„Fridays gegen Altersarmut“-Gruppe sorgt für Aufsehen

Mahnwache in Rotenburg

Claudia S. (l.) und Astrid S. wollen ein Zeichen setzen. Foto: Thies

Rotenburg - In Deutschland formiert sich seit drei Monaten eine neue Gruppierung via Facebook: „Fridays gegen Altersarmut“ will auf ebendieses Thema aufmerksam machen. So sind Senioren, die Pfandflaschen sammeln, um ihre magere Rente aufzustocken, insbesondere in Großstädten kein seltener Anblick mehr. Für den 24. Januar plant die Gruppe daher an mehreren Orten Mahnwachen. Auch in Rotenburg hat eine kleine Gruppe von knapp zehn Aktiven eine Mahnwache angemeldet, zwischen 16 und 18 Uhr auf dem Neuen Markt. „Wir stehen dort still, mit Kerzen und Flyern. Wer Interesse hat, erhält Informationen“, erklärt Organisatorin Claudia S.

Komplett namentlich genannt werden möchten sie und ihre Mitstreiterin Astrid S., die in der Redaktion sind, um über ihre Gruppe zu informieren, nicht. Mehrfach seien sie schon mit verbalen Attacken, sowohl persönlich als auch über Facebook, konfrontiert gewesen. Denn die Gruppe spaltet die Gemüter. „Das war nicht mehr themenbezogen, sondern sehr persönlich beleidigend“, sagt Claudia S. Auch sei ihr angekündigt worden, dass die Mahnwache „aufgemischt“ werden solle. Wer Kommentare zum Thema liest, zum Beispiel in der Altkreis-Rotenburg-Gruppe bei Facebook, merkt, wie unterschiedlich die Meinungen sind. Die einen schreien „Hurra“, andere raten zur Skepsis.

Dabei „wollen wir ernsthaft etwas bewegen, wir sind nicht zufrieden, wie es aktuell läuft“, erläutert Claudia S., die zunächst auch misstrauisch an die Gruppe herangegangen war, wie sie zugibt. Ihre Mitstreiterin erzählt aus eigener Erfahrung, denn die krankheitsbedingte Frührentnerin sei von Altersarmut selbst betroffen. „Ich habe eine ganz kleine Rente, eine kleine Wohnung, das Sozialamt muss aufstocken, und es reicht trotzdem nicht. Mit der geplanten Grundrente stünde ich schlechter da als jetzt – und ich habe mehr als 40 Jahre gearbeitet, mit zwei Kindern“, sagt sie. „Und schon jetzt ist es ja nicht gut“, wirft Claudia S. ein. Auch sie sorgt sich um ihre Zukunft: „Ich war alleinerziehend mit zwei Kindern.“ Wie es in 13 Jahren, bei ihrem Renteneintritt, aussehen wird, weiß sie noch nicht. „Es muss etwas getan werden. Das ist der erste richtige Ansatz: Sich friedlich hinstellen und aufmerksam machen – denn so wie bisher geht es nicht“, meint Astrid S.

Aktuell sind etwa 273 000 Mitglieder der öffentlichen Gruppe beigetreten. Posten kann darin jeder, allerdings erscheint nichts ohne die Freigabe der gut 14 Administratoren. „Das geht nicht ohne“, erklärt Claudia S. den Hintergrund. Sachliche Kritik in den Kommentaren sei in Ordnung, andere Kritik werde sofort gelöscht. „Es gibt viele Hater und Meckerer“, so Claudia S. Vorwürfe wie vonseiten der Initiative „Omas gegen Rechts“, dass die Gruppe „einen rechten Hintergrund“ habe, können sie nicht nachvollziehen. „Das sind haltlose Behauptungen. Es ist eine politische Gruppe, aber wir sind parteiunabhängig – da ist alles dabei, rechts, links, braun, grün, schwarz, rot, aber das interessiert nicht. Es geht um die Sache, nicht um den politischen Hintergrund einer Person“, meint Claudia S. Mehrere Untergruppen hätten sich gebildet, von denen die beiden sich distanzieren. „Die verfolgen das Ziel, das hier kaputtzumachen“, so Claudia S.

