Reinhard Lüdemann nach mehr als 46 Jahren im Ruhestand

„Luffy“ dankt seinem Opa

Reinhard Lüdemann verabschiedet sich aus dem Rathaus.
+
Reinhard Lüdemann verabschiedet sich aus dem Rathaus.
  • Guido Menker
    vonGuido Menker
    schließen

Rotenburg – Nach 46 Jahren und einem Monat ist Schluss. Reinhard Lüdemann – genannt „Luffy“ – verabschiedet sich in den Ruhestand. Was am 1. April 1974 begonnen hat, endet offiziell zwar erst am 31. Dezember des nächsten Jahres, aber schon zum 1. Mai dieses Jahres hat der 62-Jährige seinen Schreibtisch im Rotenburger Rathaus geräumt – die Freistellungsphase seiner Altersteilzeit sollte beginnen. „Es war einfach eine geile Zeit“, sagt der nach eigener Aussage „talentfreie“ Musikliebhaber, der einst eigentlich vorhatte, es als erfolgreicher Fußballer den Engländern heimzuzahlen, nachdem er 1966 voller Enttäuschung das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft gesehen hatte, in dem die Gastgeber gegen Deutschland durch das „ungerechte“ Wembley-Tor den Titel holten. Der Stachel sitzt auch heute noch tief.

Lüdemann trug danach das Trikot von Germania Hetzwege – den Verein hat er nie gewechselt. Er liebte es, im Sturm zu spielen, kam aber auch als Libero zum Einsatz. „Ich habe es immerhin bis in die Kreisauswahl geschafft und hatte später die Gelegenheit, nach Rotenburg zu wechseln.“ Wollte er aber nicht. „Meine Clique war mir wichtiger.“ Die Clique, die Musik – das war sein Leben.

Doch nach dem Ende der Realschulzeit galt es, eine Entscheidung zu treffen. „Eigentlich wollte ich so gar nichts machen“, erinnert er sich. Doch dann kam „Opa Schule“ ins Spiel – der hieß so, weil er Lehrer war.

„Opa Schule“ meinte, „Luffy“ sollte sich im Öffentlichen Dienst bewerben. „Opa, was ist denn Öffentlicher Dienst?“ Opa gab ihm die Adressen vom Landkreis und der Stadt Rotenburg, und um Opas Wunsch zu erfüllen, schickte der 16-Jährige dorthin zwei Bewerbungen. Die Stadt meldete sich zuerst, und „Luffy“ schlug zu. Fußball spielen konnte er weiterhin – unter anderem im Betriebsfußballteam des Rathauses.

Nach der Ausbildung absolvierte Lüdemann seinen Bundeswehrdienst für zwei Jahre bei der Bundeswehr – bei den „Goldöhrchen“ (Horchfunker) in Rotenburg. „Nach der Rückkehr ins Rathaus sollte ich Beamter werden“, erzählt Lüdemann beim Gespräch iner der Redaktion. „Wollte ich aber nicht.“ Der Rat hatte die Sache entschieden, und die Ernennungsurkunde war geschrieben, als Lüdemann von der Bundeswehr zurückkehrte. Der stellvertretende Stadtdirektor akzeptierte Lüdemanns Ablehnungsgründe und zerriss das Dokument.

Der junge Mann blieb also Angestellter, durchlief verschiedene Ämter und grüßte von 1991 an als Abteilungsleiter im Haupt-, Sport- und Kulturamt der Stadt Rotenburg. „Zunächst war das eine reine Verwaltungsstelle, was sich in den kommenden Jahren aber komplett ändern sollte“, so Lüdemann. Zum Schluss war es eine Stelle mit einem Zeitanteil von 50 Prozent für Veranstaltungen.

Spätestens da war der Zeitpunkt gekommen, an dem „Luffy“ sich sicher war, seine Hobbys zum Beruf gemacht zu haben – denn die Veranstaltungen in den Bereichen Sport und Kultur hatten es in sich, das war seine Welt, in der er viele interessante Menschen kennengelernt hat. Unter anderem auch die Trainer-Legende Leo Beenhakker. Der war im Winter vor der WM 2006 nach Rotenburg gekommen, um sich über das Hotel Wachtelhof und die Stadt zu informieren und schließlich zuzusagen. Damit war klar, dass das Trinidad & Tobago-Team an der Wümme seine WM-Zelte aufschlagen würde. „Das war ein ganz besonderer Tag, den ich nie vergessen werde.“ Lüdemann war – na klar – am Ball im Zuge des Gastspiels dieses WM-Außenseiters im darauffolgenden Sommer, bei verschiedenen Fußball-Länderspielen in Rotenburg, beim Trainingslager von West Ham United, bei La Strada, bei den Kulturwochen, dem Meistertrunk-Gastpiel in der Stadtkirche, als Mitinitiator beim Kulturbankett und vielen weiteren Ereignissen kleineren und größeren Ausmaßes. Doch nun ist Schluss, Lüdemann genießt den Ruhestand und hat mehr Zeit für Musik.

Bernd „Bobby“ Meyer aus Scheeßel ist ein enger Freund. Zusammen sind sie zur Schule gegangen, zusammen haben sie als Jugendliche Musik gehört, gemacht, geliebt und 1973 das erste Festival in Scheeßel erlebt. „Music Was My First Love“, sagt Lüdemann in Anlehnung an den legendären Song von John Miles. Und seit 2015 bemühen die beiden Kumpels einen Song von The Who für ihre Veranstaltungsreihe „Talkin’ ‘bout My Generation“, mit der sie sich in der Region und damit über Rotenburg und Scheeßel hinaus einen Namen gemacht haben. Es sind Abende, an denen sie sich auf witzige, informative und unterhaltsame Art mit Bands und Künstlern vor allem der späten 60er- und 70er-Jahre beschäftigen, dabei aber immer auch die Gäste mit einbeziehen. Die Rolling Stones, die Beatles, Pink Floyd, Bob Dylan und das Woodstock-Festival waren schon dran, einen Hurricane- sowie einen Bowie-Abend soll es noch geben.

Vielleicht hätte es Ende April auch bei „Luffys“ Abschiedsfeier Musik aus dieser Richtung gegeben. Doch die Feier ist wegen Corona ausgefallen. „Luffy“ will sie nachholen. Und während er darüber spricht, denkt er auch an „Opa Schule“ zurück: „Ihm muss ich wirklich dankbar sein für alles.“ Denn der hatte einst eine ziemlich gute Idee.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Verstappen überrascht Mercedes - Vettel motzt in Silverstone

Verstappen überrascht Mercedes - Vettel motzt in Silverstone

Fotostrecke: Werder-Sieg gegen Eintracht Braunschweig - Zurück im Wettkampfmodus

Fotostrecke: Werder-Sieg gegen Eintracht Braunschweig - Zurück im Wettkampfmodus

Beirut: Gewalt bei Protesten - Premier schlägt Neuwahlen vor

Beirut: Gewalt bei Protesten - Premier schlägt Neuwahlen vor

38,2 Grad am Samstag - und die Hitze bleibt

38,2 Grad am Samstag - und die Hitze bleibt

Meistgelesene Artikel

Neuanfang in der Gemeinde

Neuanfang in der Gemeinde

„Wir weisen keine Kinder ab“

„Wir weisen keine Kinder ab“

Die ganze Welt unter einem Dach

Die ganze Welt unter einem Dach

Dem Herzen auf die Sprünge helfen

Dem Herzen auf die Sprünge helfen

Kommentare