Maike Bielfeldt über ihre Arbeit als Hauptgeschäftsführerin der IHK Stade / Seit April im Amt

„Ich bin sehr zufrieden“

Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin der IHK Stade.
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Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin der IHK Stade.

Rotenburg - Von Michael Krüger. 100 Tage gilt es, Führungspersönlichkeiten gemeinhin als Einarbeitungszeit zu gewähren. Dann wird ein erster Fazit gezogen. Maike Bielfeldt ist seit Anfang April Hauptgeschäftsführerin der IHK Stade. Die erste Frau in dieser Position im Norden. Großzügig gerechnet gilt es nun, zurück und voraus zu blicken. Im Interview spricht Bielfeldt auch über Schwierigkeiten und Perspektiven für die heimische Wirtschaft.

Frau Bielfeldt, was hat Sie in den ersten Monaten ihrer Tätigkeit überrascht?

Maike Bielfeldt: Obwohl ich mich durch meine Tätigkeit als Geschäftsführerin der IHK Nord natürlich schon mit dem Thema auseinandergesetzt habe, hat es mich doch beeindruckt, am eigenen Leib zu erfahren, wie lange man im Elbe-Weser-Raum braucht, um mit dem Auto von A nach B zu gelangen. Das Thema Verkehrsinfrastruktur – allen Projekten voran natürlich die A20 und die A26 – steht für mich darum ganz oben auf der Agenda. Auf äußerst positive Weise überrascht hat es mich, wie herzlich und offen ich von den Unternehmern und den anderen Akteuren in der Region empfangen wurde. Ich habe bereits mehr als 50 Unternehmen besucht und viele konstruktive Gespräche geführt. Sehr bewegt war ich von meinem Besuch des Bremervörder Hospizes.

Was können Sie als erste Erfolge verbuchen?

Bielfeldt: Die Reaktion auf meine Antrittsbesuche und Gespräche mit verschiedenen Politikern war durchweg positiv. Es gab zum Beispiel erste Vereinbarungen für die Zusammenarbeit bei Projekten in der Region. Die Staatssekretärin in der niedersächsischen Staatskanzlei, Daniela Behrens, hat unsere Anregungen für bestimmte Themen in Form von Veranstaltungen aufgegriffen, und der europäische Parlamentsabgeordnete David McAllister hat seine Bereitschaft erklärt, einen Vortrag in unserer Vollversammlung zu halten.

Sie sind die erste Frau an der Spitze der IHK Stade. Spielt das für Ihre Arbeit eine Rolle?

Bielfeldt: Ich weiß, dass im Bewerbungsverfahren für die Stelle des Hauptgeschäftsführers der IHK Stade mein Geschlecht keine Rolle gespielt hat, sondern einzig meine berufliche Qualifikation und meine fachliche Kompetenz. Das hat der Präsident der IHK Stade, Lothar Geißler aus Rotenburg, ausdrücklich betont. Inwieweit es bei meinen Mitarbeitern eine Rolle spielt, kann ich nur mutmaßen. Sicherlich habe ich einen anderen Führungsstil als mein Vorgänger. Ob der nun spezifisch weiblich ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich hoffe aber, dass mein Werdegang besonders die weiblichen IHK-Mitarbeiter ermutigt, sich selbst etwas zuzutrauen und zielstrebig anzugehen.

Was muss man mitbringen, um Ihren Beruf auszufüllen?

Bielfeldt: Neben der fachlichen Qualifikation braucht man sicherlich Durchsetzungsvermögen und Mut, Dinge beherzt anzugehen. Man muss ein guter Netzwerker sein, denn echte Erfolge erzielt man nur gemeinsam mit Mitstreitern, die mit einem an selben Strang ziehen. Und nicht zuletzt braucht man eine gute Mannschaft, ein kompetentes Team, das einen in allen Bereichen unterstützt.

Wo wollen Sie Marksteine setzen, wo sehen Sie zukünftige Herausforderungen?

