Serie „Wir sind dann mal offline“

„Mama, mach mal das Handy aus“

Finja Pohl (links), Lara Weickhardt und Tino Kretschmer gehören zu den elf Schülern der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik, die eine Woche auf ihre Smartphones verzichten. J Foto: msc

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Eine Woche ohne Handy, eine Woche lang offline. Für viele Menschen ist das heutzutage kaum denkbar, ist das Smartphone doch häufig ein stetiger Begleiter. Eine Schülergruppe hat sich nun entschlossen, das Experiment zu wagen, und eine Woche auf ihr Smartphone zu verzichten. Elf junge Erwachsene der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik Rotenburg haben am Mittwoch ihre Handys abgegeben. Diese werden dann im Tresorraum der Rotenburger Sparkasse sicher verschlossen.

Die vermeintlich größte Hürde ist geschafft. Das Wochenende ohne Smartphone ist vorbei. Und im Großen und Ganzen verlief es problemlos bei unseren Testpersonen. Allerdings machten die elf jungen Erwachsenen der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik Rotenburg auch einige überraschende Entdeckungen – weniger bei sich selbst, als bei ihren Mitmenschen.

„Das war zwar eine schwierige Phase am Wochenende ohne Handy“, stellt Tino Kretschmer rückblickend fest, „aber ich hab´s ja gut überstanden.“ Seine Mitschülerin Finja Pohl hatte „gar keine Probleme“, beschäftigt sich aber auch sonst nicht unbedingt allzu viel mit ihrem Handy. Und selbst die Freundinnen von Lara Weickhardt, die deren Handy-Verzicht zunächst reichlich „doof“ fanden, stellen fest, dass es „eigentlich gar nicht so schlimm“ sei.

„Die habe ich komplett auf dem Handy“

Sicher, hier und da hat es auch gefehlt – sei es bei langen Auto- oder Zugfahrten („Ich hatte mir gerade so schöne neue Musik runtergeladen“) oder auch bei der schulisch geforderten Biologie-Ausarbeitung („Die habe ich komplett auf dem Handy“). Aber insgesamt gilt, dass alle gut damit klar gekommen sind. Mehr noch: „Das ist richtig entspannend. Man hat nicht immer den Drang, auf das Ding zu gucken.“ Dafür fällt allen auf, wie sehr andere an ihrem Mobilteil hängen. „Wann immer man sich unterhält, ist wenigstens einer dabei, der dauernd an seinem Handy rumfummelt.“ Und eine Schülerin bemerkt: „Ich habe schließlich meiner Mutter gesagt: ,Mama, mach mal das Handy aus. Ich möchte mich unterhalten.‘“

Praktisch mit Handy aufgewachsen

Ähnliche Erfahrungen scheinen alle Probanden gemacht zu haben und stellen selbstkritisch fest, dass sie ansonsten auch in dieses Schema fielen. Das wollen sie nach der „Fasten-Woche“ unbedingt ändern. Die Fachschüler sind praktisch mit Handy aufgewachsen. Trotzdem glauben sie nicht, dass Smartphones schon in die Hände von Grundschülern gehören. Handys vielleicht, um sich in Notfällen mal melden zu können. Aber es scheint ja so, als könne man gar nicht früh genug damit anfangen. Ein großer Internetversand bietet jedenfalls eine „Riesenauswahl und Spitzenpreise“ bei Spielzeughandys an. Angefangen mit einem „Baby-Telefon“ bis zum „Lernspaß-Smartphone“, das Kindern den Umgang mit den Geräten beibringt. Nicht abwegig, gibt es doch auch Kindergärten, die den Kleinen Englisch beibringen. Müsste man da nicht auch frühzeitig den Gebrauch mobiler Telefone einüben?

Christine Hauschild, Leiterin des Kindergartens „Lindenburg“ am Diakonissen-Mutterhaus in Rotenburg, sieht das nicht so: „Schon motorisch haben Kindergartenkinder Mühe mit einem Handy. Die brauchen so etwas auch noch nicht.“ Auf der anderen Seite müssten Kinder auch lernen, mit den technischen Dingen ihres Alltags umzugehen. Tatsächlich fängt der Kindergarten auch an, mit einem Tablet-PC zu arbeiten „aber alles in einem vernünftigen Maß“, so Hauschild. Unsere Testpersonen freuen sich trotz allem nun schon darauf, dass das Ende ihrer Fasten-Aktion in Sicht ist. Demnächst werden ihre mobilen Begleiter wieder aus dem Tresor der Sparkasse entnommen und sie sind gespannt, was sich auf ihren Smartphones alles an Nachrichten und entgangenen Anrufen angesammelt hat.

Zur Serie

Vor der Schule, im Schulbus, auf der Straße, in der Kneipe – überall sieht man Menschen jeglichen Alters mit stierem Blick nach unten, telefonieren, schreiben („Daumenjogging“) oder Musik hören. 81 Prozent der Deutschen haben ein Smartphone. Bei jungen Leuten sind es gar 97 Prozent. 

Elf Schüler der Fachschule für Sozialpädagogik am Diakonissen-Mutterhaus haben sich bereit erklärt, bei unserem Experiment mitzumachen. Nun soll es mal eine Woche lang ohne Smartphone gehen. Was macht das mit einem? Ist das überhaupt vorstellbar? Die Teilnehmenden haben gemeinsam am Mittwoch ihre Handys abgegeben. Für eine Woche werden sie nun sicher im Tresorraum der Rotenburger Sparkasse aufbewahrt.

Mehr zum Thema

Teil 1: Eine Woche ohne Smartphone – Schüler im Selbstversuch

Teil 2: Das Experiment hat begonnen: Eine Woche ohne Handy

Teil 3: Der Trend geht zum „eigenen digitalen Endgerät“

Teil 4: Der Kampf ums Festnetztelefon

Teil 5: Handy-Sucht ist ein ernst zu nehmendes Problem

Teil 7: Der Daumen ist die Achillesferse

Teil 8: Sozialpädagogik-Schülerinnen haben ihre Handys zurück

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