„Mit Herzblut und Kompetenz“

Matthias Richter über Leben auf dem Campus und die Situation der Flüchtlinge

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Matthias Richter ist Vorstandsvorsitzender des Diakonissen-Mutterhauses in Rotenburg und beschäftigt sich in dieser Funktion auch mit den Flüchtlingen auf dem Campus Unterstedt.

Rotenburg - Von Guido Menker. Der Flüchtlingsstrom nach Deutschland ist schon seit längerer Zeit abgeebbt. Entsprechend ruhig ist es inzwischen auch um die Menschen geworden, die ihre Flucht erfolgreich hinter sich gebracht haben. Und doch stellen sich einige Fragen: Wie geht es diesen bei uns gelandeten Flüchtlingen, und wie ist es um die Integration bestellt? Wir haben dazu den Vorstandsvorsitzenden des Diakonissen-Mutterhauses in Rotenburg, Matthias Richter, gebeten, uns einen Überblick zum Stand der Dinge zu verschaffen.

Das Mutterhaus hat maßgeblichen Anteil, dass auf dem Campus in Unterstedt die größte Unterkunft für Flüchtlinge in der Kreisstadt entstehen konnte.

Herr Richter, wenn Sie heute auf die Geschichte des Campus in Unterstedt blicken: Würden Sie es heute noch einmal genauso machen?
Matthias Richter: Selbstverständlich. Wir sind damals in die Bresche gesprungen und haben gerne unsere Stadt unterstützt, die Herausforderung der vielen ankommenden Menschen zu meistern. Wir wollten unseren Beitrag leisten, dass Menschlichkeit gelebt wird und die Flüchtlinge nach ihren schlimmen Erfahrungen hier gut ankommen können. Das war für uns auch eine Herausforderung, weil alles ganz schnell gehen musste und wir keine Erfahrungen hatten. Aber das Mutterhaus und später die Rotenburger Werke haben gesagt: Wer, wenn nicht wir? Sich so zu engagieren, ist gelebte Diakonie. Und es hat geklappt. In kürzester Zeit konnten wir nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch eine gute Betreuung und Integrationsmaßnahmen auf die Beine stellen. Ich bin sicher, dass unser Engagement dazu beigetragen hat, dass es in Rotenburg fast keine Konflikte im Zusammenhang der Flüchtlinge gab.

Wie viele Menschen leben noch auf dem Campus?
Richter: Zurzeit leben auf dem Campus gut 80 Menschen. Es ist noch nicht lange her, da waren es noch knapp 150. Wir rechnen damit, dass durch Familiennachzüge, zum Beispiel aus Syrien, wieder einige Plätze mehr belegt werden. 

Diese Entwicklung zeigt zweierlei: Einerseits kommen derzeit kaum Flüchtlinge nach Deutschland. Andererseits drängt es die Menschen aus den Großunterkünften in eigene Wohnungen. Das ist nicht leicht, aber es gelingt. Unsere Mitarbeiter helfen dabei, sprechen mit Vermietern, übersetzen Mietverträge. Dabei gibt es viel zu beachten. Manche Vermieter wollen die Flüchtlinge, die sich nicht so auskennen, über den Tisch ziehen, verlangen für Bruchbuden astronomische Mieten. Auch die Wohneinrichtung Glumm ist nur noch schwach belegt. Ursprünglich haben im ehemaligen Rathsmann-Verwaltungsgebäude 35 Menschen gelebt. Jetzt sind es weniger als die Hälfte. 

Ich finde diese Entwicklung zwiespältig: Einerseits ist es sehr gut, wenn die Menschen aus den Sammelunterkünften ausziehen können und eigene Wohnungen finden. Das ist ein wichtiger Schritt zur Integration und zur Selbständigkeit. Andererseits: Auch wenn kaum noch Flüchtlinge nach Deutschland kommen, heißt das nicht, dass es keine gibt. Es tut mir weh zu sehen, dass die EU vor der Flüchtlingsfrage derzeit die Augen verschließen will und zum Beispiel nicht hinguckt, was in Italien passiert. Das widerspricht für mich dem europäischen Geist.

Zum Start des Campus hat es einige Zielvorgaben gegeben – vor allem mit Blick auf die Integration. Haben Sie alle Vorhaben entsprechend umsetzen können?
Richter: Wir haben uns selbst das Ziel gesetzt, nicht nur zu betreuen, sondern die Menschen zu befähigen, so schnell wie möglich für sich selbst sorgen zu können. Natürlich ist dieses Ziel ehrgeizig und noch nicht bei allen erreicht. Unsere Mitarbeiter schätzen aber, dass über 90 Prozent der Flüchtlinge inzwischen gut bis mittelmäßig Deutsch können. Die anderen sind Menschen, die es wahrscheinlich nie so richtig lernen wollen oder auch können. Die gibt es auch, aber es sind zum Glück wenige. 

