Mehr als ein Drittel der Fachkräfte bei der Lebenshilfe Rotenburg-Verden ist männlich

„Eine Männerquote im Sozialen“

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Kein alltägliches Bild in Kindertagesstätten: Torben Heller (v.l.), Sören Bühler und Douglas Grun sind nur drei von sieben männlichen Mitarbeitern im Gruppendienst bei der Lebenshilfe Rotenburg. Anni und Kathi freut‘s.

Rotenburg - Von Inken Quebe. Männer als pädagogische Mitarbeiter in einer Kindertagesstätte? Das ist noch immer die Ausnahme. Laut dem Bundesministerium für Familie betrug der Anteil 2013 in ganz Deutschland 3,4 Prozent. Im Haus für Kinder der Lebenshilfe Rotenburg-Verden ist das anders. Mehr als ein Drittel der Fachkräfte ist männlich.

Männer als Erzieher sind in Deutschland noch immer eine Seltenheit. Auf fast das Zehnfache der durchschnittlichen 3,4 Prozent kommt die Lebenshilfe Rotenburg-Verden im Bereich Kinder und Familie, erklärt Bereichsleiter Burkhard Bahr im Gespräch mit der Rotenburger Kreiszeitung/Visselhöveder Nachrichten. Er wertet das als positives Zeichen.

„Natürlich gibt es fachliche Unterschiede“, betont er. So würden die männlichen pädagogischen Mitarbeiter mehr mit den Kindern toben und spielen, wohingegen sich ihre weiblichen Pendants eher kreativ mit ihnen beschäftigten. „Durch die vielen Männer gibt es eine erweiterte Vielfalt im Angebot“, findet Bahr.

Insgesamt leiten fünf Frauen und drei Männer selbst Gruppen in den drei Rotenburger Standorten. In der Pädagogischen Assistenz ist das Verhältnis sechs zu zwei für die weiblichen Mitarbeiter. In der Ausbildung befinden sich fünf Frauen und zwei Männer. Insgesamt sind damit 31 Prozent der Arbeitskräfte der Lebenshilfe Rotenburg-Verden männlich.

Einer von ihnen ist der 29-jährige Sören Bühler. Er ist über den Zivildienst vor zehn Jahren, den er in einer Außenstelle in Ahausen absolviert hatte, zu seinem Arbeitsplatz gekommen. Seit dreieinhalb Jahren ist Bühler nun selbst Leiter einer Gruppe mit Ein- bis Dreijährigen. Er bestätigt Bahrs Eindruck: „Ich bin viel draußen mit den Kindern und tobe mit ihnen herum. Das macht meine Kollegin zwar auch – aber irgendwie anders. Wir ergänzen uns gut.“

Ähnlich empfinden das der Pädagogische Assistent Torben Heller und Douglas Grun, der seine Ausbildung zum Pflegeassistenten bei der Lebenshilfe absolviert. Er kümmert sich in einer heilpädagogischen Kleingruppe zusammen mit zwei Erzieherinnen um fünf Jungen. „Wenn ich da bin, merkt man, dass mehr Action ist.“ Im Unterschied dazu komme von den Frauen mehr Struktur. „Dass auch Männer da sind, ist ein guter Ausgleich“, stimmt der 23-jährige Heller zu.

Angesichts aktueller Debatten um Frauenquoten in Führungsetagen von Unternehmen stellt sich für Bühler deshalb sogar noch eine weitere Frage: „Vielleicht braucht es eine Männerquote im Sozialen.“ Der 29-Jährige sieht eine besondere Notwendigkeit beider Geschlechter für die Erziehung: „Es gibt auch immer mehr allein erziehende Mütter. Ich finde es deshalb gut, dass den Kindern hier beides angeboten werden kann.“ Er ist sich sicher, dass die Kinder den Umgang zwischen Mann und Frau im erwachsenen Alter besser kennen lernen.

Aber: „Ich versuche, nicht das klassische Männerbild zu repräsentieren.“ Mit pinken Stiften malen? Sich als Prinzessin verkleiden? Warum nicht? Bühler versucht so, Rollen aufzubrechen. Nicht immer sei er damit auf positives Echo gestoßen: „Ein Mädchen hat mir sogar verboten, mit pink zu malen, weil ich ein Junge bin.“ Das zeige, wie früh sich solche Bilder schon verankern.

Dass es auch anders sein kann, hat Grun erlebt. Der 22-jährige Brasilianer ist über ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Lebenshilfe auf die Idee zu seiner Ausbildung gekommen. „Da gab es ein Mädchen, das war so sehr auf mich fixiert, dass sie plötzlich ein riesiger Fußballfan war. Sie wollte lieber draußen kicken als drinnen zu basteln“, erinnert er sich.

Auf Vorurteile oder Ablehnung seitens der Eltern aus Angst zum Beispiel vor sexuellen Übergriffen sei bis jetzt keiner der drei gestoßen. „Ich hatte gedacht, dass es solche Vorurteile gibt“, gibt Bühler zu. Doch erfahren hat er das Gegenteil. Eine Mutter habe sich sogar an ihn gewandt, als der Verdacht im Raum stand, dass ihr Kind etwas Schlechtes in Bezug auf Männer erlebt habe. „Es wusste aber niemand, um wen es geht“, erzählt er. Am Ende habe sich herausgestellt, dass es einen Vorfall in der eigenen Familie gegeben hat. „Es hätte aber auch hier passiert sein können. Das war ein echter Vertrauensbeweis, dass sie damit zu mir gekommen ist.“

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