Lukas Tohoff leistet seit zwei Monaten Entwicklungshilfe in Indien

„Jeder möchte mit dem Deutschen spielen“

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Lukas Tohoff auf einer Brücke bei Jeypore.

Jeypore/Unterstedt - Von Matthias Röhrs. Seit Ende August verbringt Lukas Tohoff aus Unterstedt in der indischen Region Jeypore ein Auslandsjahr, um dort für das Zentrum für Mission und Ökumene in Hamburg Lehrer beim Unterricht zu unterstützen. Im Interview zum Wochenende spricht der 18-Jährige mit uns über Kulturschocks, seine Arbeit und die Eigenheiten des Landes.

Sie sind jetzt seit knapp zwei Monaten in Jeypore. Können Sie sich noch an Ihre ersten Eindrücke erinnern?

Lukas Tohoff: Natürlich hatte ich einen Kulturschock. Als ich aus dem Flughafen in Visag kam, hat mich erstmal das warme und feuchte Klima erschlagen. Von dort sind wir dann sieben Stunden lang nach Jeypore gefahren. Für 150 Kilometer Luftlinie! Zwar wurde es schnell dunkel, aber ich habe noch den ganzen verrückten Verkehr im Hellen erlebt. Es war laut, und die Inder fahren scheinbar ohne Regeln und Vernunft. Irgendwo knallten Böller, um eine Hochzeit zu feiern. Es roch streng und überall liefen Kühe und Hunde rum.

Und in Jeypore?

Tohoff: Als ich tief in der Nacht endlich in mein Bett gefallen bin, war ich einfach nur erschöpft von den vielen Eindrücken und der langen Reise. Dann roch es auch noch leicht muffig, und wir hatte Eidechsen im sonst schönen Zimmer. Und da hab mich ehrlich gefragt, warum ich mir das alles antue. Im Hellen war es aber viel besser.

Inwiefern?

Tohoff: Am Tag vorher wurde das Bild von Indien noch durch meine müden Augen verfälscht. Aber die dunklen Gesichter der Nacht sahen am Tag dann viel freundlicher aus. Außerdem konnte ich im Hellen auch endlich etwas von der wunderschönen Natur sehen.

Wie haben Land und Leute Sie aufgenommen?

Tohoff: Alle sind total nett. Am ersten Sonntag wurden wir in der Kirche mit Blumen empfangen, und ich werde immer noch häufig zum Essen eingeladen. Die Natur ist auch wundervoll, ich habe auch schon kleine Äffchen mit der Hand mit Bananen gefüttert und Elefanten gesehen.

Haben Sie sich mittlerweile eingewöhnt?

Tohoff: Eingewöhnt habe ich mich definitiv. Ich fühle mich sehr wohl und bin sozial gut vernetzt. Es ist eher schwer, seinen Freundeskreis zu begrenzen, als einen aufzubauen. Auch in der Stadt gibt es immer relativ schnell ein paar Leute, die mit mir reden wollen. Man hat mir geraten, mich auf niemanden einzulassen, und wenn ich einmal angefangen habe, Hände zu schütteln, dann komm ich gar nicht mehr weg. Deshalb bin ich da sehr vorsichtig, aber man merkt auf der anderen Seite auch schnell, wer vertrauenswürdig ist. Ich habe bereits viele nette Leute kennengelernt und tolle Gespräche geführt.

Fühlen Sie sich auch unsicher?

Tohoff: Unsicher fühle ich mich eigentlich kaum noch. Aber natürlich lassen sich meine Wertvorstellungen nicht immer mit den indischen vereinbaren. So weiß ich zwangsläufig nicht ganz genau, wie ich zum Beispiel reagieren soll, wenn Kinder geschlagen werden. Ich möchte ja auch ungern der Deutsche sein, der den Indern das Leben und die Kindererziehung erklärt und was sie zu machen und zu lassen haben. Andererseits kann ich auch viel lernen, wenn ich bestimmte Dinge nicht mit unserer mitteleuropäischen „Wertebrille“ betrachte.

Gibt es eine Frage, die Ihnen immer wieder gestellt wird?

Tohoff: Ich werde hier andauernd gefragt, wieviel bestimmte Dinge in Deutschland kosten. Alle staunen dann, wie teuer es bei uns ist und was die Leute bei uns an Geld verdienen. Ein Lehrer hier verdient zum Beispiel 5000 Rupien (etwa 70 Euro, Anm. d. Red.) im Monat, und der Friseur, der bei mir übrigens auf Drogen war, kostet 40 Rupien. Und natürlich ist Adolf Hitler hier der bekannteste Deutsche, der von einigen sogar ziemlich positiv bewertet wird.

Wie ist das zu erklären?

Tohoff: Das ist wirklich schwer zu verstehen. Ich habe auch eigentlich noch keine richtigen Gründe gehört, warum Hitler gut gewesen sein soll. Mit den ganzen Hakenkreuzen in Indien hat das aber nichts zu tun. Das sind Glückssymbole. Aber Hitler nehmen die Inder zum Teil als starke Führungsperson wahr, die relativ selbstlos viel für die Menschen gemacht hat. In Anbetracht vieler korrupter Politiker in Indien spielt dieser Ruf Hitlers vielleicht auch eine Rolle. Aber dass der derzeitige Premierminister, Narendra Modi, aus den Reihen der hindu-nationalistischen Partei BJP kommt, hat für mich aber schon einen bitteren Beigeschmack.