Für etliche sind die ersten Schritte ins Berufsleben gelungen. Mehr als zehn Menschen haben eine Festanstellung, etwa 40 weitere befinden sich derzeit in Praktika. Ein junger Mann studiert an der Uni Bremen, fünf weitere erwarten diese Zusage täglich. Etliche sind Schüler, etliche auch Mütter mit kleinen Kindern. Es gibt auch Menschen, bei denen man bezweifeln kann, ob sie jemals für sich selbst sorgen können. Bei manchen von ihnen drängt sich der Eindruck auf, dass die Kriegserlebnisse sie so belasten, dass sie noch nicht in ein normales Leben übergehen können. Aber das sind die allerwenigsten. 

Gut hat von Anfang an die Zusammenarbeit mit der Kommune sowie den vielen Rotenburger Einrichtungen und Vereinen geklappt. Gerade unterstützen wir ein Projekt von Simbav, das sich gezielt an Frauen mit kleinen Kindern richtet. Es ist unglaublich ermutigend zu sehen, wie viele sich mit Herzblut und Kompetenz engagieren.

Wie lange wird es den Campus als Unterkunft noch geben (müssen)?
Richter: Das ist in erster Linie eine Frage an die Stadt Rotenburg und an den Landkreis. Weil der Campus gute Unterbringungs- und Betreuungsmöglichkeiten bietet, kann ich mir vorstellen, dass er noch eine ganze Weile besteht. Es ist auch ein flexibles System, weil man zum Beispiel auch mit zwei Häusern weiterarbeiten könnte und eines schließt und anders nutzt. Wir als Mutterhaus sind da offen. 

Ich gehe davon aus, dass es immer weiter Menschen geben wird, die auch in Deutschland Zuflucht suchen, auch wenn es nicht mehr so viele wie 2015 sein werden und der Prozess künftig ganz sicher besser gesteuert sein wird. Aber: Zäune schrecken Menschen in Not nicht ab. Aus christlicher Sicht sind sie auch kein Mittel. Nötig ist aber eine Solidarität unter den EU-Ländern, damit die Menschen gerecht verteilt werden und gleiche Standards und Chancen in den verschiedenen EU-Ländern gegeben sind.

Wie hat sich das Leben auf dem Campus aus Ihrer Sicht entwickelt?
Richter: Sehr positiv. Ich freue mich immer wieder, wenn ich (ehemalige) Bewohner in der Stadt treffe, denen man es kaum anmerkt, dass sie erst so kurz hier sind, weil sie gut angekommen sind. Insgesamt hat sich das Leben eingespielt. Am Anfang unserer Tätigkeit mussten unsere Mitarbeiter viel improvisieren und jeden Tag dazu lernen: Welcher Ablauf muss verbessert werden? Wo fehlt ein Hinweisschild? Welche Regeln sind nötig, damit alle gut miteinander leben können? Wie organisieren wir Fahrradverleih und -reparatur? 

Am Anfang hat es viel Kraft gekostet, Vertrauen bei den Menschen zu wecken und manche Umgangsregeln umzusetzen. Das fing bei der Hausordnung an und hörte bei der Verkehrserziehung nicht auf. Inzwischen sind die Ängste viel weniger geworden. Die meisten Menschen haben verstanden und auch verinnerlicht, wie das Leben in Deutschland funktioniert. Und sie sind auch bereit, sich darauf einzulassen. 

Zum Alltag gehört aber der Umgang mit Schmerz und großer Trauer. Wenn ein Bewohner über das Handy erfährt, dass in Syrien gerade fünf Familienmitglieder ermordet worden sind, dann kriegen das ja alle mit. Die Tätigkeiten der Mitarbeiter haben sich sehr geändert. Die individuelle Situation der Menschen und die Hilfe beim Umgang mit Behörden und Ämtern und der Uni nimmt viel Raum ein und erfordert ein genaues Hineindenken und manchmal auch Hineinarbeiten in eine Situation. Immer noch entstehen neue Hilfsangebote für Flüchtlinge – durch Bund, Land und andere Anbieter. Die müssen entdeckt und verstanden sowie die Frau und an den Mann gebracht werden.

