Teilnehmer der Mut-Tour werben um Verständnis für Menschen mit Depressionen

Medikamente machen Leben erträglich

Sozialarbeiterin Lisa Schieferstein (r.) und mit Schimmel Paula und zwei Depressionserfahrenen beim Halt in den Nödenwiesen. - Foto: go

Rotenburg - Von Heinz Goldstein. Mit einem Fußmarsch sind sechs Menschen seit Montag in der Region unterwegs, um Angst und Vorurteile gegenüber Depressionen bei den Bürgern auszuräumen.

Bei ihrem Zwischenstopp auf dem Weg von Buchholz nach Bremen in den Rotenburger Nödenwiesen sprechen die Depressionserfahrenen (Betroffene) Marina S. (40) aus Harburg und Jürgen Keil (55) aus Baden darüber, wie sie mit ihrer Krankheit umgehen und warum sie bei dieser Tour mit dabei sind. Das Projekt wird von der Deutschen Depressionsliga unterstützt.

Auf dem ersten Blick wirken alle Beteiligten ziemlich gelassen, als sie die Nödenwiesen erreichen. Selbst ein Umweg wegen einer Baustelle bei Wohlsdorf und ein ausgebüxter Hund, der wieder eingefangen werden musste, konnte die „Karawane“, die sich für das bundesweite Projekt „Mut-Tour“ Richtung Hansestadt bewegt, nicht aus der Ruhe bringen. Die Pferde Bonito und Titine sowie die Hunde Paula und Lars sind als mentale Stützen und zur Ablenkung bei eventuell auftretenden kritischen Situationen mit dabei. 

Am Freitag wollen die Sechs ihr Ziel erreichen. Auf dem Weg dorthin wird jeweils auf Wiesen campiert, wo die Pferde untergebracht werden können. Vor den Toren Bremens müssen sie die Pferde allerdings gegen zwei Esel austauschen werden, weil Pferde in der Innenstadt nicht erlaubt seien, erklärt die Leiterin der Gruppe, Lisa Schieferstein.

Marina S. aus Harburg ist nicht das erste Mal bei einer solchen Tour dabei. Sie erzählt, dass ihre Depressionen schon in der Kindheit begonnen hätten, aber nicht als solche erkannt worden seien. Richtig „ausgebrochen“ sind sie erst vor zwei Jahren in ihrem Urlaub. Ganz plötzlich sei sie zusammengebrochen. „Ich habe nur noch geheult, wollte nicht mehr essen und das Schlimme war, ich wusste selber nicht, was mit mir los war“, so die 40-Jährige. Sie sei nicht einmal mehr in der Lage gewesen, mit ihrem Auto vom Urlaubsort nach Hause zu fahren. Das hätten Freunde erledigt.

Bis zu dem Vorfall hatte sie als Erzieherin gearbeitet, seit dem Auftreten der Depressionen ist arbeitsunfähig. Sie sei aktuell nicht in psychatrischer Behandlung, nehme aber Tabletten. Die Tour unter gleichen Menschen mache ihr Mut. Sie fühle sich gut und sei nicht allein.

Auch Jürgen Keil aus Baden hat bereits an solchen Touren teilgenommen. Er habe oft Gelegenheit gehabt, sich auszutauschen und um Verständnis zu werben. Der 55-Jährige sei in bester Verfassung und fühle sich „geheilt“. Er kann durch Einnahme von Medikamenten sein Leben normal gestalten. Er organisiert mit seiner Ortsgruppe in Baden Fahrradtouren mit Depressionserfahrenen auf Tandems. Betroffene und Gesunde sind dann gemeinsam unterwegs und hätten Zeit, sich auszutauschen.

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