Mais bekommt ein Gesicht

Auf Feldrundfahrt mit dem Landwirtschaftlichen Verein Sottrum/Rotenburg

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Landwirt Christoph Schröder und Auszubildende Rahel Burgmann.

Hier Mais, dort Roggen und zwischendurch ein bisschen Hafer. Es gibt auch kleine Flächen mit Hirse. Für den Laien wächst auf den Anbauflächen etwas. Aber warum es gerade so viel Mais ist und danach der Roggen folgt, ist dem gemeinen Zeitgenossen in der Regel nicht klar. Das ist nach gut zwei Stunden anders.

Unterstedt - Im Schritttempo geht es an diesem Mittwochabend über Gemeindestraßen, landwirtschaftlich genutzten Wegen und auf Waldwegen durch die Gemarkungen Unterstedt und Rotenburg. Feldrundfahrt heißt die Veranstaltung, zu der der Landwirtschaftliche Verein Sottrum/Rotenburg eingeladen hat. Zwölf Gespanne mit rund 200 Teilnehmern sorgen für ein ungewöhnliches Bild.

Manch ein Mensch am Straßenrand schaut dem Treck sichtlich irritiert, aber doch freundlich lächelnd nach. Passanten machen respektvoll Platz. Auf dem ersten Gespann erweist sich Friedrich Kettenburg vom gleichnamigen Hof als eine Art wandelndes Lexikon – zumindest was die Besitzer und Pächter der Anbauflächen angeht. Die anderen Informationen hat der Landwirtschaftliche Verein aufbereiten lassen.

Landwirte informieren über ihre Arbeit

Die Aufgabe, die Kettenburg für das erste Gespann übernimmt, hat Christoph Schröder aus Rotenburg auf einem der Anhänger weiter hinten übernommen. „Für uns ist die Feldrundfahrt Öffentlichkeitsarbeit. Wir möchten über unsere Arbeit informieren“, sagt der Landwirt aus Rotenburg. Rahel Burgmann, Auszubildende auf dem Schröderschen Hof, unterstützt ihren Chef: „Heute steht der Dialog zwischen Stadt und Land im Vordergrund.“ Später schiebt sie nach: Leider seien wenige Nicht-Landwirte bei der Ausfahrt dabei gewesen. Dabei mache dies gerade wegen der vielfach geäußerten Kritik an der konventionellen Landwirtschaft Sinn.

Friedrich Kettenburg weiß zu jedem Feld eine Geschichte.

Gemütlich geht es über Straßen und Wege von einem Ziel zum anderen. Vorne vor der rund 200.000 Euro teure Schlepper, hintendran ein Hänger mit Bänken. Anfangs muss sich Kettenburg erst einmal sammeln. Zwischen den Informationen, die er selbst parat hat, streut er die Zahlen vom Informationsblatt ein. „Jetzt sind wir in der Gemarkung Rotenburg“, erklärt Kettenburg. Der Wissensdurst der Mitfahrer ist groß. So muss Kettenburg das erst für später vorgesehene Zahlwerk schon nach wenigen Kilometern preisgeben. Die Gemarkung Rotenburg sei 5200 Hektar groß, davon seien rund 1400 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche und etwa 2 000 Hektar bebaut. Die Teilnehmer schauen interessiert vom Anhänger auf die Flächen. Kettenburg weiß genau, wer was wo und wann ausgesät hat. Hier und da steht einer auf, um sich einen genaueren Überblick zu verschaffen.

Der Landwirt erklärt, dass der Mais auf hiesigen Feldern den höchsten Ertrag bringe. „Roggen geht auch noch“, ergänzt er. Der Mais wandert zumindest bei den Kettenburgs komplett in die eigene Biogasanlage. Später erfahren die Teilnehmer, dass diese eine Kapazität von 1,2 Megawatt hat. „Mit den Satelliten sind es etwa 1,6 Megawatt“, sagt Kettenburg. Allerdings werde die Anlage nie voll ausgenutzt, weil sich der Ertrag ab einem Megawatt einfach nicht mehr lohne.

Nitratbelastung im Fokus

Immer wieder tauschen sich die Teilnehmer aus. So geht es um das Wasser beziehungsweise um die Nitratbelastung. Der Grenzwert liegt bei 50 Milligramm pro Liter. Die beiden Brunnen in Unterstedt und Ewersen, die zum bundesweiten Monitoring gehören, stehen gut da. Ralf Blanck, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Vereins, hat die Messreihen seit 1970 dabei. Vor Ort schwanken die Nitratwerte im Durchschnitt zwischen 10 und 20 Milligramm je Liter. Blanck und seine Kollegen finden, das Thema werde einseitig dargestellt. Gleiches gelte für die Vermaisung, also den großflächigen Anbau von Mais. „Man könnte ja auch Vergetreidung oder Verkartoffelung sagen“, findet Blanck. Die Kritik an der konventionellen Landwirtschaft sei oftmals schwer auszuhalten. Ein Mitfahrer neben Blanck unterstützt ihn. Was in den Medien berichtet werde, gleiche einer „Hetzjagd“.

Ann-Cathrin Schröder informiert die Teilnehmer über den Rotenburger Hof. 

Derweil ist der Treck auf dem Hof von Christoph Schröder angekommen. Dessen hochschwangere Frau Ann-Cathrin hat sich auf einen Heuballen geschwungen und informiert über das Geschäft der Familie. Die Schröders betreiben Mutterkuhhaltung, Bullenmast und bieten 30 Boxen für Pensionspferde an. „Unsere Tiere bekommen ausschließlich Futter aus unserer eigenen Produktion. Wir kaufen nur Mineral- und Eiweißergänzungsfutter zu“, berichtet Schröder. Sie legt Wert darauf, dass das Eiweißergänzungsfutter gentechnisch nicht verändert worden ist. Die Zuhörer nicken teilweise beeindruckt.

Zwischenstopp bei Grewe

Zuvor haben die Feldumfahrer einen Stopp bei Grewe eingelegt. Dort begrüßt Bodo Lammers, Geschäftsführer der Holding, die Gäste. Grewes klassisches Geschäft seien die Baumschulen. Doch dafür ist der Markt in Rotenburg schlecht. Deshalb sei das Unternehmen mit seinen gut 600 Mitarbeitern bundesweit tätig – zum Beispiel in der Grünflächenbewirtschaftung für Sportanlagen, Parks und für Wohnungsbaugesellschaften. Inzwischen sei Grewe der größte Betrieb seiner Art in Deutschland. Das Problem, so Lammers, sei es, Mitarbeiter und vor allem Auszubildende zu finden.

Die letzte Station an diesem Abend ist die Kettenburgsche Biogasanlage. Dort fällt der kleine Haufen Silage auf – eine Folge der Trockenheit in diesem und im vergangenen Jahr, wie der Seniorchef die Teilnehmer informiert. Neben den Kennwerten der Anlage erfahren die Teilnehmer auch, dass Kettenburg dort gerne Rindergülle von anderen Erzeugern verarbeiten würde. Doch der Landkreis zögere mit einer Genehmigung. Es ist ein kleiner Appell an Landrat Hermann Luttmann (CDU), der sich unter den Mitfahrern befindet. Gülle aus der Schweine- oder Hühnerzucht komme nicht infrage, ergänzt Kettenburg. Auf dem Weg zurück erfreut er die Leute wieder mit der einen oder anderen Anekdote zu den Flächen links und rechts der Straßen. Sie bekommen nun dauerhaft ein Gesicht.

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