Rotenburgs Landschaftswart Radtke kritisiert Verwaltung / „Schlechter Scherz“

Mehr Rücksicht auf die Natur

Städtebauliche Missstände in einem Naturschutzgebiet? Das erschließt sich Manfred Radtke nicht.
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Städtebauliche Missstände in einem Naturschutzgebiet? Das erschließt sich Manfred Radtke nicht.

Rotenburg – „Es gibt zwei Punkte, die mich maßlos geärgert haben“, erklärte Landschaftswart Manfred Radtke gleich zu Beginn seines Sachstandsberichts in der jüngsten Umweltschutzausschusssitzung im Rotenburger Ratssaal. Dieser reichte über zwei Jahre, da der Bericht im Frühjahr ausfallen musste. Und es werde Klartext gesprochen, kündigte er an. Klartext, der jedoch zu weit führte – mehrfach versuchte Ausschussvorsitzende Elisabeth Dembowski (Grüne), Radtke in seinem Elan zu bremsen.

Denn er gab nicht nur seinen Bericht über Mängel ab, in denen er aktiv geworden war, sondern nutzte seine Aufgabe der „Beratung der Verwaltungseinheit in Angelegenheiten des Naturschutzes“, wie er auf seine Berufung zum Landschaftswart verweist. In einem Gespräch nach der Sitzung erklärt er: „Die Kommunikation klappt beim Thema mehr Natur in der Stadt sehr gut, aber weniger im Bereich Stadtplanung.“

Mit seiner Kritik hielt Radtke diesbezüglich in der Sitzung auch nicht hinterm Berg. Zum einen ging es um das Städtebauförderungsprogramm, in das die Stadt aufgenommen werden möchte und dafür ein Stadtentwicklungskonzept erstellt. Dass im innerstädtischen Bereich einiges verbessert und Grünflächen aufgewertet werden sollen, begrüße er. Hingegen erfüllten Wümme-, Rodau- und Wiedauniederung den höchsten europäischen Naturschutzstandard – „da einen städtebaulichen Missstand zu sehen, erschließt sich mir nicht. Ich kann kein FFH-Gebiet aufwerten“, so Radtke. Eine städtebauliche Fehlentwicklung feststellen zu wollen, halte er für „einen schlechten Scherz“. So hatte Rotenburg in einer Stellungnahme zur Naturschutzgebietsausweisung „Wümmeniederung“ kritisiert, dass diese innerstädtischen Entwicklungszielen widerspreche. Mit ihrer Forderung, die Ausweisung innerhalb städtebaulicher Untersuchungsräume zu unterlassen, hätte die Stadt den Landkreis aufgefordert, rechtswidrig zu handeln, so Radtkes Ansicht – es sind eben solche Punkte, bei denen er sich künftig im Vorfeld mehr Kommunikation und Einbeziehung wünsche.

Aber eben diese Missstände brauche es neben dem Guten ebenfalls, um in das Förderprogramm aufgenommen zu werden, ging Bürgermeister Andreas Weber (SPD) auf die Kritik ein. „Es gibt bestimmte Dinge, die man optimieren kann“, merkte er an. Und dazu gehöre neben anderen Faktoren auch das Grün. Auch, wenn es Naturschutzflächen sind, könne man dort Veränderungen vornehmen. „Vielleicht sogar mit positiven Impulsen“, so Weber. Und das könne städtebaulich gefördert werden.

Auch das alte Thema Westumgehung zwischen den Bundesstraßen 75 und 215 brachte Radtke erneut aufs Tapet, was er Anfang des Jahres bereits angesprochen hatte – wenngleich diese, wie Weber anmerkte, im aktuellen Verkehrsentwicklungskonzept nicht gefordert werde. Radtke hatte sich mit deren Auswirkungen auf die Innenstadt beschäftigt und Zahlen aus Gutachten zusammengetragen – das jüngste allerdings fast 20 Jahre alt. Diese würden dennoch verdeutlichen, dass die Verkehrsprobleme „ganz anderer Natur sind“, nicht in den Umgehungsstraßen liegen.

