Keine Behandlung für Schmerzpatientin

Ohne Maske keine Spritze: Die Leidensgeschichte von Rosemarie Heinemann

Einen Teil ihrer Medikamente könnte sich Rosemarie Heinemann nach einer Behandlung sparen.
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Einen Teil ihrer Medikamente könnte sich Rosemarie Heinemann nach einer Behandlung sparen.

Immer wieder im Zentrum der öffentlichen Debatte sehen sich aktuell Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen keine Gesichtsmaske tragen können. Genau die ist jedoch an Orten, wo kranke oder gesundheitlich gefährdete Menschen zusammenkommen, besonders wichtig, nämlich beim Arzt.

Rotenburg – Diese Zwickmühle ist der Hintergrund für die Leidensgeschichte von Rosemarie Heinemann. Denn: Der Schmerzpatientin, die unter Morbus Bechterew, einer fortschreitenden rheumatischen Gelenkversteifung des Rückens, leidet, wurde vor einigen Wochen eine ambulante Behandlung im Krankenhaus verweigert.

Dass die Rotenburgerin ein Problem mit Masken oder jedweder Bedeckung von Mund und Nase hat, war der 66-Jährigen schon länger klar: „Pullis überziehen geht nur schnell, irgendwas vor dem Gesicht gar nicht“ – und das nicht wegen des Rauchens, wie ihr manchmal unterstellt werde, sondern schon seit einer chronischen Bronchitis seit Kindertagen. Im April, als Heinemann im Soltauer Krankenhaus eine Cortisonspritze gegen ihre Rückenschmerzen bekommen sollte, kippte sie nach 45 Minuten mit Maske im Wartezimmer um. „Der Arzt hat mir sofort eine Bescheinigung für die Befreiung von der Maskenpflicht ausgestellt“, erinnert sich die siebenfache Mutter.

Rosemarie Heinemann hat Bescheinigung immer dabei

Seitdem sind sie und ihr Mann, als COPD-Patient ebenfalls vom „Snutenpulli“ befreit, ohne Maske unterwegs – „allerdings gehe ich höchstens mal zum Einkaufen raus.“ Angesprochen werde sie nur selten. „Im Supermarkt, wo wir Stammgäste sind, haben wir die Bescheinigung bei der Security und den Kassiererinnen des Öfteren vorgezeigt.“ In letzter Zeit werde das so gut wie nie mehr verlangt – „man kennt sich“. Für den Fall der Fälle haben beide die Bescheinigung immer dabei, Heinemann verlässt das Haus im Viertel Berliner Straße dieser Tage ohnehin nur selten, seit Flohmärkte – ebenso Hobby wie Nebenerwerb der Rentnerin – der Vergangenheit angehören.

Nun wurden der Pensionärin die physiotherapeutischen und Akupunktur-Behandlungen im Rahmen einer bereits begonnenen Therapie in der Schmerzambulanz des Rotenburger Diakonie-Krankenhaus gestrichen: Anweisung von oben, habe es an der Anmeldung geheißen, im Sinne der Krebspatienten. Matthias Richter, Unternehmenssprecher des „Diako“, erklärt diese Vorgehensweise: „Die aktuelle Situation macht eine Maskenpflicht in unserem Haus für Patienten und Mitarbeitende leider unerlässlich, auch wenn dieses sehr bedrückend für die Patienten ist. Das hohe Infektionsrisiko zwingt uns zu dieser Maßnahme, die natürlich unangenehm, aber leider unerlässlich ist. Unser oberstes Ziel ist es, alle unsere Patienten und Mitarbeitenden so gut wie möglich zu schützen. Nur so können wir die Funktionsfähigkeit unseres Hauses aufrechterhalten.“

Einzelfallentscheidung bei Patienten mit Attest

Bei Patienten mit Attest sei es immer eine Einzelfallentscheidung des jeweils behandelnden Arztes: „Nach einer individuellen Risikoabwägung folgt eine Entscheidung in Rücksprache mit dem betroffenen Patienten.“ In den allermeisten Fällen fände sich eine direkte Lösung, da auf allen Seiten ein kompromissbereites Verständnis dafür herrsche, dass ein Krankenhaus eine besondere Schutzzone sei und die Gesundheit oder das Leben anderer durch das Nicht-Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes bedroht werde. „Sicherheit ist das Gebot der Stunde, in keinem Fall ist es Böswilligkeit, wenn wir darauf bestehen, dass Patienten einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen.“ Eine Rücksprache zum Finden einer Kompromisslösung hat laut Heinemann nicht stattgefunden.