Die Gruppe hat eine Liste von zehn Forderungen erstellt, darunter die Einführung eines solidarischen Rentensystems, in das alle einzahlen, die Einführung einer Reichensteuer, auch sei die Verschwendung von Steuergeldern in „Amtsstuben, Behörden und Ministerien“ unter Strafe zu stellen. Ziel der Mitglieder ist es, ins Gespräch mit der Regierung zu kommen. Wie ihre Forderungen umgesetzt werden sollten, bleibt aber offen. Ebenso die Zukunftspläne, welche die Gruppe noch nicht öffentlich herausrücken will: „Das ist der erste Schritt, zu sehen, wie viele Menschen erreicht werden können, ob wir es hinkriegen, dagegen zu kämpfen. Die Gruppe muss groß werden, um etwas zu bewegen“, erklärt Claudia S. „Es darf aber keine Hauruck-Aktion werden, dann geht’s schief.“ Ausschreitungen wie 2019 in Frankreich, als die Menschen gegen die geplante Rentenreform auf die Straße gingen, soll es nicht geben. „Wir haben mit Gewalt nichts am Hut“, stellt Claudia S. klar.

Die Veranstaltung ist offiziell angezeigt worden, wie Rotenburgs Ordnungsamtsleiter Frank Rütter bestätigt. Bei einer Mahnwache wird zudem die Polizei in Kenntnis gesetzt. „Wir werten das aus und treffen eine Entscheidung, wie wir auftreten“, erklärt Pressesprecher Christoph Steinke.

Auch der Sozialverband VdK sagt, dass sich etwas tun muss. Dessen Kreisvorsitzender Wilhelm Tödter unterstreicht: „Gegen Altersarmut kämpfen wir wie verrückt.“ Auch im Landkreis sei das Thema allgegenwärtig. „Man merkt oft auf Veranstaltungen, dass es am Geld hapert. Gerade bei älteren Frauen“, erklärt er. Bei Theaterfahrten würden manche gerne mit, können es sich aber nicht erlauben. „Sie sprechen nicht gerne drüber, das ist immer noch ein Tabuthema.“ Dabei sei es wichtig, Öffentlichkeit herzustellen. „Es ist richtig, auf die Straße zu gehen, nur wenn ich etwas mache, kann ich viele Menschen erreichen.“ Eine Mahnwache halte er aber nicht für sinnvoll. „Ich kenne die Gruppe nicht, aber bei so etwas gehen die Leute vorbei, gucken, das war’s.“ Aktionen wie die des VdK, der sich auf Veranstaltungen wie dem Flohmarkt in Lauenbrück oder dem Kartoffelmarkt an Ständen präsentiert und informiert, halte er für sinniger. „Da haben wir schon gute Gespräche geführt.“ Auch 2020 wolle der Kreisvorstand Aktionen starten. Plakate und Flyer wie „Altersarmut geht jeden an / Wieso gibt es Altersarmut nach einem Leben voller Arbeit?“ waren bereits in Umlauf. Die Grundrente halte Tödter auch nicht für den richtigen Weg. „Alle sollten einzahlen, das ist ein wunder Punkt und wird sich so schnell nicht ändern.“

Kommentar von Ann-Christin Beims

Nicht nur fordern, sondern auch Lösungsansätze liefern

Gegen Altersarmut zu sein, ist prima. Ich gehe aber auch mal stark davon aus, dass sich niemand finden wird, der dafür ist. Die „Fridays for Future“-Bewegung hat es bereits geschafft, den Klimaschutzgedanken weiter zu verbreiten – da kann man von Greta Thunberg halten, was man möchte. Daran angelehnt sind nun die Mitglieder von „Fridays gegen Altersarmut“ in Deutschland unterwegs und verbreiten ihre Gedanken und Ideen. Aber wie immer bei größeren Zusammenkünften ist die Vorsicht die Mutter der Porzellankiste: Jeder sollte genau gucken, wem und was er seine Unterstützung schenkt. Denn die Gruppe ist bereits mehrfach in Kritik geraten. Daher gilt: Lesen, recherchieren, nachfragen, hinterfragen – in alle Richtungen. Denn im Internet kursiert viel. Man sollte die Hintergründe kennen – und nicht blind einem Schlagwort oder einer Gruppe folgen, „weil das andere schlecht ist“, wie das manches Mal in der Vergangenheit der Fall war. Zumal die Mitglieder scheinbar wahllos ganze Freundeslisten einfach hinzufügen, um zu wachsen. Gesundes Misstrauen ist hier wohl angebracht – auch wenn sicherlich einige dabei sind, die wirklich etwas zum Positiven bewegen möchten und nur Gutes im Sinn haben, scheinen mir dort doch auch einige schwarze Schafe unterwegs zu sein. Gegen Altersarmut etwas zu unternehmen, ist richtig und betrifft uns alle. Mir fehlen aber in diesem Fall konkrete Lösungsideen. Rein mit Forderungen erreicht man nichts. Und Geheimniskrämerei ist definitiv der falsche Ansatz, um mit einer Regierung ins Gespräch zu kommen.

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