„Man kann Akzente setzen“

Sind schon mehr als 50 Jahre bei den Rotariern dabei: Karsten Müller-Scheeßel (l.) und Rolf Ehlermann. Die Organisation sei weniger als ihr Ruf, sagen sie. Foto: Röhrs

Rotenburg - Von Matthias Röhrs. 115 Jahre „Service above self“ – „Selbstloses Dienen“. Am 23. Februar 1905 wurde in Chicago der erste Rotary Club der Welt gegründet. Mittlerweile verbirgt sich dahinter eine internationale Organisation mit rund 1,2 Millionen Mitgliedern. In Rotenburg und umzu gibt es zwei Ableger, und zumindest der erste kann bereits auf eine mehr als 50-jährige, eigene Geschichte zurückblicken. Rolf Ehlermann ist seit Anfang an dabei, Karsten Müller-Scheeßel stieß damals etwas später dazu. Im Gespräch mit der Kreiszeitung erzählen sie, was der Rotary Club für sie ausmacht, sprechen über ihr Engagement fürs Gemeinwohl und elitäre Aspekte ihrer Gruppe.

Herr Ehlermann, wissen Sie noch, warum Sie Rotarier geworden sind?

Rolf Ehlermann: Ich bin kein Rotarier geworden, sondern ich wurde aufgefordert, ein Rotarier zu werden. Denn zunächst, das war 1967, wusste ich überhaupt nichts damit anzufangen. Es gab damals auch keine Computer, wo man das hätte nachschlagen können. Es gab nur alte Lexika, die aber nach 1905 entstanden sein mussten, damit der Begriff „Rotary“ überhaupt drin stand. Mich hat damals ein Herr angesprochen, den ich aber namentlich nicht persönlich kannte. Der sagte, dass man einen Rotary-Club gründen wolle. Ich sagte dann: „Sie können gerne einen Club gründen, aber bitte ohne mich.“

Aber dann sind Sie doch noch Gründungsmitglied der Rotenburger Rotarier geworden. Was hat sich geändert?

Ehlermann: Nachdem ich gesehen habe, wer dort mitmacht, und warum das interessant für mich ist. Bis dahin war ich praktisch nur mit meinem Beruf als Apotheker verknüpft. Da habe ich mir gesagt, dass es ja nie schaden kann, sich auch mit Menschen aus anderen Lebensbereichen auszutauschen.

Was war denn das Interessante daran?

Ehlermann: Mein Beruf war sehr einseitig. Als Apotheker bin ich Verkäufer und Berater, und es gibt außer Apotheke und Pharmazie auch noch andere Dinge in der Welt. Insofern war es interessant, nicht nur mit Ärzten oder anderen etwas näher gelegenen Berufen Kontakt zu haben – mit Landwirten zum Beispiel.

Also ging es für Sie eher darum, Kontakte zu knüpfen als das Gemeinwohl zu fördern.

Ehlermann: Ja. Aber ganz wichtig war auch, zu erfahren, dass man aufgefordert wird und nicht einfach eine Mitgliedschaft beantragen kann. Das war ein Herangehen an mich, man hat mich dazu motiviert, teilzunehmen. Und ich fühlte mich natürlich – schlicht gesagt – geleckt, dass ich dabei sein darf. Denn es waren ja auch Personen dabei, zu denen ich sonst nie Kontakt gehabt hätte. Das gilt – glaube ich – für jeden unserer Freunde, die auf diese Weise die Möglichkeit haben, Personen kennenzulernen, die man sonst nicht kennengelernt hätte.

Herr Müller-Scheeßel, wie war es bei Ihnen?

Karsten Müller-Scheeßel: Ich bin unter anderem von Herrn Ehlermann gefragt worden. Das geschah etwa ein Jahr, nachdem ich in Scheeßel als Lehrer angefangen habe. Und der Kreis, in dem ich mich bis dahin im Wesentlichen bewegt hatte, war ein Kreis von jungen Kollegen. Das fand meine Frau schon nicht so fürchterlich interessant, da sie selbst aus einem Lehrer-Haushalt kam. Da habe ich das geradezu als eine Bereicherung gesehen.

Wie sah das Rotarier-Dasein damals aus? Was hat sich seitdem verändert?

Müller-Scheeßel: Es war zunächst ein kleiner Kreis ... Ehlermann: ... wir waren 21. Müller-Scheeßel: Dadurch waren unsere Treffen menschlich sehr eng. Auch über die Treffen hinaus lief dann viel Privates. Wir hatten fast alle Kinder in einem ähnlichen Alter, der Club war jung, und wir haben tolle Feiern gehabt. Deutlich geändert hat sich, dass man mit knapp 60 Leuten im Club heute natürlich nicht mit jedem so eng kann, wie wir es in der Anfangszeit waren. Ehlermann: Wir waren damals alle um die 30 Jahre alt. Heute kommen so junge Leute fast überhaupt nicht mehr. Als wir so alt waren, hat sich alles um die Familie und den Beruf gedreht – alles war neu. Wir waren fixiert auf den Beruf und hatten daher in dem Sinne keinen gesellschaftlichen Kontakt. Müller-Scheeßel: Früher war es noch etwas Besonderes, dass man tatsächlich zu den befreundeten Clubs ins Ausland gefahren ist. Heute sind unsere jüngeren Freunde bei der Globalisierung froh, wenn sie mal zuhause sind (lacht).

Wer wird denn heute noch Rotarier?

