Soziale Gruppenarbeit in Rotenburg besteht seit einem Jahr

„Manchmal ist das Fass voll“

Das Malprojekt ist ein wichtiger Teil der Sozialen Gruppenarbeit, sagt Sharina Rosenkranz. Fotos: Beims

Rotenburg - Von Ann-christin Beims. Ängste, emotionale Unsicherheit, Schwierigkeiten in der Schule oder Konflikte im Umfeld: Die Gründe, warum sich Kinder nicht wohlfühlen, aggressiv oder verunsichert reagieren, sodass Eltern und Erzieher nicht mehr weiter wissen, können vielfältig sein. Eine Anlaufstelle kann die Soziale Gruppenarbeit (SGA) sein, eine Maßnahme des Jugendamtes. Seit einem Jahr gibt es diese in Rotenburg, sie ist Teil der Heilpädagogischen Kinder- und Jugendheime.

Über einen Zeitraum von sechs Monaten – oder länger, wenn nötig – sollen die Kinder im Alter zwischen sechs und 14 Jahren lernen, Konflikte vernünftig zu lösen. Ihr Selbstbewusstsein soll gestärkt und ihre Persönlichkeit weiterentwickelt werden – je nach Kind und seinen Bedürfnissen. Ein Projekt im Rahmen einer Maßnahme ist dabei das großformatige Malen: Dieses entwickelt der Kunstpädagoge und -therapeut Christian Roskothen-Swierzy seit 1997 zu einer eigenständigen Methode. Die Kinder sollen sich austoben, bekommen keine Vorgaben und präsentieren die Werke, die dabei entstehen, am Ende in einer Ausstellung. „Gerade bei Kindern, denen die Ausdrucksmöglichkeit fehlt, sagt ein Bild wirklich mehr als 1 000 Worte – und sie sind so stolz“, erklärt Sharina Rosenkranz, die gemeinsam mit Roskothen-Swierzy die SGA leitet. Rosenkranz befindet sich derzeit im Anerkennungsjahr zur staatlich geprüften Sozialarbeiterin.

Traumatisches erlebt haben auch viele Kinder, die mit der Flüchtlingswelle in den Landkreis gekommen sind. „Was sie auf dem Weg hierher sehen mussten, können wir uns gar nicht vorstellen. Da ist eine traumapädagogische Zusammenarbeit ganz wichtig“, merkt Rosenkranz an. Traumata können oft zur Folge haben, dass Menschen in ihrer Entwicklung eingeschränkt sind. Die Kinder leben unterschiedlich lange in Deutschland, haben unterschiedliche Sprachkenntnisse. Das kann zu Schwierigkeiten in der Schule führen. „Manche Schulen fühlen sich überfordert oder haben nicht das Personal, den Kindern gerecht zu werden“, erklärt Rosenkranz. Sobald es zu einer SGA kommt, gibt es einen Austausch mit Schulsozialarbeitern, Lehrern, Familienhelfern und Eltern. „Da sind wir gut vernetzt. Die sind eng dran und erleben das Kind in einem ganz anderen Umfeld.“ Sie und ihr Kollege bekämen den Prozess der Veränderung oft nicht hautnah mit.

Gemeinsam mit Roskothen-Swierzy betreut sie an zwei Nachmittagen in der Woche aktuell zwei deutsche und fünf Flüchtlingskinder. Erst wird gekocht, danach eine halbe Stunde Hausaufgaben gemacht, dann stehen soziale Lernspiele auf dem Programm. Oft sind sie draußen unterwegs. Bei den Treffen wird Deutsch gesprochen. „Die Kinder sollen es versuchen. Sie können sich gegenseitig die Angst nehmen.“ Und abgesehen von der Sprachbarriere sei eines immer gleich: „Die Probleme sind komplex, es sind nur unterschiedliche Bausteine.“ Jedes Kind hat eine andere Definition von Krisen – je nach Hintergrund.

Auch wenn die SGA ein ambulantes Angebot ist, gibt es Kinder, die das Jugendamt mal zeitweise, mal lange Zeit aus ihren Familien nimmt. Sie kommen in eine Wohngruppe. „Aber das ist der letzte Weg“, sagt Rosenkranz. Sie ist aus Hamburg nach Rotenburg gewechselt, weil ihr der systemische Gedanke der Einrichtung in der Kreisstadt gefällt. „Dabei wird nicht das Kind als Problemträger gesehen, sondern auch das Umfeld betrachtet – Eltern, Freunde, Schule“, erklärt sie. Denn: Sobald sich etwas an diesem System ändert, hat das Auswirkungen. Dabei gibt es auch Kinder, die freiwillig in Obhut gegeben werden. „Manche Familien brauchen eine kurzzeitige Trennung. Oft sind es viele komplexe Problemsituationen, die aufeinandertreffen.“

Nicht selten seien Kinder dabei, die viel Wut in sich tragen, dementsprechend aggressiv reagieren. „Manchmal ist das Fass voll, und jede kleine Situation lässt es überlaufen und das Kind wütend werden – weil es bis dahin meist schon viel Frust erlebt hat.“ Daher sei es wichtig, den Kindern innerhalb der SGA schöne Erfahrungen mitzugeben und ihnen zu zeigen, dass sie ernst genommen werden.

Zum Abschluss einer Maßnahme erhält das Jugendamt einen Bericht, welche Ziele erreicht worden sind und wo noch Bedarf besteht. Wenn sie dazu in der Lage sind, werden die Kinder einbezogen und dürfen ihre Meinung äußern. „Man kann natürlich nicht immer erwarten, dass alle Ziele in den sechs Monaten erreicht werden – manchmal werden auch neue definiert“, sagt Rosenkranz. Und bei Kindern, die in Wohngruppen untergebracht sind, sei immer eine Rückführung – sofern das möglich ist – oder Verselbstständigung das Ziel. Positive Rückmeldungen aus den Schulen seien besonders schön: „Da sind Kinder, die sich im Erzählkreis plötzlich zu Wort melden, deren Selbstbewusstsein gewachsen ist.“

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