Bielfeldt: Zwei Themen habe ich ja schon angesprochen: die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur und das Engagement für mehr Frauen in Führungspositionen. Sehr wichtig ist mir darüber hinaus das Thema Ausbildung. Die Auszubildenden von heute sind die Fachkräfte von morgen. Unsere Unternehmen merken, dass es immer schwieriger wird, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Hier gilt es anzusetzen, gerade auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, der die Situation aufgrund zurückgehender Schülerzahlen noch verschärfen wird.

Was tun Sie gegen denFachkräftemangel?

Bielfeldt: Wir versuchen, das Thema von allen Seiten anzugehen – über die Förderung der dualen Ausbildung, aber auch über Kampagnen, die die Unternehmen unterstützen sollen, sich attraktiv für den Arbeitsmarkt zu präsentieren. Auch die Attraktivität der Region spielt dabei eine wichtige Rolle: Wie sieht es mit der Nahversorgung aus, wie mit der Ärztedichte, mit Schulen, mit dem kulturellem Angebot? All dies spielt gerade für Familien bei der Wahl ihres Arbeits- und Wohnortes eine große Rolle.

Ist die klassische duale Berufsausbildung überhaupt noch zeitgemäß?

Bielfeldt: Sie ist nicht nur zeitgemäß, wir exportieren dieses einmalige Erfolgsmodell in die ganze Welt! Immer wieder kommen Delegationen aus anderen Ländern nach Deutschland, um zu sehen, wie es uns gelingt, unsere Jugendlichen so gut auszubilden. Dafür ist die enge Verzahnung von schulischer Theorie und betrieblicher Praxis einfach ideal. Außerdem ist die duale Ausbildung ein hervorragender Ausgangspunkt für die weitere berufliche Karriere, zum Beispiel über Meisterlehrgänge. Mit einer fundierten Ausbildung stehen den jungen Leuten alle Türen offen.

Wie anders ticken die norddeutschen Unternehmen im Vergleich zu denen in den anderen Ländern, in denen Sie bisher gelebt haben?

Bielfeldt: Was ich an den norddeutschen Unternehmern so unglaublich schätze, ist dieses Selbstverständnis als ehrbarer Kaufmann. Das ist verbunden mit einem großen Verantwortungsbewusstsein, nicht nur für das eigene Unternehmen, sondern auch für die Belange des Elbe-Weser-Raums. Viele Unternehmen engagieren sich für soziale oder kulturelle Belange und tragen so dazu bei, dass unsere Region als Lebensraum attraktiv bleibt.

Wo liegen die Stärken der Unternehmen im Elbe-Weser-Raum?

Bielfeldt: Zum einen ist es der Branchenmix. Wir haben Betriebe aus den Bereichen Luftfahrt, Chemie und Ernährung, Elektronik, Fahrzeugbau, Tourismus, Groß- und Einzelhandel sowie zahlreiche Dienstleistungen. Gerade weil wir hier so breit aufgestellt sind, haben wir die konjunkturellen Krisenjahre relativ unbeschadet überstanden. Zum anderen profitieren wir von dem Innovationsgeist gerade der mittelständischen Unternehmen. Wir haben viele so genannte Hidden Champions, zum Beispiel die Lisega in Rotenburg. Einige von ihnen sind sogar Weltmarktführer.

Das Freihandelsabkommen TTIP mit den USA steht seit langem in der Kritik der Verbraucherschützer. Zu Recht?

Bielfeldt: Zu Unrecht, wie ich glaube. Die europäische Kommission hat immer betont, dass die hohen Standards der EU nicht verhandelbar sind. Von den Verbraucherschützern wird immer das Chlor-Hühnchen angeführt und die Angst geschürt, als würde der europäische Markt mit Chlor verseuchten Hühnern überschwemmt. Bei Nahrungsmitteln gibt es in den USA und der EU unterschiedliche Ansätze. Während man eine panische Angst vor Keimen in den USA hat, möchte man in Europa Nahrungsmittel so natürlich wie möglich herstellen. Über die Kennzeichnungspflicht von TTIP könnte man genau dieses Problem lösen. Dann könnte jeder Verbraucher entscheiden, welches Produkt er kaufen möchte.

Welche Chancen und Risiken bezüglich TTIP sehen Sie konkret für die Unternehmen der Region?

