Jürgen Jürgensen über seine beiden Amtszeiten als Bürgermeister in Rotenburg

„Man sollte ein guter Tänzer sein“

Auf seine erste Amtszeit als Bürgermeister war Jürgen Jürgensen schlecht vorbereitet, erinnert er sich zurück.
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Auf seine erste Amtszeit als Bürgermeister war Jürgen Jürgensen schlecht vorbereitet, erinnert er sich zurück.

Rotenburg – Wie denken Rotenburgs ehemalige Bürgermeister über ihre Amtszeit, was hat sie gefreut, motiviert oder geärgert, und worauf kommt es in diesem Amt eigentlich an? In mehreren Gesprächen gehen wir diesen und anderen Fragen auf den Grund. Den Auftakt macht Jürgen Jürgensen (88). Seine Amtszeit für die SPD erstreckt sich über zwei Perioden, einmal von 1965 bis 1968 und ein zweites Mal von 1972 bis 1974.

Mit welchem Gefühl blicken Sie auf Ihre Jahre als Bürgermeister der Stadt Rotenburg zurück?

Ich war auf meine erste Bürgermeister-Werdung schlecht vorbereitet. Zuvor war ich in keinem Gremium und daher auch nicht sonderlich in solchen Sachen gefestigt. Den Umgang mit der Geschäftsordnung musste ich erst lernen. Damals war ich mit 32 Jahren übrigens der jüngste Bürgermeister in Niedersachsen. Der Haushalt der Stadt hatte keinen Pfennig Geld für Gästebewirtung. Selbst wenn ein Minister zu Besuch war, gab es aus der Stadtkasse nichts anzubieten. Die Finanzlage war mehr als kümmerlich und die Personaldecke ausgesprochen dünn. Das hatte aber auch den Vorteil, dass man vieles selber machen musste, was extrem geschult hat. Letztlich aber war es eine erfüllte Zeit, in der ich viele tolle Menschen kennenlernen konnte.

Was hat Sie damals motiviert, dieses Amt anzutreten?

1961 kam ich von meiner Ausbildung in Stade zurück nach Rotenburg, um dort im Finanzamt meine Arbeit aufzunehmen. Schon bald wurde ich für die SPD in den Stadtrat gewählt. Als mein Vorgänger Heinrich Meyer sehr krank wurde, ging die Anfrage an mich, ob ich nicht Bürgermeister werden wolle. Das kannst Du, hab ich gedacht, das ist keine Herausforderung. Ich hatte eine ziemlich große Klappe, konnte ganz gut reden, hab mich aber auch immer vorbereitet. Eine Frau bezeichnete mich mal als Mann mit dem norddeutschen Charme. Als ich dann wirklich 1965 mit knapper Mehrheit gewählt wurde, hatte ich doch zittrige Knie.

Was waren nun aber die wirklich größten Herausforderungen Ihrer Amtszeit?

Wir haben schon damals einiges bewegt in Sachen Fußgängerzone. Die Rotenburger Geschäftsleute waren dagegen. Auch ein paar Städte-Reisen konnten sie nicht wirklich überzeugen. Je näher wir wieder nach Rotenburg kamen, desto eher entschieden sie sich doch wieder dagegen. Ein Ratskollege – preußischer Landrat – schimpfte damals gegen die Geschäftsleute: „Die können nicht weiter denken, als ein fettes Schwein scheißt!“ Ich selber habe mir große Herausforderungen gesetzt, wenn ich in schlimmsten Zeiten in 14 Gremien war. Da gab es schon mal Augenblicke, wo ich mich gefragte habe, in welcher Runde ich gerade tagte. Aber es war wichtig, weit vernetzt zu sein.

Worüber haben Sie sich besonders geärgert?

Es gab natürlich immer Anfeindungen von gegnerischer Seite. Schlimmer aber war oft die Unzuverlässigkeit der eigenen Parteimitglieder. Bei knappen Mehrheiten, die wir nun mal hatten, kam es auf jede Stimme an. Wenn dann die Parteifreunde undiszipliniert waren oder sogar ausgetreten sind, hat mich das schon sehr geärgert.

Was waren die schönsten Momente?

Die Aufnahme der Stadt Rotenburg ins Städtebau-Förderprogramm war schon ein riesiger Erfolg, der bis heute sichtbar ist. Das hat uns vorangebracht und dazu beigetragen, dass aus Rotenburg eine noch freundlichere Kleinstadt wurde. Ich schätze das kirchlich-diakonische Klima hier. Mein persönlicher Höhepunkt war sicherlich, als die zwei Fußballvereine zum RSV (Rotenburger Sportverein) zusammengeführt wurden. Dort war ich über lange Zeit im Vorstand und als Kassenwart tätig. Mein Leben bedeutet mir bis heute Sport und Fußball, natürlich meine Familie mit 14 Enkel- und sechs Ur-Enkelkindern.

Welche Eigenschaften muss ein geeigneter Kandidat für den Job des Bürgermeisters mitbringen?

Man muss immer versuchen rauszukriegen, was die Bürger wollen, deshalb ist Vereinsarbeit so wichtig. Das Arbeitspensum sollte einem klar sein, ich war fünf Abende die Woche ständig unterwegs. Das Telefon klingelte bereits morgens in der Früh um fünf. Wichtig ist, dass man den politischen Wettbewerb nicht als gegnerischen Kampf auffasst. Außerdem bleiben echte Geselligkeit und Freundschaft auf der Strecke. Übrigens, es empfiehlt sich, ein guter Tänzer zu sein. Ich war richtig mies, es war furchtbar.

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