Radtke hatte ermittelt, dass der Durchgangsverkehr von 1980 bis 2001 kaum angestiegen sei, Ziel- und Quellverkehr hätten zugenommen – ein gutes Zeichen, seien es die, die in der Stadt einkaufen und arbeiten. Der Binnenverkehr „erschrecke jedoch“: Der habe sich mehr als verdoppelt. Das liegt auch am Wachstum der Stadt. Die Westumgehung wäre aber ein unnötiger Eingriff in die Natur, und sie wird gar nicht kommen, ist sich Radtke sicher. „Das macht keinen Sinn, weil die Verkehrszahlen zu gering wären. Aber vom Landkreis wurde erwartet, eine Trasse dafür freizuhalten.“ Ein Punkt, den die Stadt ebenfalls in der Stellungnahme angemerkt hatte. „14 Jahre lang war dazu Ruhe, warum kam das Thema im Rahmen der Stellungnahme jetzt wieder auf?“, fragt Radtke nach der Sitzung. „Das ist eine Luftnummer.“

Aktuell sind seine Zahlen nicht, für das Stadtentwicklungskonzept werden solche aber benötigt. „Man muss das regelmäßig aktualisieren“, so Weber – daher das neue Verkehrsentwicklungskonzept. „Immer mit dem Ziel, der Verkehrswende einen weiteren Schub zu erteilen und mehr Verkehrssicherheit zu schaffen“, vor allem für Radfahrer und Fußgänger. Die Ausschreibung sei raus, für ein Projekt, das Weber als „Meilenstein der Rotenburger Entwicklung“ bezeichnet – und für das er auf schnelle Ergebnisse hofft. Er kritisierte seinerseits, dass Radtke in seinen Ausführungen vom Landschaftsschutz abweicht. Auch Franziska Kettenburg (CDU) äußerte einen Wunsch für den nächsten Bericht: Auch mal die Beispiele aufzuzählen, bei denen sich etwas zum Positiven verändert hat.

Für ihn hätten diese beiden Punkte einfach „das Fass zum Überlaufen gebracht“, so Radtke später, weswegen er sie nicht unerwähnt lassen wollte. „Es ist nicht das erste Mal, dass Natur keine Rolle in der Stadtplanung spielt. Deswegen habe ich mir vorgenommen, dort, wo der Naturschutz betroffen ist, künftig deutlicher zu werden als bisher.“ Für ihn ist Öffentlichkeitsarbeit ein wesentlicher Faktor, dennoch möchte er nochmal das Gespräch mit Weber und Stadtplaner Clemens Bumann suchen. „Rotenburg hatte viele Jahre eine Vorbildfunktion im Umwelt- und Naturschutz, aber im Planungsbereich, wo die Weichen gestellt werden, vermisse ich das manchmal.“ Da würde er sich mehr Rücksicht auf die Natur wünschen.

Bericht des Landschaftswarts

Grundsätzlich ist Manfred Radtke als Landschaftswart für Rotenburg zuständig. Dort seien insbesondere die Anfragen zur Landwirtschaft zurückgegangen. Er erinnerte sich in diesem Zusammenhang, dass es mal hieß, Landschaftswarte seien nur dazu da, die Landwirte „zu gängeln“, aber das habe sich „in Wohlgefallen aufgelöst“. Für seinen Bericht hatte er Fotos mitgebracht, anhand derer er Negativbeispiele aufzeigte, in denen er aktiv geworden ist. So habe unter anderem in der Nähe des Mühlenbachsees wochenlang Stallmist gelegen, ohne Plane. So etwas trage zu erhöhten Nitratwerten bei. Daher habe er das der Unteren Wasserbehörde gemeldet. Kürzlich habe er dort erneut unabgedeckten Mist entdeckt.

Ein Beispiel, in dem Gerichte eingeschaltet worden sind, gibt es aus dem Merkurweg. Dort hatte ein Anwohner drei Eichen in einer Buschreihe gefällt, die zur Hälfte auf seinem Grundstück standen – ohne Absprache. Wie Bürgermeister Andreas Weber (SPD) einbrachte, habe die Stadt Strafanzeige gestellt, das sei jedoch abgelehnt worden. „Es gäbe keine Aussicht auf Erfolg, weil die Bäume genau auf der Hälfte standen“, so Weber. Das Verfahren sei gegen eine Geldbuße eingestellt. Im Bebauungsplan sei ein Fehler: So wurde die Buschreihe zwar geschützt, die Bäume jedoch nicht. Das soll nun nachgeholt werden, zum Schutz der restlichen Bäume.

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