Zu Besuch bei den Rotenburger Segelfliegern

Lust an hoher Luft

Der Blick auf das Gewerbegebiet Hohenesch und den Flugplatz.
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Der Blick auf das Gewerbegebiet Hohenesch und den Flugplatz.

Rotenburg – Nicht über, sondern unter den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, so heißt es bei den Segelfliegern in Rotenburg. Der Verein für Luftsport Rotenburg Wümme wurde 1952 gegründet. Der Flugbetrieb startete 1953 in Unterstedt im Weißen Moor. Aus den umliegenden Städten trafen sich die Flugbegeisterten.

Die Rotenburger bauten eine Startwinde, die Verdener stellten ein Flugzeug zur Verfügung, mit vereinten Kräften wurde aus einem Feld eine Start- und Landebahn erschaffen. Bereits nach kurzer Zeit bot sich bei den Engländern in der heutigen Von-Düring-Kaserne die Nutzung von Flugplatz und Gebäuden an. Mitte der 60er-Jahre wurde das heutige Vereinsgrundstück an der Zevener Straße mit eigener Flugzeughalle, Werkstätten und Vereinsheim bebaut. Zum Fliegen ging es zuerst über einen Feldweg zum Flugplatz, dann kaufte der Verein selber Land dazu.

100 Mitglieder zählen zum Verein, davon sind 45 bis 50 Aktive und 15 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 25 Jahren dabei. Es stehen fünf Segelflugzeuge und ein Motorsegler zur Verfügung. Vom Schulungsdoppelsitzer über den Schulungseinsitzer bis zum Hochleistungsdoppelsitzer und -einsitzer, mit denen die Mitglieder auch bei Weltmeisterschaften mitfliegen könnten, ist alles dabei. Anfang des Jahres wurde ein neues Schulflugzeug mit den neuesten Standards gekauft. Die Wartungs- und Reparaturarbeiten an den Segelfliegern übernimmt die Segelfluggemeinschaft in der eigenen Werkstatt selber.

Die Außenstelle Rotenburg des Luftsport-Verbands Niedersachsen bildet Segelflugpiloten aus. Im Alter von 14 Jahren dürfen diese das erste Mal alleine fliegen. Acht Fluglehrer des Vereins wechseln sich wöchentlich mit der Ausbildung ab.

Einer dieser Fluglehrer ist Christian Rinn, der 2005 zum ersten Vorsitzenden gewählt wurde und somit die Nachfolge seines Vaters antrat. Rinn ist auf dem Segelflugplatz groß geworden. Das Besondere für ihn sei die tolle Gemeinschaft, das Füreinander- da-sein, gemeinsam in den Urlaub zu fahren und neue Gebiete zu befliegen. In der Luft sei es die Weite und eine Strecke in einer Zeit zu bewältigen, die mit dem Auto nicht möglich wäre, das fasziniert den 54-Jährigen.

„Beim Segelfliegen kommt es auf die richtige Thermik an“, erklärt Christian Rinn. In diesen Breitengraden sei die beste Jahreszeit zum Segelfliegen von April bis August, um das Ziel, so lange wie möglich und große Strecken zu fliegen, zu bewältigen.

Im Verein für Luftsport wird von Ende März bis Ende Oktober noch geflogen, aber die Thermik lässt ab September keine langen Flüge mehr zu. Die besten Voraussetzungen für einen Flugtag sind gegeben, wenn die Nacht kalt war, die Sonnenstrahlen am nächsten Tag den Boden erwärmen. Die erwärmte Luft steigt nach oben, es bilden sich Kumulus-/Schäfchenwolken. Diesen Thermikschlauch, auch Bart genannt, steigen die Segelflieger kreisend nach oben, um an Höhe zu gewinnen.

Im anschließenden Gleitflug sinkt das Flugzeug 0,5 bis zwei Meter pro Sekunde bis zum nächsten Thermikschlauch. Bei den neuwertigen Flugzeugen kann zusätzlich Wasser als Ballast in die Tanks der Tragflächen gefüllt werden. Das Flugzeug steigt zwar langsamer in dem Bart, fliegt aber schneller im Gleitflug, deshalb wird das schlechte Steigen gerne in Kauf genommen.

Die Segelflugzeuge können mit Hilfe eines Motorflugzeugs in die Luft geschleppt werden. In Rotenburg zieht eine Seilwinde die Flugzeuge nach oben. Diese ist auf einem Lastwagen befestigt und wird von einem 400-PS-starken Dieselmotor angetrieben. Das Kunststoffseil beschleunigt die Segelflugzeuge in zwei Sekunden von null auf 100 Stundenkilometer und wird in einer Höhe von 600 Metern automatisch ausgeklinkt. Es schwebt an einem Fallschirm langsam zu Boden.

Die normale Flughöhe für Segelflieger beim Streckenflug liegt zwischen 1 000 und 2 500 Metern. Befindet sich der Pilot unter 1 000 Metern, sollte er nach einem Landeplatz suchen. Bei 600 bis 500 Metern sollte ein Landeplatz in Aussicht sein. Zu ungeplanten Landungen kommt es heute immer weniger, denn das Wissen und Lesen der Thermik wird immer besser. Sollte es aber doch einmal dazu kommen, sind Einsitzer innerhalb von zehn Minuten durch Lösen zweier Bolzen auseinandergebaut und im Anhänger verstaut.

Lea Hens startete ihre Ausbildung zur Segelflugpilotin mit 13 Jahren, ein Tag nach ihrem 14. Geburtstag durfte sie das erste Mal alleine im Einsitzer fliegen. Für das besondere Gefühl von Freiheit verfolgt Hens zielstrebig ihre weitere Ausbildung. „Das Segelfliegen ist einfache Physik, sie darf einen nur nicht überholen“, erklärt Segelfluglehrer Michael Katzsch. Die Welt von oben kennenlernen, begeistert ihn.

„Die Lautstärke vom Kollisionswarngerät wird vor dem Fliegen kontrolliert, um ein Zusammenstoß mit anderen Segelfliegern zu vermeiden“, versichert sich der Fluglehrer bei Sichtung der Flugzeuge.

Der von außen, an der Cockpithaube befestigte Wollfaden ist das günstigste, aber auch wichtigste Instrument beim Fliegen. Der Segelflugpilot versucht den Faden parallel zur Längsachse zu halten, um einen optimalen Flugzustand zu erreichen.

Der Rotenburger Verein für Luftsport richtet seit 1985 regelmäßig Wettbewerbe für die Qualifikation zu den Deutschen Segelflugmeisterschaften aus und hat sich für die Ausrichtung 2021 erneut beworben. Zurzeit wartet der Verein auf die Zusage.

In diesem Jahr sollten in Stendal die Weltmeisterschaften im Segelfliegen ausgetragen werden, durch Corona wurden sie auf das nächste Jahr verschoben.

Gäste sind auf dem Flugplatz gerne gesehen. Für 25 Euro können sich Flugbegeisterte Rotenburg von oben anschauen. Zurzeit sind Gastflüge und Schnupperkurse nur nach vorheriger Absprache und unter den besonderen Hygienevorschriften möglich. Mehr Infos gibt es online unter der Adresse www.vfl-rotenburg.de.

Von Kristin Stüring

Christian Rinn an der Seilwinde.
Lea Hens im Einsitzer des Vereins.
Carl Schmauks kontrolliert das Segelflugzeug kurz vor dem Start.

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