Bei was müssen Sie sich immer wieder aufs Neue überwinden?

Tohoff: Zum Glück muss ich mich zu nichts wirklich überwinden. Ich dusche jetzt zwar seit zwei Monaten kalt, aber das ist bei dem Wetter auch ganz angenehm. Und das frühe Aufstehen fiel mir im verregneten Deutschland schwerer.

Und andersrum, was wird Ihnen nach Ihrer Rückkehr bestimmt fehlen?

Tohoff: Das kann ich gar nicht so genau sagen. In Indien fehlt mir auch kaum etwas aus Deutschland. Alles ist halt anders, aber gut. Wobei der Geschmack von Bananen schon um einiges besser ist. Ob ich daheim wieder in die Bananen aus dem Supermarkt beißen kann, weiß ich noch nicht.

Sie arbeiten in einer Schule und helfen dort den Lehrern. Was sind Ihre Aufgaben?

Tohoff: Meine Arbeit ist echt toll. Ich unterrichte mittlerweile die Schüler in verschiedenen Fächern wie Mathe, Sozialkunde, Geschichte und Geographie. Außerdem versuchen wir gerade, auch ein Schulprogramm am Nachmittag zu etablieren, wo ich Nachhilfe geben kann oder mit den Kindern Fußball spiele. Momentan sind wir aber in der Prüfungsphase, sodass ich viel damit zu tun habe, Aufgabenblätter am Laptop zu schreiben, da nicht alle Lehrer tippen können, Klausuraufsicht zu führen und natürlich auch die Arbeiten zu korrigieren.

Verstehen Sie sich mit Ihren Kollegen?

Tohoff: Das Arbeitsklima ist ganz anders als in Deutschland. Alles ist viel entspannter und stressfreier. Man schafft zwar auch weniger, aber es ist dafür auch sehr angenehm. Deshalb ist es für mich auch kein Problem gewesen, mal bis 21 Uhr Examen vorzubereiten. Lehrer brauchen in Indien übrigens keine spezielle Ausbildung. Mit guten Schulnoten und Durchsetzungskraft kann das jeder nach einem Vorstellungsgespräch werden. Meine Kollegen sind aber alle intelligent und nett. Wir können viel voneinander lernen.

Stoßen Sie bei der Arbeit auch an Ihre Grenzen?

Tohoff: An meine Grenzen stoße ich, wenn die Kinder mich nicht richtig verstehen. Das kann besonders bei den Kleineren vorkommen. Obwohl ich auf einer englischsprachigen Schule bin, sind die Kleinen halt noch nicht ganz so weit. Außerdem ist es schwer, allen Erwartungen gerecht zu werden, weil jeder Schüler seine Aufmerksamkeit braucht und gerne mal mit dem Deutschen spielen will. Dann ist es schwer zu hören, dass einige Kinder traurig sind, weil ich ihnen nicht die erwartete Aufmerksamkeit geschenkt habe, da viele gleichzeitig etwas von mir wollen. Ich bin hier halt schon etwas Besonderes, und es ist nicht leicht, diese Rolle ganz auszufüllen.

Sehen Sie Ihre eigene Schulzeit jetzt auch mit anderen Augen?

Tohoff: Natürlich ist es ein unglaubliches Privileg, in Deutschland aufgewachsen zu sein. Auch wenn mittlerweile fast jeder Inder Zugang zu Bildung hat, ist die Qualität der Schulen und Lehrer in Indien halt eine ganz andere als in Deutschland. Wenn man sich noch vor einem Jahr in der siebten Stunde in Mathe gelangweilt hat, kam einem die eigene Schulzeit zwar nie als Privileg vor, aber im Nachhinein weiß ich diese Zeit dann doch zu schätzen.

Wie gestalten Sie Ihre Freizeit in Indien?

Tohoff: Meine Freizeit gestaltet sich relativ abwechslungsreich. Mal spiel ich Fußball, mal Volleyball, mal gehe ich ins örtliche Fitnessstudio, mal spiele ich mit Kindern oder gehe in die Stadt. In Indien läuft das Leben auf der Straße ab. Ich helfe auch einem Physiotherapeuten aus den Krankenhaus, Deutsch zu lernen. Ab und zu möchte ich aber in diesem tollen Land auch ein paar Minuten für mich haben.

Ein Jahr in Indien: Kurz nach seinem Abitur am Ratsgymnasium Rotenburg ist der Unterstedter Lukas Tohoff Ende August nach Jeypore in Indien gereist, um in Schulen auszuhelfen. Insgesamt ein Jahr bleibt er dort. „Ich wollte nicht direkt nach dem Abitur studieren“, erklärte Tohoff vor der Abreise den Entschluss. Ins Ausland sollte es gehen, aber dabei auch „etwas Sinnvolles machen“. Über die Nordkirche landete er bei der Bildungsarbeit der Jeypore-Kirche, einer großen christlichen Gemeinde in der Region. Dort unterstützt er an verschiedenen Schulen die Lehrer in den Fächern Englisch, Mathematik, Kunst und Gemeinschaftskunde. Von seinen Erlebnissen berichtet er regelmäßig in einem Blog.

www.meinindienblog.wordpress.com

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