Das Rotenburger „Birkenhaus“: Eine Zuflucht für wohnungslose Menschen

Mangel an bezahlbarem Wohnraum

Sozialpädagogin Barbara May (l.) und Sozialarbeiterin Wiebke Sprung begrüßen die Menschen im Eingang zum Rotenburger „Birkenhaus”. Foto: Bonath

Rotenburg - Von Wieland Bonath. „Und jetzt die unvermeidliche Frage: Wo sind Sie, was machen Sie an Heiligabend?” Wir sitzen mit Andreas S. (29) im „Birkenhaus” – dem Heim für Obdachlose und Durchreisende an der Harburger Straße – zusammen, sprechen über sein junges Leben, seine Ziele, seinen „Absturz” und seine Zukunft, die gerade wieder begonnen hat. Nach fast vier Jahren auf verschlungenen Wegen, Entbehrungen und Perspektivlosigkeit ist der junge Mann zurückgekehrt ins „normale” Leben. Und dazu gehört zu Weihnachten der Besuch der Mutter, die im Kreis Rotenburg wohnt und sich freut, ihren Sohn nach längerer Zeit wieder zu sehen. Andreas S. ist kein Obdachloser, der sich vom Schicksal treiben lässt. Er nimmt sein Leben in die Hand und kämpft sich durch. Nicht jeder in ähnlicher Lage kann und will es ihm gleichtun.

Andreas S. wurde in Dortmund geboren, verbrachte seine Kindheit in Nordrhein-Westfalen, verlebte seine Jugendjahre im Kreis Rotenburg, machte seinen erweiterten Sekundarabschluss, wurde zur Fachkraft für Logistik ausgebildet und kehrte nach NRW zurück. Sein Leben geriet aus den Fugen, als es zur Trennung von der Freundin kam. Mit knappem Gepäck reiste er zuerst mit der Bahn, als das Geld immer weniger wurde, zu Fuß durch viele Teile Deutschlands und Länder des benachbarten Auslands. „Ich hatte kein Ziel mehr. Mir war alles egal. Ich brauchte Abstand von der Gesamtsituation“, so der 29-Jährige. Aufgeben, sich treiben lassen – das kam für Andreas S. nicht infrage. Er schrieb eine Bewerbung nach der anderen. Sein fehlender fester Wohnsitz sei immer wieder das Ende der Vorstellungsgespräche gewesen.

Der schrumpfende Geldbeutel, Papierkrieg mit den Behörden, teilweise desinteressierte Ämtermitarbeiter, die Nächte in der kalten Jahreszeit, wo unter anderem Plätze zwischen Bänken geöffneter Kirchen nachts zu Schlafstätten wurden. Mit zwei oder vier Euro habe er pro Tag auskommen müssen. Betteln sei allerdings für ihn ein Tabu. Er habe bei Bauern angeklopft, um sich durch Arbeiten ein wenig Geld zu verdienen.

Neujahr 2018: In Baden-Württemberg sei Andreas S. von einem Landwirt angesprochen worden: „Der hat mir, als er sah, wie schlecht es mir ging, angeboten, mich zwei Wochen aufzunehmen. Wie sich herausstellte, hatte er als Landstreicher einmal Ähnliches durchgemacht. Der Bauer hat mich aufgepäppelt. Eine Woche habe ich fast nur geschlafen, die anderen acht Tage habe ich bei ihm auf dem Hof gearbeitet.”

Als der 1,98-Meter-Mann in diesem Sommer mit seinen wenigen Habseligkeiten in Verden ankam, war er körperlich am Ende. Nach kurzer Station in der dortigen Beratungsstelle wechselte Andreas S. nach Rotenburg ins Birkenhaus. „Für mich ist das Birkenhaus ein neues Zuhause. Ich habe nach etwa dreieinhalb Jahren endlich ein neues, geregeltes Leben. Mein Ziel ist es, möglichst schnell eine eigene Wohnung zu finden. Inzwischen habe ich dutzende Bewerbungen für unterschiedliche Ausbildungsberufe verschickt. Ich hoffe, dass ich auf diese Weise ein neues Ziel im Leben finde“, meint der 29-Jährige. Es geht voran: Andreas S. ist Transportmitarbeiter im Kaufhaus Karo in Rotenburg, außerdem im Nebenjob Nachhilfelehrkraft für Mitarbeiter in der Lagerlogistik. Er unterrichtet Menschen mit Migrationshintergrund.

Das Birkenhaus gibt es seit 1986. Das vorherige Gebäude an der Harburger Straße wurde vor zwei Jahren durch ein neues Haus ersetzt. Das Birkenhaus, ursprünglich Herbergsverein Wohnen und Leben, fusionierte 2017/18 mit den Kirchenkreisen Lüneburg und Uelzen des Diakonischen Werks Nordost Niedersachsen. Dazu gehören zehn Beratungsstellen in neun Landkreisen. Der Verein trägt den Namen Lebensraum Diakonie. Im Kreis Rotenburg gibt es die Beratungsstellen Birkenhaus und Bremervörde. Teil des Birkenhauses mit seinen zwölf Einzelapartments (jeweils mit eigener Küche und eigenem Bad) und vier Übernachtungsplätzen für durchreisende Obdachlose sind die Wohnungsnothilfe und der Tagesaufenthalt „Straßenfeger” in der Goethestraße. In beiden Einrichtungen sind insgesamt fünf Sozialarbeiterinnen, zwei Psychiatrische Krankenschwestern und zwei Hausmeister beschäftigt.

Die Bewohner erhalten Hilfe in allen Lebensbereichen wie etwa Behördenangelegenheiten, Haushalt, Wohnen und Wohnungssuche, Gesundheit, Arbeit und Freizeitgestaltung. Die Übernachtung ist ein kurzfristiges Angebot für umherziehende, durchreisende Wohnungslose. Diese können bis zu sieben Nächte bleiben. Neben den vier Einzelzimmern stehen den Gästen ein großer Aufenthaltsraum und sanitäre Anlagen zur Verfügung. Da viele Wohnungslose mit einem Hund reisen, ist es möglich, mit Vierbeinern aufgenommen zu werden. Die Apartments stehen für Menschen bereit, die ohne Wohnung sind, suchtmittelabhängig und/oder psychisch erkrankt – als Übergang oder dauerhaft für ambulant betreutes Wohnen.

Die Zahl der Menschen, die jährlich im Birkenhaus untergebracht und betreut werden, beläuft sich nach Auskunft von Sozialpädagogin Barbara May und Sozialarbeiterin Wiebke Sprung auf 100 bis 150. Die weitaus größte Zahl sind Männer (etwa 80 Prozent), etwa 20 Prozent beträgt der Anteil der Frauen. Die Zahl der Jüngeren wächst. May und Sprung appellieren an Bürger, die über Wohnraum verfügen, diesen zur Verfügung zu stellen und an Wohnungssuchende zu vermieten. Das Birkenhaus ist unter dem Telefonanschluss 04261 / 9649901 zu erreichen. Ein zweiter Appell an die verantwortlichen Politiker: Für alleinstehende Menschen muss mehr bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden.

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