaltet. Hinzu kämen die Notwendigkeit einer Planung ihrer Freizeit sowie die erhebliche Einschränkung des eigenen Bewegungsfreiraums – Dinge, die ihren Bedürfnissen deutlich widersprechen. Jugendliche seien eher spontan. Eduard Hermann drückt es so aus: „Jugendliche haben keinen Terminkalender.“

Was Rita Kryszon außerdem berichtet: Ein Teil der Coronaregeln gerade zu Beginn der Pandemie sei widersinnig gewesen. „Im Haus müssen sie Abstand halten, draußen ist es egal.“ Zudem habe es immer wieder Diskussionen genau darüber gegeben – gepaart mit wenig Einsicht. Ihrer Ansicht nach sei es wegen des langen Lockdowns notwendig, mit der Beziehungsarbeit wieder fast bei Null anzufangen. Kryszon: „Der Kontakt war fast völlig abgerissen.“ Die Jugendlichen hätten sich von der Erwachsenenwelt nur noch reglementiert gesehen. „Und dann kommen sie zu uns und bekommen ebenfalls erst einmal einen Regelkatalog vorgesetzt.“

Niedrigschwelligkeit, Kontakt auf Augenhöhe, die Jugendlichen mit ins Boot holen, sie in Entscheidungsprozesse einbeziehen und auf diesem Wege Vertrauen, Nähe und Bindung aufbauen – das seien eigentlich die Stärken des Jugendzentrums. Doch genau das „war extrem schwierig“ und musste mühsam wieder aufgebaut werden, berichtet die Leiterin des Jugendzentrums.

Ein Stück weit spiegelt das auch ein Gespräch mit Ilena, Joshua und Fabian wider. Die drei 15-Jährigen sind oft im Jugendzentrum. „Wir machen meistens Musik, vor der Pandemie häufiger“, sagt Joshua. „Im Moment geht da eben nicht viel. Scheiß Corona“, fügt Fabian hinzu.

Die beiden Jungen, aber auch Ilena fühlen sich eingeengt. „Dauerhaft zu Hause, dauerhaft genervt“, fasst Fabian die Situation zusammen. Der einzige Vorteil in den vergangenen Monaten: Sie hatten viel Zeit. Das Jugendzentrum war dicht, man traf sich draußen. Hinterm Lidl etwa. Ilena, Joshua und Fabian haben keine Angst vor Corona, viel mehr davor, vielleicht jemanden aus der Familie anzustecken. „Am Anfang war ich erschrocken, etwas beängstigt. So krass war das, so nah.“ Problem: die Distanz. „Das ist anstrengend“, sagt Joshua. „Man sitzt ganz alleine damit da.“

Die Skaterbahn am Bahnhof wird sehr gut angenommen. Auch Kilian freut sich über das neue Angebot und ist mehrmals in der Woche auf der Bahn.

Genau an diesen Punkt setzt Rita Kryszon auch in ihrem Bericht an: Für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sei es „extrem wichtig“, einen Freundeskreis zu haben und ein „Feedback aus der Peergroup“ zu erhalten. Nicht alle Kinder und Jugendlichen hätten den „Luxus einer harmonischen Familie“, eines eigenen Zimmers, eines Rückzugsraums, Internet sowie ausgeglichene, finanziell abgesicherte Eltern. „Es geht vielen richtig schlecht.“ Die Peergroup sei so wichtig, sie helfe bei der Persönlichkeitsentwicklung und dabei, eine eigene Meinung und Position zu festigen. Erwachsene hätten die Stabilität und Ressourcen entwickelt, um mit Problemen fertig zu werden. „Und nur weil es eine Pandemie gibt, können Jugendliche doch diese Bedürfnisse nicht einfach anderthalb Jahre auf Eis legen“, findet Kryszon.

Abgrenzung ist bedeutsam, auch mal der Versuch, gegen Regeln zu verstoßen. „Wir halten uns nicht immer an die Regeln“, sagt Joshua im Gespräch mit unserer Redaktion. Außer das mit der Maske – „die tragen wir immer“, ergänzt Fabian. Tests zum Beispiel schreckten nicht ab, „aber es ist nervig und unübersichtlich“. Stapelweise Papier, damit man irgendwo rein darf. „Ja, wir werden nicht gehört“, sagen Ilena, Fabian und Joshua. „Polizisten denken, sie wissen, was für uns das Beste ist – das wissen sie nicht“, erklärt Joshua. Jede Woche änderten sich die Regeln. Lehrer schickten online viel zu viel Stoff. Fabian sei enorm abgesackt in seinen Leistungen. „Ein richtiger Absturz.“ Zum Reden sei niemand zu Hause. In der Schule seien Corona und das, was es mit ihnen macht, kein Thema. Fabian: „Es geht nur um die Regeln.“ Inzwischen gehe es den drei 15-Jährigen nur noch darum, die Zeit zu genießen, Spaß zu haben und alles zu vergessen. Impfen lassen wollen sie sich nicht.

Treffpunkte für Jugendliche spielen in der Kreisstadt eine große Rolle. Nach Aussagen von Eduard Hermann seien oft solche Orte gefragt, an denen sich Treffen mit unverbindlichen Sportaktivitäten verbinden ließen. Die gibt es. Vor allem die neue Skateranlage am Bahnhof hebt er hervor: „Sie gilt als ein sehr gutes Beispiel dafür, wie man erfahrene Skater, die Stadtverwaltung und die Jugend bei der Planung erfolgreich kooperieren lässt.“ Wie wichtig gerade solche Treffpunkte sind, habe man in der Pandemie gesehen, so Hermann. Alle Plätze seien sehr gut besucht. „Wir brauchen mehr davon“, erklärt er und verbindet seinen Appell mit der Hoffnung, dass an den Treffpunkten schon bald wieder Normalität einkehrt. Das würde auch Fabian, Joshua und Ilena gut gefallen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Brandschutzprüfung: Polizei bricht in „Rigaer 94“ Türen auf

Brandschutzprüfung: Polizei bricht in „Rigaer 94“ Türen auf

Italien nach Sieg gegen die Schweiz im EM-Achtelfinale

Italien nach Sieg gegen die Schweiz im EM-Achtelfinale

Wales siegt dank Bale und Ramsey - Türkei vor Turnier-Aus

Wales siegt dank Bale und Ramsey - Türkei vor Turnier-Aus

Biden und Putin gehen beim Gipfel in Genf aufeinander zu

Biden und Putin gehen beim Gipfel in Genf aufeinander zu

Meistgelesene Artikel

Hurricane-Jubiläum abgesagt: „Es gibt keine Gewinner“

Hurricane-Jubiläum abgesagt: „Es gibt keine Gewinner“

Hurricane-Jubiläum abgesagt: „Es gibt keine Gewinner“
Rotenburger Wasserversorger mahnen: Kein Trinkwasser verschwenden

Rotenburger Wasserversorger mahnen: Kein Trinkwasser verschwenden

Rotenburger Wasserversorger mahnen: Kein Trinkwasser verschwenden
Der Kuhflüsterer - Landwirt Heiner Junck unterhält Facebook-Fans mit Videos

Der Kuhflüsterer - Landwirt Heiner Junck unterhält Facebook-Fans mit Videos

Der Kuhflüsterer - Landwirt Heiner Junck unterhält Facebook-Fans mit Videos

Kommentare