Welche Rolle spielen ehrenamtliche Helfer heute noch auf dem Campus?
Richter: Insgesamt sind ungefähr 20 Menschen durchgehend ehrenamtlich engagiert. Gerade haben welche ein Grillfest organisiert. Auch hier hat sich der Schwerpunkt verlagert. Lange haben Ehrenamtliche hauptsächlich Angebote für alle oder für Gruppen angeboten. Daraus sind inzwischen vermehrt persönliche Kontakte entstanden. Eine Frau hat neulich gesagt, dass ein junger Mann für sie wie ein eigenes Kind geworden ist. Gerade diese Kontakte zu Einheimischen bringen die Flüchtlinge unglaublich voran. Das wollen wir ausbauen und sehen darin unsere nächste Aufgabe.

Wie viele der heutigen Campus-Bewohner haben bereits ihre Anerkennung, wie viele warten noch darauf?
Richter: Mehr als 80 Prozent der Menschen haben ihre Anerkennung für ein beziehungsweise drei Jahre. Einige wenige sind freiwillig zurückgereist. Ein junger Mann aus dem Irak hat auf seiner Flucht Fingerabdrücke in Bulgarien abgeben müssen. Im Rahmen des Dublin-Abkommens muss er nun dorthin zurück. Das ist für ihn ein schwerer Schlag, weil Flüchtlinge in Bulgarien oft Misshandlungen und Verwahrlosung ausgesetzt sind. Bei den anderen läuft das Verfahren noch. 

Diese Woche begleitet zum Beispiel eine Mitarbeiterin einen jungen Mann aus Somalia zu seiner Anhörung nach Fallingbostel. Er hat Schlimmes erlebt und ist mit gerade mal 17 Jahren alleine auf die Flucht gegangen. Bislang war er in einer Einrichtung für unbegleitete Minderjährige untergebracht. Jetzt ist er volljährig und bei uns. Dass wir ihn begleiten, ist für uns selbstverständlich, denn ein solches Verfahren könnte wohl selbst der pfiffigste deutsche Jugendliche kaum alleine bewältigen.

Nach dem Abgang von Manfred Kröger: Wer ist jetzt als Flüchtlingsbeauftragter in Rotenburg unterwegs?
Richter: Manfred Kröger hat für ein Jahr die Mitarbeiter, die direkt in den Einrichtungen auf dem Campus und am Glumm arbeiten, unterstützt. Tatsächlich sind wieder viele Tätigkeiten von ihm bei mir gelandet. Ich werde von vielen Mitarbeitern des Mutterhauses unterstützt. Insbesondere hat diese Aufgaben nun der neue Referent des Vorstands, Johannes Stephens, übernommen, der seit Juni bei uns an Bord ist. Gerade als wir den Glumm neu dazu bekommen hatten, war Manfred Kröger besonders wichtig. Durch seine Hilfe haben wir zum Beispiel Zuschüsse vom Diakonischen Werk Hannover für die Fahrradwerkstatt bekommen. 

Außerdem haben wir gerade jetzt einen Fördermittelbescheid für einen Antrag bekommen, den Manfred vor über einem Jahr bei der Aktion Mensch gestellt hat. Diese wird unsere Arbeit in den nächsten drei Jahren mit mehr als 100.000 Euro unterstützen. Dabei geht es um den Ausbau des ehrenamtlichen Engagements. Insbesondere wollen wir Menschen finden, die persönliche Kontakte zu einem Flüchtling oder einer Familie aufbauen und so helfen, in Deutschland Wurzeln zu schlagen. Im Augenblicksuchen wir den richtigen Menschen, der genau das umsetzt.

Der Stand der Dinge

Im Landkreis leben zurzeit 2613 Flüchtlinge. Allein in Rotenburg sind 493, in Bremervörde 382 und in Zeven 323 Flüchtlinge untergebracht. Monatlich kommen durchschnittlich fünf weitere Flüchtlinge in den Landkreis Rotenburg. Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien (790). Die weiteren Herkunftsländer – Irak: 161 , Afghanistan: 94. Weitere Herkunftsländer sind Eritrea, Iran, Libanon, Palästinensische Gebiete, Russische Föderation, Somalia, Sudan und Türkei. 

Der Landkreis kann nicht mitteilen, wie viele dieser Menschen bereits auf dem Arbeitsmarkt Fuß gefasst haben. Für das Jobcenter könne aber gesagt werden, dass seit dem 1. Januar vergangenen Jahres 52 Personen in eine steuerpflichtige Beschäftigung integriert wurden, 35 haben demnach einen Minijob bekommen, und zwei haben eine selbständige Tätigkeit aufgenommen.

Ausreisepflichtig seien etwa 500 Personen. „Während in 2016 zahlreiche Ausreisen zu verzeichnen waren, ist aktuell ein Trend zur freiwilligen Ausreise trotz Beratung und Förderung nicht erkennbar“, teilt der Landkreis Rotenburg auf Anfrage mit.

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