Igel-Intensivstation im Keller

Harte Zeiten für Igel - nicht nur wegen neuer Technik

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Dieser Igel muss noch auf die Auswilderung warten. Ein Mähroboter hat ihm große Teile der Stachel weggeraspelt. Immerhin: Sie wachsen wieder nach. 

Natur- und Umweltschutzverbände beklagen schon seit Jahren, dass die privaten Gärten mehr und mehr alles andere als naturnah sind. Schön und sauber sowie vor allem pflegeleicht sollen sie schließlich sein. Da bietet es sich an, sich eines Roboters zu bedienen, der einem sogar das Rasenmähen abnimmt. Dabei denkt kaum jemand darüber nach, welche Gefahren diese Geräte mit sich bringen. Merwel Otto-Link kann ein Lied davon singen. Und das ist alles andere als schön.

Rotenburg - Die 50-jährige Rotenburgerin engagiert sich bereits seit sechs Jahren in der Igelpflege. Seit drei Jahren geht sie ganz gezielt an die Öffentlichkeit. Denn mittlerweile hat dieses Bemühen, den Igeln zu helfen, so große Ausmaße angenommen, dass es ohne Spenden nicht mehr zu finanzieren ist. „Wir werden noch in diesem Jahr einen Verein gründen“, sagt sie. 

Eine große Gefahr für Igel: Mähroboter

Zurzeit noch ist sie als offizielle Pflegestelle des Hamburger Vereins „Komitee für Igelschutz“ gelistet. Und so pflegt sie nicht nur hilfsbedürftige Tiere, sondern auch enge Kontakte zu ähnlich engagierten Menschen. Ein Thema zurzeit: Mähroboter. „Das hat große Ausmaße angenommen“, sagt Otto-Link. Immer mehr haben es die Pflegestellen mit verletzten Igeln zu tun, die den autonomen Rasenmähern in die Quere gekommen sind. Mal sind große Teile der Stacheln abrasiert, mal tragen die Tiere tiefe Schnittverletzungen im Gesicht davon, oder sie verlieren ein Bein. Es sind harte Zeiten für die Igel – nicht nur wegen der neuen Technik.

Rückzugsorte der Tiere gehen verloren

Weil die Gärten vielfach so aussehen, wie sie eben aussehen, gehen den kleinen Tieren zunehmend die Rückzugsräume verloren. „Außerdem sinkt das Nahrungsangebot, weil es immer weniger Insekten gibt“, erklärt die Tierschützerin. Die stacheligen Tiere weichen auf Regenwürmer und Nacktschnecken aus, die allerdings Lungenwürmer übertragen. Auch mit solchen Fällen hat es Merwel Otto-Link zu tun. Manchmal erkranken sie auch an den Giften, die in den Gärten eingesetzt werden. Im Frühjahr hatte Otto-Link 51 Igel in ihrer Obhut, derzeit sind es noch elf.

Merwel Otto-Link kümmert sich schon lange um hilfsbedürftige Igel. 

„Wir haben eigentlich schon immer Igel in unserem Garten. Einer brauchte mal Hilfe – damit ging es los.“ Irgendwann wurden es immer mehr. Es hat sich herumgesprochen, dass sich die 50-Jährige den Tieren annimmt. Inzwischen hat sie im Keller ihres Hauses eine Intensivstation eingerichtet, im Schuppen gibt es Boxen für weniger intensive Fälle. Und auf dem Rasen stehen zurzeit zwei Freigehege für Igel, die vielleicht schon bald wieder ausgewildert werden können.

Igel sind keine Fluchttiere

„Jeder will so einen Mähroboter haben, aber keiner denkt darüber nach, was sie anrichten können“, sagt die 50-Jährige. Und weil Igel keine Fluchttiere sind, versuchen sie, sich einzuigeln. Doch manchmal bemerkten sie die Geräte zu spät – die sind nämlich sehr leise.

Manche Familien haben bereits erfahren müssen, wie gefährlich die Geräte sein können – immer wieder ist von verletzten Kleinkindern die Rede, die mit Händen oder Füßen in die Fänge der Roboter geraten. „Deshalb weichen viele auf die Nachtzeiten beim Einsatz der Maschinen aus.“ Und genau davor warnt Merwel Otto-Link: „Dann sind die Igel unterwegs. Mit Einbruch der Dämmerung machen sie sich auf die Suche nach Nahrung.“

Jungtiere schaffen es häufig nicht in den Winterschlaf

Die eigentlichen Probleme der Igel sind ganz andere: Immer wieder schaffen es Jungtiere nicht, in den Winterschlaf zu kommen. Manchmal auch, weil sie die Mutter verloren haben, einfach nicht genug Nahrung finden und nicht das nötige Gewicht auf die Waage bringen. „Es kommt häufig vor, dass wir ganze Würfe versorgen müssen“, sagt Merwel Otto-Link, die ein ganzes Team von Helfern hinter sich weiß. Alleine ist das alles kaum zu schaffen. „Vor Mitternacht komme ich selten ins Bett.“

Denn neben der Pflege an sich sei es wichtig, genau Buch zu führen. Für jedes Tier schreibt sie auf, was sie macht, welche Medikamente sie gibt und wie die Entwicklung aussieht. Dabei arbeitet sie eng mit einem Tierarzt zusammen. „Ohne Tierarzt geht es nicht.“ Und das, obwohl sie selbst gelernte Krankenschwester ist.

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