60 MINUTEN Reden mit Barett

Lutherabend bei der Auferstehungsgemeinde

Reinhold Bühne beim Lutherabend
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Reinhold Bühne fordert eine Reformation – für das Kirchengesangbuch.

Den Reformationstag am vergangenen Sonntag hat die Rotenburger Auferstehungsgemeinde einmal ganz anders gefeiert - mit einem Abend, wie er auch vor rund 500 Jahren im Hause Martin Luthers hätte gefeiert werden können. Wir waren für 60 Minuten dabei.

Rotenburg – Was ist wohl damals vor gut 500 Jahren in Wittenberg im Haus des Reformators zum Abendessen auf den Tisch gekommen? Braten vielleicht, Pasteten möglicherweise, eventuell Gemüse wie Rüben oder Karotten – Gyrossuppe allerdings wohl eher nicht. Aber allzu viel historische Akkuratesse ist am Sonntag nicht notwendig. Denn vielmehr geht es an diesem Abend der Auferstehungskirchengemeinde darum, vor allem der Atmosphäre in dem ehemaligen Augustinerkloster, das Martin Luther damals mit seiner Frau Katharina von Bora, seinen Kindern und etlichen Schülern bewohnte, nachzuspüren.

„Bei Luthers zu Tisch“ ist das Motto, ein Konzept zum Reformationstag, das die Kirchengemeinde – oder vielmehr Pastor Peter Klindworth, der die Idee aus seiner vorherigen Gemeinde in Hittfeld mitgebracht hatte – schon im vergangenen Jahr umsetzen wollte, als just nach dem Reformationstag der zweite Lockdown anstand und die Verantwortlichen den Lutherabend wieder strichen.

Peter Thom trug ein selbstverfasstes Bänkellied vor, in das er etliche Zitate Martin Luther einstreute und mit einem Augenzwinkern kommentierte.

Jetzt ist es – ein Jahr später – in Form einer 2G-Veranstaltung soweit, Kerzen und Teelichter flackern auf den Tischen, die im Saal des Gemeindehauses verteilt stehen, daneben liegen Brettchen mit Stangenbrot, dekoriert mit Erdnüssen und rotem Herbstlaub, Gläser sowie Wasser-, Schorle- und Bierflaschen stehen bereit.

Was da der passenden Atmosphäre des 16. Jahrhunderts schon mal auf die Sprünge hilft: Auch, wenn die Suppe aus dem Glas ist und auf den Bierflaschen das Etikett einer Flensburger Brauerei klebt, tragen die Organisatoren, die das Essen servieren, historische, an die Zeit der Renaissance erinnernde Kleidung. Und Bier an sich dürfte auch schon bei Martin Luther im Krug geschwappt haben. Auch der Visselhöveder Posaunenchor, der unter anderem mit einer fanfarenhaften Bearbeitung des Luther-Chorals „Ein feste Burg ist unser Gott“ und weiteren Kirchenliedern aus der Feder des Reformators den Abend begleitet, hat sich ganz stilecht in Leinenkleider, Tuniken und – im Fall des ehemaligen Visselhöveder Pastors Peter Thom – in eine Mönchskutte gehüllt.

Peter Klindworth hatte die Idee aus Hittfeld mitgebracht.

Das Kernstück des Ganzen sind allerdings weniger die Äußerlichkeiten, als der Ablauf und der Inhalt, denn vor allem dieser soll sich an die Historie anlehnen. Und dazu gehören vor allem die Tischreden, die Luther und seine Schüler in alten Zeiten am Tisch schwangen, gefolgt von Diskussionen. Insgesamt etwa 7 000 davon soll der Reformator im Laufe seines Lebens gehalten haben. Ganz so viele sind es an diesem Abend in Rotenburg nicht. „Eine Rede, eine Rede“, sagt Klaus Priesmeier, ehemaliger Pfarrer in Scheeßel und am Mutterhaus in Rotenburg, und erhebt sich. Der Saal erwidert mit einem kernigen „Hört, hört“. Unterstützt von einem Mikrofon geht es bei ihm um die Frage, worum es bei der Reformation überhaupt geht – und was genau denn reformiert werden soll. Der Rede folgen ein Tischgebet und die Suppe.

Allerdings klappern wenig später noch die Löffel, als erneut der Schlachtruf „Eine Rede, eine Rede“ ertönt, diesmal quittiert von einem etwas gesättigt klingendem „Hört, hört“. Reinhold Bühne, ehemaliger Referent am Mutterhaus, gekleidet mit Wams und Barett, knöpft sich nun die Reformation des kirchlichen Liedguts im Gesangbuch vor. Nach einem weiteren Gang mit Bockwurst und Laugenstange wirft Klindworth einen Blick auf den Erneuerungsbedarf beim Osterfest – passend dazu eingeleitet vom Posauenchor mit einem Osterlied, das angesichts des Herbstwetters auf der anderen Seite der Fenster fast schon etwas Exotisches hat. Dann schlägt Thom in die Gitarrensaiten und fasst auf musikalische Art und Weise Bonmots und Weisheiten Luthers zusammen, seien es Anmerkungen zu Tischmanieren und zum Eheleben. Einen weiteren Ratschlag des Wittenbergers in Liedform beherzigt jeder Redner an diesem Abend: „Ihr könnt predigen, über was ihr wollt, aber predigt niemals über 40 Minuten.“

Der Posaunenchor begleitete den Abend musikalisch.

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