Heidekreis-Krankenhaus in Soltau weist Rosemarie Heinemann ab

Doch nicht nur das: Auch in den Räumlichkeiten des Heidekreis-Krankenhaus in Soltau wurde sie abgewiesen. Dort hatte die Patientin im April im CT eine Cortisonspritze ins Gelenk bekommen, die ihr fünf Monate Schmerzlinderung verschaffte. Die nächste Verabreichung wurde ihr verwehrt. Der Grund: die fehlende Maske. Der Radiologe Dr. Frederick Phillips, der in den Räumlichkeiten des Soltauer Krankenhauses praktiziert, erläutert das Dilemma: „Hier geht es nicht nur um den Schutz der Patienten, sondern als Arbeitgeber habe ich auch eine Verantwortung meinen Mitarbeitern gegenüber.“ In diesem Fall habe der Schutz aller Patienten und Mitarbeitern Vorrang. „Das ist keine Frage des Hausrechts oder des gern zitierten hippokratischen Eides, sondern der Vernunft.“ Eine Behandlungspflicht durch den Kassenarzt bestehe juristisch nicht; „in diesem Fall liegt auch kein Notfall im Sinne einer lebensrettenden Maßnahme vor, sondern es handelt sich nur um einen Therapieversuch.“

Abgesehen von den Mitarbeitern, die in diesem Fall mindestens zehn Minuten engen Kontakt zum Patienten hätten, davon seien auch die Geräte so groß, dass sie nicht mal eben desinfiziert werden könnten. „Als einzige radiologische Praxis in der Region haben wir einen Versorgungsauftrag für 140 000 Patienten – bei einem einzigen Covid-19-Fall würde der Betrieb für mindestens 14 Tage flachfallen“, so Phillips.

Starkes Schmerzmittel als Ersatz zur Spritze

Für ihn ist die Causa Heinemann bisher ein Einzelfall: „Bis jetzt hatten wir noch niemand, der auf seine Maskenbefreiung gepocht hat und haben immer eine Lösung gefunden.“ So sei es möglich und sogar wünschenswert, draußen oder im Auto statt im Wartezimmer zu warten; der Patient werde per Handyanruf aufgerufen und so die Tragedauer der Maske reduziert. „Ganz darauf verzichten können wir allerdings nicht, um die zehn Minuten der Behandlung kommen wir nicht herum“, erklärt Phillips.

Der überweisende Orthopäde, an den sich die ehemalige Kassiererin nun erneut wandte, verschrieb als Ersatz zur Spritze ein starkes Schmerzmittel. Seitdem leidet die gebürtige Neu-Brandenburgerin unter Schwindel und Müdigkeit. Das Mittagessen kocht sie im Sitzen, längeres Stehen ist wegen der Schmerzen nicht möglich. Laut dem behandelnden Orthopäden sei die Verträglichkeit der Medikamente eine Sache der Gewöhnung. Auf eine Besserung ihres Zustands wartet sie seit acht Wochen, geändert habe sich bisher nichts.

Rosemarie Heinemann „Ein normales Leben ist so jedenfalls nicht möglich“

Heinemann wollte die Sache nicht auf sich beruhen lassen: „Die Spritzen hatte ich ja schon geholt, sie mussten nur noch verabreicht werden!“ Sie wandte sich ans Gesundheitsamt. Doch auch dort habe man ihr keine weitergehende Auskunft gegeben. „Das Gesundheitsamt ist hier einfach nicht zuständig“, so Landkreis-Sprecherin Christine Huchzermeier. Dies sei rechtlich ein Fall für die Krankenversicherer oder die Ärztekammer, hieß es auf Nachfrage unserer Zeitung. Inhaltlich wollte man nicht zum Fall oder dem Problem der Maskenbefreiung in Arztpraxen oder im Krankenhaus Stellung nehmen. Wie es für Rosemarie Heinemann weitergeht? Sie zuckt hilflos mit den Schultern: „Ein normales Leben ist so jedenfalls nicht möglich.“

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