Ehlermann: Jeder, der in unseren Kreis passt. Das kann ich verbal nicht sagen, die Person muss eben passen. Müller-Scheeßel: Ich gehöre zu den Leuten im Club, die besonders viele vorgeschlagen haben. Für mich ist ein ganz wesentliches Kriterium, dass es Leute sind, die eine Perspektive dafür bieten, sich einzubringen. Sind es Menschen, die über ihren eigenen Berufshorizont hinaus blicken? Das merkt man dann daran, dass sie sich gesellschaftlich engagieren. Die sind auch bereit, sich für die Ziele unseres Clubs – zum Beispiel die Internationalität oder die Arbeit in der Prävention – einzusetzen. Ehlermann: Es geht nicht um äußere Erscheinungsbilder und ob jemand viel Geld verdient oder ein großes Auto fährt. Das ist nicht das Entscheidende, sondern wir wollen voneinander profitieren – und zwar menschlich und geistig.

Nun haben die Rotarier auch den Ruf, elitär zu sein. Wie oft bekommen Sie das zu hören?

Müller-Scheeßel: Das kriegt man regelmäßig zu hören, und dem begegne ich auch ganz offensiv. Dieser Vorwurf lässt sich nicht vermeiden, weil man nicht einfach Mitglied werden kann. Das da ein elitäres Element drin ist, ist selbstverständlich. Da ist es wichtig zu fragen, wer denn Elite ist? Elite ist man nicht per Selbstdefinition, sondern das kann höchstens jemand Anderes feststellen. Doch es wäre im hohen Maße arrogant, selbst zu sagen, dass man mit Rotary zur Elite gehört. Ich trage zwar meinen Anstecker, aber ich definiere mich nicht als Elite, sondern versuche, mein Bestes zu geben. Das ist eine Erwartungshaltung bei uns: Dass Leute, die zu uns kommen, auch sagen, dass sie sich einbringen – zum Beispiel in dem sie sich überwinden, Entenlose auf der Straße zu verkaufen. Das hat mit Elite nichts zu tun, sondern mit Einsatz am Gemeinwesen. Ehlermann: Ich zumindest wäre in einer Stadt wie Hamburg oder Berlin wahrscheinlich kein Rotarier geworden. Und so ist es mit anderen Clubmitgliedern auch. Das ist früher schon als etwas Attraktives angesehen worden. Diese Attraktivität hat sich für mich aber erst entpuppt, als ich dabei war. Und wenn wir Freunde aufnehmen wollen, die zum Stil unseres Beisammenseins passen, dann müssen wir genau hingucken, wer das sein könnte.

Ein anderer elitärer Aspekt wäre, dass Sie den Club erst spät für Frauen geöffnet haben. Warum hat das solange gedauert?

Ehlermann: Wir sind als Männerclub gegründet worden. Bei der Gründung des ersten Rotary Clubs in Chicago ist es ein Herrenclub gewesen, da gibt es keine Begründung für. Das ist dann 1987 geändert worden. Jedoch sind es nicht die Frauen gewesen, die sich das erklagt haben. In Amerika ist das vor Gericht gegangen seitens der Männer, die sich für die Frauen eingesetzt haben. Als Beispiel: In England gibt es heute mehr Zahnärztinnen als Zahnärzte. Irgendwann wurde eben gesagt, dass Frauen mehr Bildung haben als 1905, also sollte man sie aufnehmen – und dann wurde geklagt.

Aber hier in Rotenburg haben Sie auch noch bis 2006 gebraucht.

Müller-Scheeßel: Den neuen Club (Wümmeland; Anm. d. Red) haben wir von vornherein mit Frauen gemacht. Das habe ich damals als Bedingung gestellt, und es war auch kein Problem mehr. Ich würde allerdings nicht sagen, dass es, als Frauen nicht in Rotary waren, etwas Elitäres war. Sondern es war etwas Zeitgebundenes. Vor dem Zweiten Weltkrieg hat es kaum Damenclubs gegeben. Hier haben sich Entwicklungen durchgesetzt, wie es auch anderswo geschehen ist. Aber das hatte mit elitär nichts zu tun.

Wonach wählen Sie die Projekte aus, die Sie unterstützen?

Müller-Scheeßel: Erstmal fragen wir, was innerhalb des Gemeinwesens an Projekten ansteht. Andere Projekte kommen auch von höheren Ebenen im Club. Aber hier vor Ort fragen wir, wo wir konkret helfen können. Es gibt einen Grundsatz: Wir helfen nicht personell und auch nicht als Dauerhilfe, sondern wir helfen projektgebunden. Das ist wichtig, damit wir uns auch neuen Projekten zuwenden können. Wir helfen dort, wo es durch die soziale Not geboten ist; wohlwissend, dass wir Armut nicht alleine bekämpfen können. Wir können immer nur ein paar Tupfer setzen. Es ist auch nicht immer die materielle Hilfe. Es gibt eine ganze Reihe von Freundinnen und Freunde im Club, die innerhalb der Gesellschaft Verantwortung übernehmen. Aber ganz bewusst außerhalb des Clubs, etwa bei der Cohn-Scheune, der Rotenburger Tafel oder der Niedersächsischen Tafelrunde.

Zum Schluss nochmal lapidar gefragt: Kann man mit dem Entenrennen die Welt retten?

Ehlermann: Gute Frage, Teile der Welt würde ich sagen. Man kann sie nicht retten, aber unterstützen.

Müller-Scheeßel: Man kann Akzente setzen.

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