„Erster Schluck ist Anfang vom Ende“

Marina Hohenkamp gründet eine Selbsthilfegruppe für suchterkrankte Frauen

Marina Hohenkamp
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Gründet eine Sucht-Selbsthilfegruppe für Frauen: Marina Hohenkamp möchte ein Vorbild sein.

Rotenburg – „Wir nennen uns Amazonen, weil wir Kämpferinnen sind. Wir werden eine Gemeinschaft, die zusammenhält“, sagt Marina Hohenkamp aus Stuckenborstel. Sie gründet eine Selbsthilfegruppe für suchterkrankte Frauen.

Erstes Treffen ist am 2. September, 9.30 bis 11 Uhr, im Gruppenraum der Rotenburger Suchtberatung. „Wir werden uns ab dann jede Woche treffen“, so Hohenkamp, die interessierten Frauen Mut macht: „Traut Euch. Wir sitzen alle in einem Boot.“

Seit fast 30 Jahren kämpft Marina Hohenkamp gegen ihre Alkoholsucht. Sie hat mehrere Langzeittherapien gemacht und ist trotzdem immer wieder rückfällig geworden. „Ich war einmal sieben Jahre am Stück trocken. Das war die schönste Zeit meines Lebens“, sagt Hohenkamp, die zuletzt an Silvester rückfällig geworden ist: „Ich fühle mich inzwischen stabil genug, um anderen dabei zu helfen, gegen ihre Sucht zu kämpfen. Ich bin ein optimistischer Mensch, der Lebensfreude ausstrahlt. Ich möchte ein Vorbild für andere Betroffene sein.“ Heute wache sie jeden Morgen nüchtern auf, „und dann bin ich froh, dass ich keine Kopfschmerzen habe und mich nicht übergeben muss“.

Hohenkamp ist bereits Sprecherin einer Amazonen-Gruppe in Achim, und hat dort positive Erfahrungen gesammelt: „Die Teilnehmerinnen genießen es, unter sich zu sein: Frauen fällt es schwer, sich in gemischten Gruppen über ihre Sucht auszutauschen. Einerseits ist es in der Gesellschaft leider immer noch so, dass das Thema Sucht, noch mehr als bei Männern, für Frauen schambesetzt ist – andererseits spielen oft traumatische Erlebnisse wie Missbrauch und Gewalt eine Rolle.“

Sie freut sich auf viele Teilnehmerinnen, die sich ihrer Abhängigkeit stellen wollen – ganz gleich, um welche Sucht es sich handelt. Denn es gebe viele Überschneidungen: „Das Verhalten ähnelt sich. Frauen versuchen, ihre Sucht zu verstecken und machen sich vor, dass es niemand bemerkt. Angehörige werden oft zu Co-Abhängigen. Sie bekommen bei einem späteren Treffen die Gelegenheit, dazu zu kommen. Am Anfang fällt es den Frauen leichter, sich zu öffnen, wenn sie alleine da sind.“

Hohenkamp weiß, dass der Kampf auch für sie niemals endet: „Ich war schon ganz unten, da will ich nicht mehr hin. Ich muss deshalb sehr achtsam mit mir sein. Süchtige neigen dazu, sich selbst zu betrügen. Ich kenne diesen Tunnelblick – am Ende stand für mich der Alkohol. Wenn der Schalter umgelegt war, war mir alles andere egal. Dann ging es nur noch darum, das Gefühl in mir mit Alkohol zu betäuben. Der erste Schluck ist immer der Anfang vom Ende. Heute weiß ich: Alkohol löst alles, Freundschaften zum Beispiel, aber keine Probleme!“

Sie kritisiert, dass in der Öffentlichkeit noch immer zu sorglos mit Alkohol umgegangen wird. „Es wird so getan, als gehöre er zum Leben. Bereits in Kinderfilmen sieht man Piraten, die feiern und Rum trinken. Allgemein wird im Fernsehen zu oft zur Flasche gegriffen. Und an der Kasse stehen die Flachmänner direkt neben der Schokolade. „Auch heute noch geht mein Blick automatisch dorthin – aber ich habe nicht mehr das Bedürfnis, zuzugreifen“, so Hohenkamp.

Sie rät Betroffenen dazu, sich ihrer Sucht zu stellen, und erhofft sich vom Umfeld, wachsamer zu sein. „Es ist wichtig, dass die Menschen nicht wegschauen. Vielen Süchtigen wird erst sehr spät bewusst, dass sie ein Problem haben. Oft ist es eine Erleichterung, wenn sie jemand direkt anspricht und Hilfe anbietet.“

Betroffene, die an der Selbsthilfegruppe „Sucht für Frauen – die Amazonen“ interessiert sind, melden sich bei der Ziss – Informationsstelle Selbsthilfe Selbsthilfekontaktstelle – unter Telefon 04261/ 8518239, per E-Mail an ziss-rotenburg@t-online.de bei Veronika Czech oder Verena Kimpel.

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