Bielfeldt: Es gibt ungefähr 75 Unternehmen aus unserer Region, die Handel mit den USA betreiben. Diese klagen immer wieder über regulatorische Handelshemmnisse. Hier entstehen zusätzliche Kosten, um Produkte den amerikanischen Bestimmungen anzupassen. Des Weiteren werden im Schnitt drei Prozent Zoll erhoben auf Waren, die aus der EU stammen. Deutschland ist mit rund 80 Milliarden Euro Ausfuhr der größte Handelspartner der USA in der EU. Dies würde eine Erleichterung von umgerechnet 2,4 Milliarden Euro für deutsche Firmen bringen, die dann entweder an den amerikanischen Verbraucher weiter gegeben werden könnten oder deutsche Firmen einen höheren Preis durchsetzen könnten.

Wie beeinflusst die EU die Arbeit der IHK Stade?

Bielfeldt: Die europäische Gesetzgebung beeinflusst die Unternehmen in den einzelnen Staaten natürlich immer stärker, so auch in Deutschland. Darum ist es wichtig, dass wir auch in Brüssel gut aufgestellt sind. Das gelingt uns mit der Vertretung unseres Dachverbandes, des DIHK, vor Ort, sowie einer Vertretung der IHK Nord, die sich speziell für die norddeutschen Themen stark macht.

Gibt es IHK-Projekte gegen Jugendarbeitslosigkeit?

Bielfeldt: Wir versuchen, es gar nicht so weit kommen zu lassen – im Landkreis Rotenburg zum Beispiel mit verschiedenen Berufsorientierungsprojekten. In den Betrieben werben wir stark für so genannte Einstiegsqualifizierungen, kurz EQs, für Jugendliche, die noch keinen regulären Ausbildungsplatz bekommen konnten. Über dieses Langzeitpraktikum haben sie die Möglichkeit, sich in der Praxis zu bewähren.

Gerüchten nach sollen die Geschäftsstellen in Verden und Cuxhaven geschlossen werden. Stimmt das?

Bielfeldt: Eine wesentliche Grundlage unseres Arbeitserfolgs ist unsere regionale Verwurzelung. Dafür sind unsere Geschäftsstellen unverzichtbar.

Mal ehrlich: Was hätten Sie in den 100 Tagen lieber anders machen sollen?

Bielfeldt: Ehrlich gesagt bin ich sehr zufrieden mit meinen ersten 100 Tagen. Mein wichtigstes Anliegen ist es, mit möglichst vielen Unternehmern ins Gespräch zu kommen und intensiv zuzuhören. Und das gelingt mir auch, glaube ich. Was ich vielleicht hätte anders machen sollen: ein bisschen regelmäßiger essen. Das ist bei den vielen Terminen etwas zu kurz gekommen. Und ich hätte gern weniger im Stau gestanden. Aber das ist mit meinem Umzug nach Stade ja jetzt vorbei.

Maike Bielfeldt (44) ist seit Anfang April Hauptgeschäftsführerin der IHK Stade für den Elbe-Weser-Raum. Die Volkswirtin ist die einzige Frau in dieser Position im Norden und ist für rund 90 Mitarbeiter zuständig. Unter den bundesweit 80 Kammerchefs sind nur zwei weitere Frauen. Die Mutter eines achtjährigen Sohnes war zuvor Geschäftsführerin des Dachverbandes, der IHK Nord. Ihre berufliche Karriere hatte noch vor dem BWL-Studium in Hamburg mit einer Ausbildung zur Bankkauffrau begonnen. Bielfeldts Leidenschaft ist das Reiten, Lesen und Golf gibt sie als weitere Hobbys an. Die IHK Stade vertritt mehr als 48000 Betriebe im Raum zwischen Hamburg und Bremen. Eingerahmt wird das Gebiet von zwei der drei größten Schifffahrtsstraßen Deutschlands, der Elbe zur rechten und der Weser zur linken. Der Süden ist das Tor zur Lüneburger Heide, der Norden wird begrenzt durch die Nordsee. In der Region leben rund 740000 Einwohner.

www.stade.ihk24.de

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