„Abstandsstudie“ bestätigt Befunde im Kreis

Mehr Krebs an Erdgas-Förderstätten - doch die Gründe bleiben unklar

+
Die Forderungen der Gegner von Fracking und Co. in der Region sind seit Jahren klar: Angesichts der potenziellen Risiken bei geringer Ausbeute soll die Erdgasförderung hier eingestellt werden. 

Rotenburg/Bothel - Von Michael Krüger und Jens Wieters. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den erhöhten Krebszahlen in Bothel und Rotenburg und der Erdgasförderung vor Ort? Das Land hatte Anfang des Jahres neue Untersuchungen in Auftrag gegeben. Mit der sogenannten Abstandsstudie wurden statistische Daten des Epidemiologischen Krebsregisters neu ausgewertet. Nun liegt das Ergebnis vor. Und es beantwortet die Frage nach einem Zusammenhang mit: „Könnte sein“.

Auf den ersten Blick klingt das, was am Dienstag im Gesundheitsausschuss des Landtags vorgestellt wurde, eindeutig. Das Ergebnis der vom Institut und der Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin des Klinikums der Uni München durchgeführten Studie mit dem griffigen Titel „Zusammenhang von hämatologischen Krebserkrankungen und der wohnlichen Nähe zu Schlammgruben(verdachtsflächen) und zu Anlagen der Kohlenwasserstoffförderung in Niedersachsen“ sagt: „Die durch die kleinräumige Untersuchung in der Samtgemeinde Bothel bereits bestehenden Hinweise auf vermehrte hämatologische Krebserkrankungen in räumlicher Nähe zu Erdgasförderanlagen konnten durch diese Studie für den Landkreis Rotenburg bestätigt werden, nicht jedoch die Hinweise für eine räumliche Nähe der Fälle zu Bohrschlammgruben.“

Die Umweltepidemiologen aus München hatten im Auftrag des Ministeriums Krebsfälle in 15 Landkreisen untersucht, neben Rotenburg waren das Celle, Cloppenburg, Diepholz, Emsland, Gifhorn, Grafschaft Bentheim, Region Hannover, Heidekreis, Lüchow-Dannenberg, Nienburg, Oldenburg, Uelzen, Vechta und Verden – alle die, die im Wesentlichen den sich über Niedersachsen erstreckenden Gürtel an Erdgas- und Erdölförderung abdecken.

Weitere Studien sollen folgen

Ein genereller Zusammenhang von der Wohnortnähe Erkrankter zu Förderanlagen oder Bohrschlammgruben wurde nicht erkannt, wohl aber erhärtete sich der Verdacht für die Region. Wie dieser zu begründen ist, lässt das Sozialministerium offen. „Zufall, konkurrierende Risikofaktoren sowie auch regionale mit der Gasförderung verbundene oder auch unabhängig von ihr existierende Faktoren könnten diese Beobachtungen der Studie erklären“, heißt es in der Mitteilung.

Es gebe aber den Bedarf für weitere Untersuchungen, unter anderem um einen möglichen Zusammenhang zwischen Erdgasförderung und Krebserkrankungen bei Frauen aufzuklären, teilte das Gesundheitsministerium mit. In der Samtgemeinde Bothel und in Rotenburg sind nach einer Auswertung des Krebsregisters von 2003 bis 2012 überdurchschnittlich viele Männer an Leukämie und Lymphomen erkrankt. 

Eine Befragung in Bothel hatte 2017 ergeben, dass die erhöhte Krebsrate mit nahe gelegenen Bohrschlammgruben zusammenhängen könnte. Vermutlich erst im Sommer wird es Ergebnisse der gleichzeitig mit der „Abstandsstudie“ angeschobenen „Humanbiomonitoring“-Studie geben, die die persönlichen, aktuellen Belastungen von Anwohnern Bothels mit Benzol und Quecksilber untersucht.

Bürgermeister fordert weitere Untersuchungen

Für Bothels Samtgemeindebürgermeister Dirk Eberle bestätigt die Studie, dass es zumindest eine statistische Kausalität zwischen der Erdgasförderung und den Krebserkrankungen gebe: „Diese Erhebung gibt unseren Befürchtungen recht, dass es tatsächlich einen Zusammenhang gibt.“ Jetzt müsse dringend erforscht werden, woran es liege. „Sind es vielleicht geografische Besonderheiten in unserer Region? Oder gab es ein Ereignis in der Vergangenheit, das uns jetzt wieder einholt? Denn oft dauert es Jahre, bis eine Krebserkrankung diagnostiziert wird.“ 

Für die Menschen in der Samtgemeinde Bothel sei die Ursachenforschung nach wie vor ein „extrem wichtiges Thema“, darum findet Eberle es „gut und richtig“, dass das Land finanzielle Mittel zur Verfügung stelle, um Anfang 2019 direkt in den betroffenen Ortschaften weitere Daten zu sammeln. „Durch diese Abstandsstudie ist jetzt gesichert, dass sich die weiteren Ermittlungen lediglich auf den Bereich der Erdgasförderung konzentrieren können“, so der Samtgemeindebürgermeister.

Auch für den CDU-Landtagsabgeordneten Eike Holsten aus Rotenburg Anlass, weitere Maßnahmen zu fordern: „Die Ergebnisse bringen uns wenig beruhigende Erkenntnisse. Die auffälligen Zusammenhänge der räumlichen Wohnortnähe speziell zu Erdgasförderanlagen sind weiter auszuwerten. Sowie auch der Umstand, dass bei der Krebshäufung in Bothel Männer signifikant waren und bei der Abstandsstudie und dem Fokus auf Erdgasförderung nun Frauen. Das Ministerium wird mit einer Folgestudie der Suche nach Ursachen von erhöhtem Krebsrisiko weiter nachgehen. Wir brauchen Gewissheit, dass es keine auslösenden Faktoren gibt, die bislang noch nicht beseitigt wurden.“ 

Holstens Parteikollege und Landrat Hermann Luttmann warnt indes vor voreiligen Schlüssen: „Wir werden uns jetzt den Abschlussbericht genauer anschauen und uns Anfang nächsten Jahres dazu mit den verschiedenen Arbeitsebenen sowie der Arbeitsgruppe zusammensetzen.“

Kommentar: Noch mehr Unklarheit

Von Michael Krüger - Es bleibt also dabei: Über einen möglichen Zusammenhang von Erdgasförderung und Krebsfällen darf weiter munter spekuliert werden. Das, was für viel Geld anhand von Daten des Krebsregisters jetzt neu ausgewertet wurde, kann so interpretiert werden, wie man es halt will. Kann sein, kann aber auch nicht sein. Vielleicht Zufall, vielleicht tatsächlich ein Nachweis. 

Diejenigen, die sich am Dienstag nach Bekanntwerden der Ergebnisse aus der „Abstandsstudie“ noch vornehm zurückgehalten haben, werden sich jetzt äußern, wenn sie noch nicht im Weihnachtsurlaub sind. Die Kritiker sehen sich in ihrer Ablehnung sämtlicher Fördertätigkeiten garantiert bestätigt, und die Industrie darf weiterhin auf die Unschuldsvermutung pochen. 

Den Menschen im Landkreis Rotenburg, und insbesondere denen, die vom Krebs betroffen oder bedroht sind, hilft das kein Stück weiter. Vielmehr ist es die Fortsetzung dessen, was seit Jahren die Gemüter beunruhigt und durch die Ankündigung weiterer Studien vielleicht sogar noch an Dynamik zunimmt. Die Unzufriedenheit, vielleicht sogar Wut über die Wischiwaschi-Rhetorik steigt. Bei aller Problematik der wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse: Angesichts der großen Zweifel sind konkrete Maßnahmen gegen den Krebs längst überfällig.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Leipzig vorerst an der Spitze - Coutinho-Gala in München

Leipzig vorerst an der Spitze - Coutinho-Gala in München

Fotostrecke: Erst jubelt Rashica - dann kommt Werder gegen Bayern unter die Räder

Fotostrecke: Erst jubelt Rashica - dann kommt Werder gegen Bayern unter die Räder

Fünf Verletzte bei Messerstecherei im Zug - Polizei stoppt Eurobahn im Bahnhof

Fünf Verletzte bei Messerstecherei im Zug - Polizei stoppt Eurobahn im Bahnhof

Ein Toter und 15 Verletzte nach Explosion in Wohnblock

Ein Toter und 15 Verletzte nach Explosion in Wohnblock

Meistgelesene Artikel

Richtfest an der Botheler Wiedau-Schule

Richtfest an der Botheler Wiedau-Schule

Es wird fleißig gewerkelt

Es wird fleißig gewerkelt

Weihnachtsmarkt in Höperhöfen rund um „Thölkes Hus“

Weihnachtsmarkt in Höperhöfen rund um „Thölkes Hus“

Kommentare